Menü

Mit verteilten Systemen gegen den digitalen Überwachungskolonialismus

Der Aktivist Jacob Appelbaum hat bei einer Cyberwar-Debatte der Linken für eine Re-Dezentralisierung des Internets und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für alle geworben. Vorratsdatenspeicherung bezeichnete er als "gezielte Backdoor".

vorlesen Drucken Kommentare lesen 46 Beiträge

Jacob Appelbaum bei einem Vortrag auf dem Chaos Communication Congress in Hamburg 2013

(Bild: Wikipedia / Tobias Klenze / CC-BY-SA 3.0 - Eigenes Werk)

Das Internet muss wieder zu seinen Ursprüngen zurückfinden, um staatlichen Massenüberwachern wie der NSA ein Schnippchen zu schlagen. Davon geht der Sicherheitsexperte Jacob Appelbaum aus. Er bezeichnete es auf einem Cyberwar-Podium der Linksfraktion im Bundestag am Mittwoch als "bürgerliche Pflicht", an der "Re-Dezentralisierung des Internets mitzuarbeiten".

Derzeit böten monopolartige Netzplattformen wie Amazon, Facebook oder Google zentrale Angriffspunkte für gut ausgerüstete Geheimdienste, führte Appelbaum aus. Sie hätten sich aus eigenen Stücken dem Überwachungskapitalismus verschrieben und seien damit ideale Verbündete für den "neuen digitalen Kolonialismus" staatlicher Spione, die digitale Kerninfrastrukturen und Verschlüsselungsstandards sabotierten.

Im Lichte der Snowden-Enthüllungen strickten Entwickler derzeit etwa an einem Mobilfunksystem auf Peer-to-Peer-Basis. Gespräche und Daten liefen damit nicht mehr über Backbones oder übergeordnete Funkmasten, sondern "direkt von einem Telefon zum anderen". Parallel breiteten sich verteilte "Mesh-Netzwerke" wie Freifunk mit offenen WLAN-Routern aus. Aber auch etwa in einem "intelligenten Energienetz" mit vielen Einspeisepunkten werde es schwieriger, verheerende Cyberangriffe durchzuführen.

Die Internet Engineering Task Force (IETF) sehe die Massenüberwachung inzwischen als eine andauernde Netzattacke und halte als Normungsgremium mit Empfehlungen zu durchgehender Verschlüsselung dagegen, konstatierte Appelbaum. Die Protokolle würden nach und nach entsprechend geändert. Der Snowden-Vertraute forderte eine "Ende-zu-Ende-Verschlüsselung überall für jeden Menschen auf dem Globus". Nur so könne die umfangreiche Netzspionage für die Geheimdienste wirtschaftlich unrentabel werden.

Die Vorratsdatenspeicherung kritisierte Appelbaum als "gezielte Backdoor" des Staates und "eine der größten Bedrohungen für die Internetfreiheiten im Westen". Mehr Anonymisierungsprojekte wie Tor seien daher nötig, um den Überwachern die Analyse persönlicher Lebensmuster zu erschweren. Dass Tor von der US-Regierung gefördert werde, erklärte Appelbaum, Co-Entwickler des Netzwerks, als eine der Verrücktheiten Amerikas. So gebe es auch in Washington eben verschiedene Fraktionen. Das Geld für Tor stamme von der Regierungsstelle für Menschenrechte, die die Telekommunikationsaufklärung erschweren wolle.

Dem FBI warf Appelbaum vor, im Streit mit Apple über die iPhone-Entsperrung nur ein "politisches Spiel" zu betreiben und neue Schnüffelfähigkeiten erwerben zu wollen. Die US-Polizeibehörde strebe danach, "jede Firma in einen Arm und Geheimagenten des Staates zu verwandeln". Wenn die Strategie aufginge, würde jeder Nutzer zum "legitimen Ziel". Es wäre genau so, wie wenn die Ordnungshüter einen Schlüssel für alle Wohnungen verlangten.

Anna Biselli, Bloggerin bei Netzpolitik.org, warnte, dass Hintertüren in Soft- und Hardware sowie Cyberwaffen immer "unerwünschte Seiteneffekte wie bei Stuxnet" hätten. Wer offensive Fähigkeiten erwerben wolle, dürfe Sicherheitslücken letztlich nicht mehr schließen, was zu einer "staatlich geförderten Unsicherheit" führe. Freie und offene Software sei dagegen die notwendige Bedingung dafür, Fehler zu finden.

Das Bundesverteidigungsministerium hatte der Oppositionsfraktion für das Podium einen Korb gegeben, da zu dem Termin kein Vertreter "mit Expertise" zu dem erst jüngst im Parlament behandelten Thema verfügbar gewesen sei. Bei der Bundeswehr liege keine Cyberwar-Strategie vor, es sei auch keine geplant. (kbe)