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Mit dem "Mini Me" unterwegs im koreanischen Cyberspace

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Ein Viertel der südkoreanischen Bevölkerung hat sich bereits dem Leben im Cyberspace verschrieben, Tendenz steigend. Für die Telefongesellschaft SK Telecom ist die Online-Gemeinde Cyworld die Lizenz zum Geld drucken. Wie ein Sprecher der Betreibergesellschaft SK Communications der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX sagte, geben die rund 14 Millionen Mitglieder täglich mehr als 200 Millionen Won (rund 162.000 Euro) in der bunten Internet-Welt aus. Mit Hilfe eines Baukastensystems können sie sich ohne technische Vorkenntnisse einen Internet-Auftritt verschaffen.

Noch in diesem Monat will das Unternehmen Cyworld in Japan einführen. In China ist das Unternehmen bereits diese Woche an den Start gegangen. Für September ist der Markteintritt in den USA geplant. "Jetzt ist der beste Zeitpunkt, um die asiatischen Märkte anzugehen", sagte der Chef der Cyworld-Betreibergesellschaft, Yoo Hyun Oh. Die Beliebtheit koreanischer Filme, Fernsehserien und Musiker im Ausland habe einen neuen Höhepunkt erreicht. Diese "Korea-Welle" (Hallyu) werde dafür sorgen, dass auch anderenorts "Cy-Holics" heranwachsen.

In Südkorea gibt es bereits zahllose Cyworld-Süchtige, die jeden Tag Stunden damit verbringen, ihr virtuelles Wohnzimmer mit neuen Möbeln oder einer neuen Tapete auszustatten. Daneben freut sich das putzige "Mini Me", das den Besitzer der Seite im Cyberspace darstellen soll, auch über neue Kleidungsstücke.

Das Geschäftsmodell der Online-Gemeinde ist simpel. Die Homepage selbst ist kostenlos. Bezahlen müssen die Besitzer einer solchen "Minihompy" für Animationen, Grafiken und Musik zur Ausgestaltung ihres virtuellen Wohnzimmers. Abgerechnet werden die Kleinstbeträge mit Hilfe eines Punktsystems. Der Nutzer bezahlt mit "Eicheln" (totori), die er per Kreditkarte oder wie Telefonkarten erwerben kann. Ein Punkt kostet 100 Won (rund 8 Cent). Das Samsung Economic Research Institute ernannte Cyworld zum Spitzenprodukt des Jahres 2004.

Die Attraktivität von Cyworld liegt vor allem darin, dass sich das Beziehungsgeflecht, in dem sich die Mitglieder der Community im wirklichen Leben bewegen, im Cyberspace widerspiegelt. Weil knapp die Hälfte der Internetbevölkerung des Landes mitmacht, kann man mal eben auf der "Minihompy" des Studienkollegen vorbeischauen und eine Nachricht hinterlassen, oder der Freundin einen virtuellen Gegenstand hinterlegen. Rund 90 Prozent der 20 bis 30 Jahre alten Internet-Nutzer sind dem Marktforschungsinstitut KoreanClick zufolge in Cyworld zu finden. Politiker wie der ehemalige Premierminister Goh Kun oder die Vorsitzende der Oppositionspartei GNP, Park Geun Hye, versuchen, Jungwähler durch eine attraktive "Minihompy" für sich zu gewinnen. Hausfrauen machen sich auf die Suche nach Schulfreundinnen, die sie aus den Augen verloren haben. Die Privatsphäre bleibt dabei auf der Strecke. Wer mit seinem "Mini Me" die Seiten anderer Teilnehmer besucht, kann alles über sie erfahren, wenn er die von Besuchern hinterlegten Nachrichten liest -- von der bestandenen Abschlussprüfung bis zur neuen Freundin.

Während die südkoreanischen Cyworld-Nutzer auch per Handy auf ihre Seite zugreifen können, soll der Dienst in China und Japan zunächst nur über das WWW angeboten werden. Dem Unternehmen gehe es zunächst vor allem darum, sich als "Global Player" zu etablieren, sagte der SK-Communications-Sprecher. "Wir gehen nicht davon aus, dass wir 2005 im Ausland eine Menge Geld erwirtschaften." Dass chinesische und japanische Firmen versuchen, Cyworld zu imitieren, mache ihm keine Angst. "Die kopieren nur das Erscheinungsbild. Um einen solchen Dienst anbieten zu können, haben sie nicht die nötige Erfahrung." SK kaufte Cyworld im August 2003 vom Unternehmensgründer Lee Dong Hyeong. (Andreas Hippin, dpa-afx) / (jk)