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Technology Review

Mit einem neuen Verfahren wird aus Wüstensand ein Baumaterial

In ihrem Unternehmen Polycare Research Technology fertigen Gerhard Dust und Gunther Plötner stapelbare Steine aus Wüstensand. Menschen in Slums sollen sich daraus nach dem Lego-Prinzip ein Zuhause bauen können.

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Mit einem neuen Verfahren wird aus Wüstensand ein Baumaterial

Nach 20 Minuten Aushärten sind die Steine aus einem Gemisch aus Sand und Polyesterharz fertig.

(Bild: Kathrin Spirk)

Wüstensand und die Gemeinde Gehlberg im Thüringer Wald mögen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben. Doch der Unternehmer Gerhard Dust und der Ingenieur Gunther Plötner bringen beides in ihrer Firma Polycare Research Technology zusammen. Von dem thüringischen Ort aus wollen sie die Welt verbessern: Laien sollen sich eigenhändig Häuser bauen, und zwar aus einem Grundstoff, der bislang als unbrauchbar galt – Wüstensand. Das berichtet Technology Review in seiner neuen Ausgabe (jetzt im Handel und im heise shop erhältlich).

Wüstensand ist vom Wind so rund geschliffen, dass ihn kein Zement der Welt zusammenhält. Für die Hochhäuser in Abu Dhabi etwa wird deshalb Sand aus Indonesien importiert, was schwerwiegende Konsequenzen hat: Strände verschwinden, Inseln rutschen ab, Meeresströmungen verändern sich. Die kleinen Körnchen sind inzwischen sogar zur lukrativen Schmugglerware avanciert. Doch Polycare will nun – nach jahrelanger Entwicklungsarbeit – einen Weg gefunden haben, der diesem Irrsinn ein Ende bereiten könnte: Statt mit Zement werden die Sandkörnchen mit Polyesterharz gebunden. Das Resultat nennt man Polymerbeton. Polymerbeton wird zwar längst verbaut, etwa in Maschinenfundamenten oder Abwassersystemen, doch bislang kam niemand auf die Idee, ihn in Steinform zu gießen und für Häuser zu verwenden. "Die Bauindustrie ist äußerst konservativ und für neue Ansätze nur schwer zu gewinnen", sagt Dust.

Dust brachte als einstiger Logistikchef des Buchgroßhändlers Libri das nötige Geld für die Unternehmensgründung mit. Ingenieur Plötner lieferte das technische Know-how. Die Anlage im Inneren der Fabrikhalle ist nur etwa so groß wie ein Kleinlaster. Schläuche saugen Sand und Harz an und vermischen beides, bevor die Pampe in die Form plätschert. Auf dem Rütteltisch wird das Gemisch schwungvoll in alle Ecken verteilt. 20 Minuten lang härtet der Brei aus. Das Ergebnis ist ein überdimensionaler Legobaustein, mit einem Gewicht von 15 Kilogramm. Die Steine lassen sich dann wie bei Lego aufeinandersetzen. Einen simplen Bauplan liefert Polycare gleich mit. Auf diese Weise kann quasi jeder die Häuser aufbauen.

Ihre Bauklötze aus Polymerbeton wollen Gerhard Dust (links) und Gunther Plötner als neues, einfaches Baumaterial etablieren.

(Bild: Kathrin Spirk)

Laut Dust sind Häuser aus Polymerbeton sogar umweltfreundlich. Der Großteil besteht aus Wüstensand, der in vielen armen Ländern vor Ort abgebaut werden kann. Um die Häuser zu errichten, müssen keine großen Massen bewegt werden. Die Steine werden in einer kleinen Fabrik vor Ort fabriziert. Das senkt die Transportemissionen. Insgesamt kommen die Häuser nach Angaben von Polycare auf nur 15 Prozent der CO2-Last eines normalen Betonhauses.

Zwar sind die Steine aus Polymerbeton relativ teuer, doch laut Dust werden Häuser damit trotzdem billiger als gewöhnliche. Seine Begründung: Man braucht dafür weder einen Kran noch Bauprofis und zudem weniger Material. Eine schlüsselfertige 37-Quadratmeter-Unterkunft soll sich auf diese Weise für rund 15.000 Euro errichten lassen, der Rohbau sogar für nur 5.000 Euro. Verkaufen wollen Dust und Plötner aber keine Häuser, sondern Fabriken für die Produktion der Steine. "Sie passt in einen 40-Fuß-Container, und dann braucht man eigentlich nur noch das Bindemittel", sagt Dust.

Als Standorte haben die beiden vor allem Katastrophengebiete, Elendsviertel oder Flüchtlingslager im Blick. Gegenden, in denen die Infrastruktur schlecht ist, und wo es eine Mammutaufgabe ist, Baumaterial heranzuschaffen. Orte, an denen es plump gesagt kaum mehr gibt als Sand und Elend.
In Namibia baut Polycare gerade eine Testfabrik auf, mit einer Kapazität für rund 40 Häuser pro Monat. Stehen sollen sie binnen zwei Tagen. Die Testfabrik in Namibia könnte den lang ersehnten Durchbruch bringen. Denn bislang haben Dust und Plötner zwar viel Lob, Preise und Anerkennung für ihre Idee erhalten. Aufträge aber blieben aus.

Den ausführlichen Bericht über Polycare Research Technology lesen Sie in der neuen Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel und im heise shop).

(Daniel Hautmann) / (jle)

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