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Mit Datennetzen zur Bundeswehr aus autonomen selbstorganisierenden Einheiten

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Die Bundeswehr ist dabei, ihre Kommunikations- und Kommandostrukturen im großen Stil umzubauen. Bis zum Jahre 2010 soll aus dem System hierarchisch organisierter Befehlsempfänger eine Truppe sich selbst synchronisierender Einheiten werden, die sich, von einem überlegenen Datennetzwerk gefüttert, selbst beauftragen. Dies skizzierten hochrangige Militärs an diesem Wochenende auf dem "Sicherheitspolitischen Symposium" der Reserveoffizierskameradschaft Zifkras.

Bei dem Expertentreffen, von dem Journalisten nur nach der Chatham House-Regel berichten dürfen, wurde deutlich, wie die Bundeswehr ihre Lehren aus der Organisation von al-Qaida zieht. Ähnlich wie dort Osama Bin Laden nur die allgemeine Richtung vorgibt, wird es bei der Bundeswehr nur die "Absicht der Führung" geben, die autonome, selbstorganisierende und sich selbst synchronisierende Kampfeinheiten durchführen, die – mit der Pflicht zur eigenständigen Informationsbeschaffung al-Qaida-Kommandos ähnlich – sich ihre Informationen aus dem Internet holen. In der seltsamen Sprache der Militärs ausgedrückt, wird das MilNWBw (Militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr inklusive Bundesnachrichtendienst) bis 2010 durch ein hocheffizientes Intranet namens VeNaGUA (Verbund Nachrichtengewinnung und Aufklärung) mit dem Ziel der NetOpFü (vernetzten Operationsführung) auf Vordermann gebracht. Das bekannte Sprichwort "Wissen ist Macht" wird übersetzt: "Aus der Datenüberlegenheit entsteht die Informationsüberlegenheit, daraus die Führungsüberlegenheit und schließlich die Wirkungsüberlegenheit", formulierte die weltweit kämpfende Truppe ihren Anspruch.

Der Krieg findet im Netz statt. Über ein hocheffizientes Datennetz samt hochsensibler schneller Suchmaschine verfügt auch der Gegner. So berichtete ein hoher NATO-Experte für Nuklearterrorismus auf der Tagung, dass im Irak schnell übersetzte Bedienungsanleitungen für neues amerikanisches Kriegsgerät im Internet auftauchen – nur wenige Stunden, nachdem dieses Gerät in die Hände der Aufständischen fiel. In seinem Referat machte er deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit eines Nuklearbombenangriffes oder des Angriffes mit einer dreckigen radiologischen Bombe derzeit nur gering bis mittelhoch einzustufen ist. Doch die gewaltigen Folgen, die von den Folterbildern in Abu Ghraib ausgehen, seien noch nicht einmal in Ansätzen analytisch erfasst. Zu ihnen gehört auch die Bereitschaft, Giftgasattacken und Schmutzbomben einzusetzen. Der Leitsatz der Terrorexperten "Terrorists want a lot of people watching" sei durch "Terrorists want a lot of people dead" zu ersetzen.

Dennoch sei ein Anschlag zur Fußball-WM sehr unwahrscheinlich, da es nahezu unmöglich sei, etwa einen bleiummantelten Container vorbei an allen Kontrollen zu einem Stadion zu speditieren oder dort unbemerkt eine Massenvernichtungsbombe zusammenzubauen. Zudem hapere es noch mit dem Zusammengehen des religiös motivierten Terrorismus mit dem organisierten Verbrechen. Dieses sei erst noch dabei, das Geschäft mit Massenvernichtungswaffen als "Long-Tail-Geschäft" zu begreifen, mit dem hochprofitablen Nischenmärkte abgedeckt werden. Unter Berufung auf Goethes Zauberlehrling und den nicht mehr loszuwerdenden Geistern erinnerte der Experte daran, dass die neuen Kampfformen ausnahmslos "westliche Erfindungen" sind. Mit den von den Amerikanern in den 90er-Jahren geflogenen Vergeltungsangriffen habe der asymmetrische Terror eingesetzt, dessen Echo jetzt die modernen Armeen in aller Welt dazu zwinge, ihre Strategien umzubauen. (Detlef Borchers) / (jk)

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