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Missing Link zu Smart Borders: Die Stadt der Zäune und das Land der Träume

Zwischen Calais und Dover sichert Hightech den Grenzübertritt, was Migranten aber nicht abschreckt. Ein Besuch im abgeschottetsten Hafengelände der Welt.

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Missing Link: Grenztechnik in Calais - Die Stadt der Zäune und das Land der Träume

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Es ist Nacht. Jede Straße in der französischen Atlantikstadt Calais ist von grellen Straßenlaternen gesäumt, die das Pflaster in weiß-gelbes Licht tauchen. Keine Schatten sind zu sehen. Sachte plätschern die Wellen des Kanals in der grellen Dunkelheit. Noch eine Biegung, dann fließt er ins dunkle Meer.

Hübsche blaue Lichterketten säumen die Ufermauer. Wenn man näher tritt, sieht man, dass die Lichter nicht zur Dekoration gedacht sind. Die bläulichen Scheinwerfer sind auf das schwarze Wasser gerichtet. Blau ist die Farbe, die am tiefsten durch das Wasser dringt, anders als weißes Licht. Es eignet sich hervorragend, um Menschen zu entdecken, die durch den Kanal schwimmen und sich an Fähren hängen könnten. Wenn sie nicht vorher von einer der 130 Kameras entdeckt worden sind, deren schwarze Kugelaugen von jedem Häuservorsprung und jeder Laterne hängen.

Sich durch Calais zu bewegen ist so, als würde man sich in der Truman Show befinden. Eine künstlich erschaffene Welt in der realen. Alles scheint auf den ersten Blick normal, erst auf den zweiten Blick merkt man, dass man von jeder Perspektive unbemerkt beobachtet wird.

Der Ärmelkanal ist eine jener Meerengen der Welt, an der sich unzählige Tragödien ereignet haben. Dutzende von Menschen sterben jedes Jahr in der Hoffnung, Großbritannien zu erreichen. Die einen versuchen, durch den Eurotunnel zu gelangen. Dort werden sie dann vom internationalen Hochgeschwindigkeitszug „Eurostar“ überrollt. Sie laufen auf den Standstreifen der französischen Autobahn entlang und werden von Lastwagenfahrern aus Osteuropa erfasst, die teilweise absichtlich nicht anhalten. Sie waten in die Wellen am Strand und versuchen in den kalten Fluten zu schwimmen, die weißen Kreidefelsen am Horizont im Blick, bis sie in den Sog der Schiffsschrauben der riesigen Tanker geraten. Zu Hochzeiten der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 wurden jeden Monat sechstausend Menschen von den Beamten „am Grenzübertritt gehindert“, wie es in der Bürokratensprache heißt.

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Am nächsten Tag scheint die Sonne hell und leuchtend, der Himmel ist strahlend blau. Zu Fuß laufe ich über das abgeschottetste Hafengelände der Welt, um zu beobachten, wie Technik zum Aufhalten von Migrationsbewegungen genutzt wird. Ab März 2019 ist Calais das Tor zur neuen EU-Außengrenze.

Ein Mann mittleren Alters mit Helm und neongelbem Turnbeutel auf dem Rücken schiebt sein Trekkingfahrrad die Fußgängerbrücke über den Hafen hoch. Es stellt sich heraus, dass er ein ehemaliger britischer Sicherheitsoffizier ist. "Die Zollkontrolle hier an der Grenze funktioniert nach simplen mechanischen Standards, das ist kein Hexenwerk“ sagt er mit wegwerfender Handbewegung, mit der anderen Hand sein Fahrrad balancierend. Der britische Zoll habe vor allen Dingen selbstgebaute radioaktive Bomben von ehemaligen IS-Kämpfern im Visier. "Ein Terroranschlag, von einem Terroristen, der als illegaler Migrant über Dover nach England gelangt, vor diesem Szenario haben die Zollbehörden am meisten Angst“.

Wer durch die Hafenstadt spaziert, sieht überall rote historische Plaketten, die an Stadtmauern und zerbröckelnden Festungen befestigt sind. An jeder Ecke wird an die Okkupation der Briten oder der Deutschen erinnert und an den heroischen Kampf der französischen Soldaten.

Die Hafenstadt Calais stellt einen empfindlichen Punk in der Geschichte Großbritanniens dar. Hier ist die engste Stelle der geographischen Berührung der britischen Insel mit Kontinentaleuropa. Das Fischerdorf an der Opalküste war jahrhundertelang ein heiß umkämpftes Territorium zwischen England und Frankreich. Könige auf beiden Seiten des Kanals eroberten abwechselnd in blutigen Kriegen die Küstenstadt. Im Mittelalter belagerte England mehrere Jahrhunderte Calais, um englische Soldaten auf dem europäischen Festland präventiv zu stationieren. Bei Gefahr eines Angriffs konnten die Engländer so ihre Truppen schnell in alle Himmelsrichtungen aussenden. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts kam die Stadt wieder unter französische Herrschaft.

Heute sind die englischen Truppen wieder da und haben dieselbe Aufgabe wie im Mittelalter: Abwehr von Eindringlingen. Frankreich erlaubt die Stationierung britischer Bundespolizisten am Hafen, um das Meer zu überwachen. Die Soldaten tragen keine Rüstung mehr, sondern eine dunkelblaue Uniform, statt Schwert besitzen sie Barcodescanner zum Prüfen der Ausweise und ihre Pferde hat man gegen Spürhunde eingetauscht. Bekämpften sich beide alten Nationen früher als erbitterte Gegner, hat man heute die Fehde zu Grabe getragen und sich auf einen gemeinsamen Feind geeinigt: Menschen, die weder britische noch französische Staatsbürgerschaft besitzen.

Das gesamte Hafenareal ist umgeben von meterhohen weißen Gitterzäunen, um Menschen ohne Visum an der Überquerung des Ärmelkanals abzuhalten. Stacheldraht rollt sich in langen Windungen auf den Zaunspitzen entlang. Wer Lastwagenfahrer ist, muss sich schon mehrere Kilometer vor dem Fährterminal auf eine separate eingezäunte Spur einordnen. Die massigen camions bieten die besten Versteckmöglichkeiten für illegale Passagiere und werden dementsprechend am schärfsten kontrolliert.

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Der ehemalige Sicherheitsoffizier steigt auf sein Fahrrad und schultert seinen Turnbeutel. „Übrigens“ fügt er hinzu, "die meisten Geräte stammen aus Deutschland – Siemens." Die Sicherheitsindustrie profitiere am meisten vom strikteren Grenzkontrollen. Er setzt seinen Helm auf und fährt los, zur Fähre nach Dover. "Mehr darf ich nicht sagen, ich habe einen Verschwiegenheitsvertrag auf Lebenszeit unterzeichnet“. Der Wind weht, Möwen fliegend kreischend über die Kolonnen von wartenden Fahrzeugen vor der Fähre hinweg. „Und noch was”, ruft er mir aus einiger Entfernung zu, als er mit seinem Fahrrad noch eine Runde zurück dreht: “Hundenasen schlagen jede modernste Technik der Grenzpolizei.“

Ich überquere den Parkplatz vor dem Fährterminal, vorbei an den wartenden Privatautos und ihren Passagieren, die sich gähnend die Beine vertreten, bevor sie auf die Fähre dürfen. Endlos führt mein Weg in an den weißen Gitterstäben entlang. Je weiter man sich vom Hafen entfernt, umso mehr verläuft man sich in dem Labyrinth aus Hügeln, aus grünem Gras und den meterhohen, teilweise doppelt gereihten Zäunen.

Die Abschottung des Hafens ist der britischen Regierung einiges wert: Satte 55 Millionen wurde Frankreich im Januar 2018 versprochen, um die Absperrungen aufzurüsten „Wir werden die Sicherheitsarchitektur aufstocken und noch mehr Überwachungskameras, Infrarottechnologie und mehr Zäune in Calais installieren“, sagte Theresa May anlässlich der Erneuerung des Vertrags von Touquet. Das Abkommen erlaubt beiden Ländern die Überprüfung der Reisenden auf dem jeweiligen anderen Staatsgebiet.

„Schicken Sie die Rechnung für diesen Ausbau des Hafens von Calais an Angela Merkel“, ätzte der konservative Abgeordnete Andrew Bridgen danach. Seine Aussage zeigt, wie trotz des drohenden Brexits Europa in der Flüchtlingsfrage immer noch eng miteinander verflochten bleiben wird. Für die Verteidigung seiner Interessen braucht Großbritannien das EU-Territorium.

Beim Ausbau der Zäune orientiert sich die britische Regierung an der Hightech-Mauer entlang des Gazastreifens von Israels. Thermische Erkennungsgeräte, die an den Zäunen um den Hafen rund herum montiert sind, erkennen Temperaturunterschiede. Die Wärmebildkameras funktionieren wie normale Kameras, nur dass sie ausschließlich langwellige Strahlung aufnehmen und in unterschiedlichen Grautönen darstellen. Ihr Blitz besteht aus Infrarotlicht. Auf dem Bildschirm der Zollbeamten werden die graustufigen Bilder dann künstlich eingefärbt – je röter ein Fleck, umso höher die Temperatur der Wärmequelle. Das thermische Aufspüren funktioniert auch bei vor kurzem verlassenen Stellen, zum Beispiel, wenn ein kalter Stacheldrahtzaun besonders lange von einer warmen menschlichen Hand umklammert war.

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Menschen, die legal reisen, dürfen durch eine gläserne Drehtür gehen, durch die man in das beheizte Fährterminal gelangt. Links und rechts hängen Bildschirme, auf denen Gratis-WLAN und renovierte Social-Media-Kanäle angepriesen werden. Ab jetzt kann man dem Hafen „Port Bolougne-Calais“ auf Instagram und Twitter folgen. Auf den Instagram-Account gibt es selbstverständlich keine Fotos von ertrunkenen Migranten oder Informationen über zerquetschte Menschen in LKW-Anhängern. Auf Twitter erinnert der Hafen-Account ausschließlich an das Wetter und daran, dass die Passagiere in regelmäßigen Abständen die Passdokumente für Haustiere bereit zu halten haben. Die gesamte Homepage des Hafens liest sich wie eine Seite eines Wellness-Spa-Zentrums: Austerngerichte auf der Fähre werden angepriesen und es gibt Kultur-Tipps, was man als Engländer in Frankreich wissen sollte („rechts fahren!“) und einen Instagram-Wettbewerb („reiche das schönste Foto der Fähre ein“).

Ich kaufe mir ein Ticket und werde von einer “Sicherheitsdame” in neonorangener Weste und Funkgerät in der Hand durch die britische Zollkontrolle eskortiert, die sich in Kurven kilometerweit bis zum Ufer erstreckt. Keinen Schritt dürfen wir sechs zu Fuß reisende Passagiere auf dem Terminal alleine machen. Ich befinde mich entweder im Gänsemarsch hinter der Aufseherin oder in einem Bus, der uns von der Gepäckkontrolle bis zur Passkontrolle fährt. “Illegale Migranten bleiben draußen – wir heißen die willkommen, denen es erlaubt ist, zu bleiben, ihre britische Regierung” lese ich an einem offiziellen Wandschild neben dem gestressten Grenzoffizier, der meinen Ausweis prüft. Hunderte von niederländischen Schulkindern stehen mit mir in einer Schlange, kreischend und lachend.

Jeder Lastwagen muss durch eine Art Garagentür fahren, bevor er auf die Fähre darf. Eine Rollwand fällt automatisch herunter und wieder hoch, um die schweren Lastwagen einzeln hindurch zu lassen. Hier drinnen, von der Außenwelt ausgeschlossen, wird jeder Lastwagen mit Millimeterwellen geröntgt. Jeder Lastwagenfahrer muss zwischen zwei großen schwarzen Scheiben entlang fahren, die ähnlich wie Solarpanels aussehen. Die Wände registrieren die kurzen Terahertzfrequenzen eines Lebewesens, das sich im Laderaum versteckt. Von den Scheiben wird keine aktive Strahlung ausgesandt, wie sie beim medizinischen Röntgen stattfindet, sondern die Technik empfängt die natürliche Eigenstrahlung menschlicher Körper. Passive Strahlung nennt man dieses Verfahren, ein Vorgang, bei dem nicht direkt in den Organismus des Flüchtlings eingegriffen wird.

Eine weitaus effektivere, aber gefährlichere Methode, Menschen hinter LKW-Planen aufzuspüren, ohne das Fahrzeug öffnen zu müssen, ist die Gammastrahlung. Doch dieses Instrument verbot Frankreich aufgrund von EU-Normen der britischen Grenzpolizei vor einigen Jahren, da die Strahlen aktiv durch den Körper dringen. Der konservative Abgeordnete für Dover, Adam Holloway, erklärte damals, die Entscheidung zeige, „dass die französischen Behörden erneut das Problem der Immigration auf Großbritannien abwälzten“. Die Aussage zeigt das historisch gewachsene Misstrauen, das viele Briten gegenüber Frankreich hegen.

Auf dem Schiff herrscht enges Gedränge. Kasinos versprechen den Reisenden ein paar Stunden unbeschwerten Spielvergnügens. Laster im Staub fahren auf der Kaimauer entlang und bauen den Hafen aus. Es sind keine schwarzen Menschen auf dem Schiff zu sehen, nur weiße Menschen. „Wir würden Sie gerne auf das neue Parfüm „Joy“ von Christian Dior aufmerksam machen“, lautet die nachdrückliche Durchsage der Kabinenoffiziere durch die Lautsprecher. Hunderte von Menschen stehen auf einmal in der großen Kantine und stellen sich ordentlich mit ihren Tabletts und Besteck an. Es gibt Lasagne und Burger. Draußen auf dem Deck sieht man, wie die Kirchtürme von Calais langsam aus dem Blickfeld verschwinden. Nur anderthalb Stunden dauert die Überfahrt. Mindestens anderthalb Jahre campieren viele Flüchtlinge schon in Calais, um nach England zu gelangen.

Kohlendioxid ist ein geruchsloses Gas, das von der menschlichen Nase nicht wahrgenommen wird. Deswegen messen Sensoren das ausgeatmete Gas, nachdem der LKW durch den Terahertz-Scanner gefahren ist. Je schneller das Herz des Flüchtlings klopft und je rascher der Atem geht, umso höher steigt die Kohlendioxidkonzentration um den Körper eines Menschen herum, der sich im Inneren des Fahrzeugs versteckt hat.

Da normale Frachtgüter wie Europaletten oder Kartons kein Kohlendioxid emittieren, ist es leicht, einen Flüchtling zu entdecken. Die Techniker laufen um den Lastwagen herum und schieben eine lange dünne Röhre unter der LKW-Plane hindurch in das Fahrzeuginnere. Das Gerät saugt die Luft ein und bestrahlt die mit Infrarotlicht. Die CO2-Moleküle absorbieren das Infrarotlicht, und das Gerät misst, wie viele Infrarotstrahlen sich den Weg durch die Luft bahnen können. Misst der Scanner nur wenige Infrarotstrahlen, ist die CO2-Konzentration sehr hoch. Ein Flüchtling könnte sich im Lastwagen befinden.

Auf dem LKW-Deck dösen in roten Plastikledersesseln die Fahrer vor sich hin. Es sind ausschließlich Männer. Zwei niederländische Fahrer trinken Kaffee und schauen mich überrascht an. Ob Sie Erfahrung mit Migranten auf ihren Transporten haben? „Ständig werden wir von denen auf der Autobahn beobachtet“, sagt Chris, der für eine niederländische Speditionsfirma Pferdestroh und Holzspäne jeden Tag von Eindhoven nach England transportiert. „Deswegen stehen wir jede Nacht um 3 Uhr morgens auf, damit wir auf der Fahrt zum Ärmelkanal nicht an einer Raststätte anhalten müssen und einfach durchfahren können.“ Welche politische Lösung er favorisiere? „Es braucht einfach strenge Kontrollen. Höhere Strafen und härteres Durchgreifen gegen Migranten. Je mehr wir sie abschrecken, umso weniger werden kommen.“ Mittlerweile gebe es auch schon Speditionsfirmen, die die Überfahrt verweigern und eine rote Markierung „No UK“ auf ihrer Laster stehen haben. „Was mich wirklich empört, sind die hohen Gebühren, die die britische Regierung für uns vorgesehen hat. Keiner von uns möchte, dass sich Menschen wie Kletten an das Fahrzeug hängen.“ 2000 Euro Strafe verhängt die britische Regierung für das Delikt des Menschenschmuggels. Meistens trifft die Sanktion völlig ahnungslose LKW-Fahrer, die erst an der Grenze merken, dass sie nicht alleine im Fahrzeug sind. Für die britische Regierung ein lukratives Geschäft.

Ich frage einen britischen LKW-Fahrer, ob ich auf der Beifahrerseite seines Trucks durch die Hafenkontrolle herausfahren könnte, wenn das Schiff anlegt. Er schaut mich entsetzt an. „You are not getting on my truck“, sagt er und lässt mich einfach stehen.

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Erzeugen der Terahertz- und der Kohlendioxid-Scanner auffällige Werte, kommt es zu einer vierten und letzten Kontrolle. Hier müssen die LKW-Fahrer den Motor abstellen, aus der Fahrerkabine herabsteigen und alle Türen schließen. Günter Ludwig ist Techniker bei der Sälzer GmbH, die Herzschlagdetektoren mit dem Titel „Menschenleben schützen. Werte erhalten“ vertreibt. „Normalerweise werden die Geräte an der Ausgangsschleuse an Gefängnistoren angebracht“, erklärt er.

Der Herzschlagdetektor besteht aus vier seismographischen Mikrophonen, ähnlich denen, die für die Aufzeichnung von Erdbeben eingesetzt werden. Sie sind in der Lage, feinste Erschütterungen zu messen. Kauert beispielsweise ein Mensch auf dem Fahrzeugboden, misst der Herzschlagdetektor das Zittern des Fahrzeugbodens. Die feine Druckwelle die das Herz hervorbringt, erzeugt Schwingungen, die durch jedes Material im LKW-Anhänger weitergegeben werden, durch Seile, Lastwagenplanen oder Transportgegenstände. Je größer der LKW, umso mehr Sensoren müssen auf der Außenseite des Fahrzeugs angebracht werden. „Der Herzschlag verkoppelt sich mit jedem Objekt, mit dem der Körper Kontakt hat. Eine spezielle entwickelte Software wertet die Messungen aus und kann daraufhin innerhalb von 11 Sekunden feststellen, ob sich eine Person in einem Kfz befindet oder nicht“, erklärt Ludwig. Wenn die Detektoren keinen Alarm schlagen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kein Mensch oder ein toter Mensch ist im Fahrzeug. Der Hinweis „Bestanden“ leuchtet grün auf. Der LKW-Fahrer darf wieder einsteigen und weiterfahren.

Messen die Sensoren hingegen das Geräusch menschlichen Lebens, taucht auf dem Gerät, das der Zollbeamte in der Hand hält, ein großes Fenster mit dem Hinweis „Search!!!!“ auf. Daraufhin klettert ein Zollbeamter in den LKW und inspiziert ihn. Bei Regen und Windböen, dem typischen Hafenwetter, sind die Messungen der Mikrophone manchmal ungenau, da der Wind die Vibrationen des Herzschlags überdeckt.

Auf den Felsen von Dover scheint die Sonne so stark, dass die weiße Kreide einen scharfen Kontrast zum dunkelblauen Meer darstellt. Wer über die hundert Meter hohen Klippen läuft, sieht blühende Brombeeren, rote Stachelbeeren und Greifvögel, die in der Luft still stehen, um pfeilschnell Mäuse zu fangen. Dunkle Höhlen sind in Kreidefelsen gehauen. Sie riechen nach Moos und feuchter Luft. Ein Schutz während Bombenangriffen im zweiten Weltkrieg.

Dover ist ein hübsches Städtchen, am Strand gibt es statt weißem Sand dunkelgelben Kies, über den die Wellen schwappen. Träge räkeln sich sich britische Rentner an diesem Montagnachmittag am Strand. Migranten in Dover sind keine zu sehen. „Die wollen auch nicht in Dover bleiben. Die meisten zieht es nach London, wo Freunde und Familie wohnen“, klären mich zwei Rentner am Strand auf.

„Jeder Bewohner in Dover hat schon diese Situation gesehen: Auf der Autobahn Richtung London sieht man auf einmal, wie vor einem ein Lastwagen auf den Standstreifen fährt. Die Tür öffnet sich und zehn, zwanzig schwarze Menschen purzeln heraus und rennen in alle Richtungen davon“, erzählt eine andere britische Passantin am Hafen.

Am Eingangstor zum Hafen Dover steht ein blonder Mann mit Sonnenbrille. Mit der einen Hand hält er seinen Daumen hoch, in der anderen Hand hält er grinsend eine Weinflasche den Autofahrern entgegen.„Ich versuche über den Kanal zu trampen“, erklärt mir der Franzose, „normalerweise funktioniert das bei meinen Landsleuten mit Wein am Besten“. Auf einmal fährt ein Polizeiwagen heran und ein Offizier kurbelt das Fenster herunter. „Sie werden von der Kamera beobachtet und unsere Security ist nicht glücklich über ihren Trampversuch“, sagt der Beamte. Seufzend packt dieser seine Weinflasche wieder ein, schultert seinen Rucksack und verabschiedet sich. Trampen an dieser Stelle scheint anachronistisches Relikt aus Flower-Power-Zeiten.

Auf dem Rückweg plaudere ich mit den Beamten am britischen Check-in in Frankreich. Sie tragen blau-weiß gestreifte Kragen und haben neongelbe Warnwesten übergezogen. „Wir verstehen die französischen Grenzkontrollen nicht“ erzählt mir ein Hafen-Angestellter, der ungenannt bleiben möchte. „Die Franzosen überprüfen die Pässe mit französischer Eleganz, je nach Lust und Laune. Manchmal kontrollieren sie pedantisch jeden einzelnen Passagier, dann lassen sie wieder auf einen Schlag vierhundert Autos aus England Richtung Calais ohne Kontrolle durch. Wir von der britischen Abfertigung kommen dann bei dem Ansturm gar nicht mehr hinterher, es kommt zu Staus und wütenden Passagieren.“

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

In sechs Monaten scheidet Großbritannien aus der Europäischen Union aus. Gibt es schon Anweisungen für schärfere Vorkehrungen an der Grenzkontrolle? „Nein“, sagt mir der Angestellte, „bei uns läuft alles so, wie es immer ist“. Der Hafen hat ein Problem: Verlässt das Königreich die EU ohne Abkommen, müssen in Calais vollständig neue Kontrollinstrumente eingerichtet werden, die Veterinärinspektionen. Jeder Lastwagen mit tierischen Erzeugnissen wie Eier, Fleisch oder Milch müsste zeitaufwendig auf mögliche Viren und andere gesundheitsschädliche Stoffe kontrolliert werden. Kapazitäten sind dafür auf dem Hafengelände nicht vorgesehen. „Wir Briten sind langsam wirklich erschöpft. Kein Politiker kann uns sagen, was passieren wird. Niemand hat Ahnung. Die Brexit-Debatte dreht sich seit Monaten im Kreis.“

Trotz der hohen Sicherheitsvorkehrungen gelangen immer wieder Migranten über den Kanal. „Das stimmt“, bestätigt mir ein beleibter britischer Sicherheitsmann in Calais. Ich treffe ihn zufällig abends an einem der vielen Pommes-Frites-Imbisse in der Innenstadt. Als er hört, dass ich Journalistin bin, schaut er mich an, als hätte er ein Staatsgeheimnis verraten. Er nimmt seine Fritten mit andalusischer Soße und kehrt mir resolut den Rücken zu. Es ist, als hätte ich einen Gefängniswärter gefragt, welche Mechanismen denn nun exakt in seinem Gefängnistüren nicht funktionieren würden.

Es ist vermutlich ein simpler Grund, warum Migranten über das Meer gelangen, obwohl Calais sich teilweise wie ein einziges Hochsicherheitsgefängnis ausnimmt: Zeit. Je mehr LKWs und Touristen zu Stoßzeiten sich auf die Fähre drängen, umso mehr stehen die Beamten unter Stress, die LKWs möglichst schnell durchzuwinken. „Der Hafen steht für effiziente Überfahrt, die Leute wollen nicht warten“, erzählt ein anderer Hafenangestellter. Werden LKWs mit frischen Nahrungsmitteln gezwungen, länger zu warten als vorgesehen, läuft das Verfallsdatum ihrer transportierten Ware ab. Versäumen Touristen ihre Anschlusszüge auf dem Festland, werde das Management mit Klagen wütender Passagiere überflutet.

In der Nähe des Stadtzentrums betreibt Chaouib zwei Hotels. Der ehemalige Fussballstar und Bodyguard algerischer Herkunft hat versucht, den Flüchtlingen aus seine Art zu helfen. „Meine Unterkünfte wurden letztes Jahr von der Polizei geschlossen“, erzählt er. „Weil ich den Einwanderern, die kein Bett zum Schlafen hatten und im Park nächtigten, einige Male in meinen Hotelzimmern übernachten ließ.“ Das habe die Polizei mitbekommen und ein Verbot verhängt. Vor Gericht erkämpfte der muskulöse Mann mit den sanften braunen Augen für das Fortbestehen seines Betriebs. „Ich habe große Verluste eingefahren, als die Hotels geschlossen waren“, sagt er seufzend. „Aber so ist Calais. Nennt man das nicht Rassismus? Wir Bürger werden schikaniert, wenn wir den Flüchtlingen helfen wollen. Dabei sind sie Menschen wie wir auch.“

Am langen Strand von Calais direkt neben dem Hafen führen die Bewohner ihre Hunde spazieren. Eine französische Schulklasse, die Kinder komplett mit grünen Nylonhandschuhen ausgestattet, sammeln den Müll auf, der von Fischern zurückgelassen wurde. Aus den Dünen ragt ein wuchtiger Betonklotz. Bunte Graffitigemälde zieren den grauen Stein, der unter seiner Last schief im Sand versunken ist. Unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel wurde dieser Bunker als Teil des Atlantikwalls gebaut. Aus seiner Mitte ließ sich früher eine riesige Kanone ausfahren, die direkt auf die Felsen von Dover zielt. Man versteht, dass Calais für Großbritannien nicht ein Ort unter vielen ist.

Philippe Borrisov ist der Mann für die Sicherheit des Meeres. Barfuß joggt der „Coast Guard“ mit weißem Sporthemd und grauem Bart an der Wellenlinie entlang. Hat er schon einmal Migranten gerettet? „Nein, glücklicherweise noch nicht“, keucht er, „aber Drogenschmuggler habe ich schon festgenommen“. Draußen auf dem Meer sieht man entfernt die weißen Spitzen von Segelbooten, die der Wind hin- und herwirft. Philippe deutet auf die weißen Dreiecke am Horizont. „Wir kontrollieren vor allen Dingen Segelboote, die versuchen von der niederländischen Grenze aus Pakete nach England zu schmuggeln.“ Bewaffnet mit einem Maschinengewehr und einem Hund würde er jeden Tag an der Küste mit seinem Boot patrouillieren. Wie schätzt er die französisch-britischen Beziehungen ein? „Hier in Calais mögen viele Einwohner die Engländer nicht. Wir denken, sie sind arrogant.“ Der Meereswächter springt mit einem Satz über eine anrollende Welle im Sand. „Im zweiten Weltkrieg haben sie es mit der Bombardierung der Nazis übertrieben. Viele Franzosen nehmen es den Briten immer noch übel, dass sie bei der Rückeroberung 1944 den gesamten französischen Küstenstrich in Schutt und Asche zerlegt haben.“

Unter dem wogenden Wellen des Meeres, begannen die Ausgrabungen des Eurotunnel, der unterirdische Zugverbindung, schon in den 1880er Jahren auf britischer wie französischer Seite. Die Engländer stoppten jedoch damals aus Furcht vor einer französischen Invasion die Ausgrabungen nach zwei Kilometern. Erst fünfzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Tunneldurchbruch an anderer Stelle vollendet. Die Fährverbindung und die Eisenbahnstrecke zu Wasser und zu Land wurden damals als Symbol binationaler Verbundenheit zweier Länder gefeiert, die die Gräben einer langen Gegnerschaft überwunden geglaubt haben. Doch es scheint, als gebe es keinen stabilen Frieden ohne einen gemeinsamen Gegner. Die Ablehnung geflüchteter heimatloser Menschen ist nun zu einem Identifikationsmerkmal beider Nationen geworden.

Am Rande von Calais donnern Lastwagen von rechts nach links über eine Betonbrücke hinweg zum Hafen. Grasflächen umsäumen die asphaltierten Auffahrten zur Autobahn. Ich kann die Silhouette mehrerer Gestalten erkennen, die unter der Brücke stehen. Sie helfen sich gegenseitig, indem sie die Betonhänge hochklettern, zu einem Spalt direkt unter der Fahrbahn. Dort liegen orangene Schlafsäcke und Rucksäcke auf dem Steinvorsprung.

Ich laufe zum Parkplatz. Hohe Zäune mit Stacheldrahtrollen schützen die schweren Laster, die aufgereiht nebeneinander stehen. Beleibtere ältere Männer aus der Türkei und Rumänien haben ihre Campingstühle ausgepackt und braten frisch gefangene Fische über einem Gaskocher. Sie sitzen, lachen und unterhalten sich. Von der einen Seite werden sie von zehn schwarzen Männern beobachtet, die auf den Metallplanken der Autobahnauffahrt sitzen. Von der anderen Seite werden die LKW-Fahrer im Visier von zwei Polizisten in dunkelblauer Uniform, mit Schlagstöcken und Revolvern an den Gürteln ins Visier genommen. Ich setze mich zu den Migranten auf die Leitplanke. Jetzt schauen eine weiße Frau und zehn schwarze Männer dem Picknick der LKW-Fahrer zu. Die Migranten kichern und stoßen sich an, mehrere Kommunikationsversuche scheitern. Der älteste von ihnen, der gut Englisch spricht, möchte meine Fragen nicht beantworten. “Deutsche Medien können unsere Situation sowieso nicht ändern”, murmelt er düster, bevor er sich in tief in seinen Jackenkragen vergräbt.

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Ich laufe den Grasabhang hinunter zum Parkplatz und winde mich durch ein Loch im Zaun. Die LKW-Fahrer schauen überrascht von ihrer Mahlzeit hoch. Doch auch sie können über ihre Situation in den Sprachen Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen. Sie zeigen mir Videos von der Migrationssituation in der Türkei und teilen mir mit, dass die Migranten nach England wollten. Nein, sie hätten nichts mit ihnen zu tun. Auf einmal höre ich Schritte hinter mir. Zwei Gendarmen schauen mich streng an und fragen die Picknicker, ob ich sie belästige. Sie winken ab. “Kann ich Sie etwas fragen?” wende ich mich an die Offiziere. Beide lassen ihre Augen zum Horizont schweifen und tun so, als hätten sie meine Worte nicht gehört. Auf dem Weg zum Tankstellenbistro patrouillieren weitere Gendarmen an mir vorbei, verspiegelte Sonnenbrille ins Gesicht gepresst. Einer steht am Bordstein und wippt vor und zurück, seine Hände hält er hinter dem Rücken, wo er eine große Sprühflasche mit Tränengas versteckt hält.

Im Tankstellenbistro ist es warm und gemütlich. Französische Radiomusik dudelt aus den Lautsprechern, bunte Zeitschriften und Kuscheltiere gibt es zu kaufen, der Geruch von Pommes Frites erfüllt den Raum.

Eine deutsche Reiseleiterin trinkt auf einer Bank ihrem Kaffee, sie wartet hier häufig auf Besuchergruppen aus Nordrhein-Westfalen. “Besonders nachts ist hier die Hölle los”, erzählt sie. “Ständig versuchen die Männer auf den Parkplatz zu gelangen und in einen LKW zu steigen. Und die Polizisten verjagen sie dann wieder. Wenn sie einen fangen, dann nehmen sie ihn im Polizeiwagen mit und setzen ihn außerhalb Calais ab. Eine halbe Stunde später ist er wieder da, sitzt da oben auf der Leitplanke und das Spiel geht von vorne los. Als Beobachterin fühlt es sich an, als würde man einem Ping-Pong-Spiel zuschauen.”

Vier LKW-Fahrer sitzen an einem Tisch und trinken Kaffee, einer kann eine meiner Sprachen sprechen. Er blickt traurig, tiefe Falten durchziehen sein Gesicht. “Gestern wurde einer unserer Kollegen von einem Stein in seinem Führerhäuschen getroffen”, sagt er. “Er hat drei Migranten aus seinem Fahrzeug geworfen, die sich in einem unbeobachteten Moment hineinschlichen. Aus Rache haben sie ihm seine Scheibe an der nächsten Ausfahrt zerschmettert. Er hat am Kiefer geblutet und konnte seine Ware nicht abliefern. Er musste zurück in seine polnische Heimat“. Er nimmt einen Schluck Kaffee. “Es gibt nur sehr wenige, die noch nicht ungewollte Gäste auf ihrem LKW begrüßen mussten.”

Als ich wieder durch den Zaun schlüpfe und von der Autobahn die lange Wiese am Stadtrand überquere, ruft mir jemand hinter her. Aus der Ferne aus dem Gebüsch schlendern drei schwarze Männer auf mich zu. “Wir würden gerne über unsere Situation sprechen”, sagt ein hochgewachsener Mann mit Jeanshemd, “aber nur ohne Diktiergerät”. Ich willige ein. “Seit einem Jahr und drei Monaten warte ich”, erzählt mir der junge Mann mit den braunen Augen. Er hat dieselben traurigen Augen wie der LKW-Fahrer im Tankstellenbistro. Mehrere andere Eritreer drängen sich neugierig um uns. Sie tragen Baggy Pants und Dreadlocks.

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Jeden Tag laufe er den Fahrstreifen entlang, in der Hoffnung, sich auf einem Fahrzeug verstecken zu können. Noch nie habe es geklappt. Welche Erfahrungen hat er mit der Polizei? “Tränengas, immer nur Tränengas”. Im Internet sind Aufnahmen von weinenden schwarzen Männern am Straßenrand von Calais zu sehen. Das Gas kann zu zeitweiser Erblindung und starken Schmerzen in den Augen führen. Was machen sie den ganzen Tag? „Die Zeit vertreiben wir uns, indem wir Sprachen lernen, meistens Englisch. Wir teilen uns ein Smartphone, und ab und zu kommt ein WiFi-Wagen von den Hilfsorganisationen vorbei, wo man das Handy aufladen kann.“ Warum bleiben sie nicht in Frankreich? “Bei mir zum Beispiel geht das nicht, mein Asylantrag wurde nicht bewilligt, weder hier noch in Deutschland.” Er habe seine Fingerabdrücke in Schweden, Bulgarien und Frankreich gelassen, doch kein Land wolle ihn annehmen. Jetzt bleibe nur noch England. Warum versucht er es nicht mit einem Boot, warum wartet er seit anderthalb Jahren auf einen Lastwagen? “Boote werden ebenso von der Polizei an der Überfahrt gehindert. Der Ärmelkanal ist die dichtbefahrenste Meerenge der Welt”. Warum sind sie überhaupt aus Eritrea geflohen? “Ach komm, googel es doch einfach.” Wie steht ihr dazu, dass ihr um euer Leben flieht, aber nun die Angst, unter der ihr leidet, bei anderen, den LKW-Fahrern erzeugt?

Verlegenes Lächeln. „Sie sind frei, die LKW-Fahrer“, sagt mir einer. „Wir sind es nicht“.

Ich schaue zurück auf den Parkplatz: Er ist ein Treffpunkt vieler Nationalitäten, ein Multikulti-Hotspot, jedoch ohne gemeinsame Kommunikation. Jede ethnische Gruppe bleibt unter sich: Die LKW-Fahrer gruppieren sich nur mit ihren Landsleute, die Flüchtlinge ebenso, zur Gendarmerie gehören ausschließlich Polizisten mit französischen Pässen. Keine kann sich mit den anderen verständigen, nur untereinander sprechen sie die gleiche Sprache. Gefangen im Transitbereich.

Doch es gibt auch Menschen, die sich für Flüchtlinge in Calais einsetzen und der Abschottungstechnik Großbritanniens ein anderes Signal entgegen setzen. „Warum können Güter über den Atlantik transportiert werden, aber nicht Menschen?“ fragt Maya und beugt sich vor. Eindringlich mustern mich ihre blauen Augen. Wir sitzen in einem Verschlag auf der Empore des Warenlagers. Hier, inmitten des Industriegebiets von Calais, wo Schornsteine rauchen, zwischen Lagerhallen und Kühltürmen, ist die Heimat von „Help Refugees“, der Hilfsorganisation für trampende Flüchtlinge. Der Verein besitzt ein buntes Warenlager, so groß wie ein Fussballfeld, das vollgestopft ist mit allen möglichen Utensilien, die Flüchtlinge gebrauchen könnten. Mehrere Dutzend schwarze Schlafsäcke liegen übereinandergestapelt auf einem Wagen, hunderte von farbigen Zelten liegt in einer Ecke auf den Haufen, im Regal türmen sich Windeln und Babyflaschen. Es herrscht ein unbeschreibliches Chaos. Fröhlich bewegen sich an die fünfzig Freiwillige, meistens junge Frauen, durch die Haufen voller Altkleider, Decken und Handtücher.

„Als die britische Regierung im Flüchtlingssommer 2015 weiterhin rigoros das Meer überwachte, hatten einige Einwohner auf der Insel genug“, erklärt Maya beim Rundgang. „Viele britische Studenten opfern jetzt ihre Semesterferien, um die Härte ihrer Regierung abzumildern. Sie bleiben einige Wochen oder Monate im Warenhaus, nähen Zelte und Decken zusammen, kochen Mahlzeiten und bringen diese zu den Flüchtlingen.“

(Bild: Port Boulogne Calais (Screenshot aus Video))

Aus einem Raum dröhnt laute Rockmusik, zwischen Messingtöpfen und riesigen Kochtöpfen stehen Freiwillige und wippen mit den Füßen im Takt. Zwanzig junge Menschen kochen Suppe und richten Salat an, der auf einen Wagen verladen wird. „Wir fahren raus zu den Migranten an den Autobahnzubringern. Wir bringen ihnen Essen, damit sie nicht verhungern.“ Mayas Stimme klingt wütend. „Wir müssten den französischen Präfekten verklagen, damit die französische Regierung endlich den Migranten hilft“. Die Präfektur hätte erst nach einem Gerichtsurteil hygienische Einrichtungen für die Geflüchteten aufgestellt. Vorher mussten sich die Flüchtlinge im Kanal waschen. „In einem zweiten Prozess, den wir durchfechten mussten, wurde die Verwaltung auch dazu verdonnert, eine Essensausgabe für die Flüchtlinge einzurichten.“ Was entgegnet sie Kritikern, die ihr vorwerfen, mit ihrem ehrenamtliche Engagement die Situation zu verschlimmern, da die Annehmlichkeiten mehr Migranten anlocken würden? Maya schnaubt durch die Nase. „Glaubt man wirklich, dass hier mehr Migranten sind, nur weil sie die Möglichkeit haben, einmal am Tag zu duschen und ein Essen zu erhalten? Unsinn.“ Ihr Gesicht ist von feinen Falten durchzogen, ihr weißblondes Haar ist locker zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Trotz ihres Rentenalters sprüht eine ungebrochene Energie aus ihren Augen. „Unsere Freiwilligen sind beim Mahlzeitenverteilen ständigen Belästigungen und Einschüchterungsversuchen der Polizei ausgesetzt. Es ist haarsträubend. Aber glücklicherweise erhalten wir genügend Spenden und es gibt so viele Leute, die das sinnvoll finden, was wir tun.“ Als wir weiter durch das Warenhaus gehen, sehe ich, wie in einer Ecke Nähmaschinen rattern, in einer anderen werden Listen für die Verteilung der Waren geschrieben. „Die Leute kommen immer wieder“, sagt Maya und ihre Augen strahlen. „Hier im Warenhaus herrscht eine unbeschreibliche multikulturelle Gemeinschaft und die Arbeit hat einen Sinn“.

Als ich vor das Warenhaus trete, nur ein paar hundert Meter von der Autobahn entfernt, rennen mir mehrere Eritreer entgegen. Sie halten nicht an, sie laufen den Bürgersteig der Straße herunter, verschwinden hinter der nächsten Straßenbiegung. „Wir joggen, damit es leichter wird, auf einen Lastwagen aufzuspringen“, ruft mir einer im Vorbeigehen zu.

Ich gehe weiter. Wenig später laufen dieselben Männer wieder in umgekehrter Richtung auf der gegenüberliegen Straßenseite an mir vorbei. Der nächste Lastwagen kommt bestimmt.

Reisekorrespondentin Valerie Lux ist Politikwissenschaftlerin. Sie interessiert sich für den Zusammenprall zwischen Technik und Macht und bloggt darüber auf digilux.blog.

Die Reise wurde durch das Stipendium von Netzwerk Recherche ermöglicht.


(Valerie Lux) / (tiw)

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