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Mobiles Breitband: Telcos beanspruchen auch DVB-T2-Frequenzen

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Zwischen der Telekommunikationsbranche und den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ist ein Streit um die Nutzung des 700-MHz-Funkbands offen entbrannt. Der Verband der Anbieter von Telekommunikations-
und Mehrwertdiensten (VATM), zu dem die Mobilfunknetzbetreiber E-Plus, Vodafone und Telefónica gehören, sowie Netzwerkausrüster plädieren dafür, das begehrte Funkspektrum nach dem benachbarten 800-MHz-Band auch noch möglichst rasch als Zweite digitale Dividende dem mobilen Internet zuzuschlagen, um so Lücken in der Breitbandversorgung zu schließen. ARD und ZDF wollen in diesem Bereich hingegen zunächst von 2017 an DVB-T2 zum Laufen bringen, die Nachfolgetechnik des terrestrischen Überall-Fernsehens.

Die Diskussion über die Nutzung des Spektrums müsse "unter Effizienzgesichtspunkten ehrlicher geführt werden", forderte VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner am Dienstag auf einer Konferenz der Deutschen Breitbandinitiative in Berlin. Die Nutzungsrate von DVB-T liegt nach seinen Worten derzeit bei extrem hohen Betriebskosten in einem niedrigen Bereich. Parallel kristallisiert sich laut Grützner der 700-MHz-Bereich weltweit als "das Breitband-Band" heraus. Er appellierte daher an die EU-Kommission, möglichst rasch den Startschuss für eine Umwidmung der derzeit noch von Fernsehsendern in Anspruch genommenen Frequenzen zu geben und die "Abwehrhaltung" der Rundfunkanstalten zu brechen.

Als Begründung zieht die Telco-Branche unter anderem heran, dass Frankreich schon von 2015 an das 700-MHz-Band dem Mobilfunk zuordnen will. Ulrich Dropmann von Nokia Solutions and Networks (NSN) meint, dass in dem Spektrumsbereich weltweit ein "ähnliches Potenzial wie bei GSM" steckt. Die neue Funktechnik könne dort an den gleichen Standorten wie den bisherigen LTE-Masten installiert werden, sodass man damit auch in Randgebieten der Zellen auf Übertragungsgeschwindigkeiten von 50 MBit/s käme. Die Umstellung sei spätestens 2017 nötig, um die Breitbandziele der Bundesregierung mit einer flächendeckenden Verbreitung von 50 MBit/s bis 2018 zu erreichen.

Die erste digitale Dividende im 800-MHz-Band sei eine Erfolgsgeschichte hierzulande, betonte Walter Haas vom chinesischen Netzwerkausrüster Huawei. Das nun zur Disposition stehende Spektrum ist durchaus ähnlich charakterisiert, aber es erreicht wegen niedrigerer Frequenzen noch größere Reichweiten. Haas führt deshalb an, dass darum auch weniger Basisstationen nötig seien. Das würde die Kosten für den Breitbandausbau drücken.

Einig im Widerstreit: Ulrich Dropmann (NSN), Walter Haas (Huawei), Jürgen Grützner (VATM), Andreas Geiss (EU-Kommission) und Helwin Lesch (BR)

Helwin Lesch vom Bayerischen Rundfunk hielt dem entgegen, dass aus der ersten Dividende "nicht alle so glücklich herausgegangen sind" und verwies auf die Betreiber drahtloser Mikrofonsysteme. Diese müssen nun erhebliche Störungen durch LTE hinnehmen und unverschuldet in neue Technik investieren. Man wolle zwar keinen Entwicklungen im Wege stehen, halte einen Schnellschuss im umkämpften Funkbereich aber
für falsch. Lesch plädiert dafür, in diesem Bereich die kleinteiligen Mobilfunk- mit den großmaschigen Rundfunknetzen intelligent zusammenzubringen.

Ein künftiges Netz, das die Vorteile aus beiden Systemen miteinander verbindet, haben die Öffentlich-Rechtlichen bereits mit Ausrüstern simuliert. Lesch rechnet damit, dass die dafür nötigen Standardisierungsarbeiten bis spätestens 2025 über die Bühne gehen. Bis dahin erscheint die Funktechnik DVB-T2, die digitale TV-Signale befödert, für das Band die beste Wahl. Da damit ein "deutlicher Effizienzgewinn" einhergeht, ist eine Teilfreigabe entsprechender Frequenzen parallel möglich, so Lesch.

Andreas Geiss von der EU-Kommission hielt dem entgegen, dass das 700-MHz-Band bereits in vielen Ländern weltweit für Breitbandkommunikation zur Verfügung gestellt wird. Die USA spielten zwar nicht ganz mit, "aber sonst ergibt sich ein interessanter Markt". Da sich neben Frankreich auch Finnland und Großbritannien bereits in diese Richtung bewegt hätten, sei eine europäische Rechtsharmonisierung unumgänglich. Sonst käme es Geiss zufolge zu Problemen "bei der Grenzkoordinierung". Die Brüsseler Regierungseinrichtung spiele mit dem Gedanken, eine Frist zur Umwidmung der zweiten digitalen Dividende vorzugeben. Wer schneller vorangehen wolle, den werde man nicht aufhalten. Zunächst wolle die Kommission aber die Ergebnisse einer Studie zu den technischen Voraussetzungen des geplanten Nutzungsszenarios abwarten. (dz)