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Mobiles Internet: Netzbetreiber suchen das Anti-Depressivum

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Das mobile Internet boomt, doch beim großen Reibach fürchten die Netzbetreiber außen vor zu bleiben. Auf dem Mobile World Congress (MWC) diskutiert die Branche über einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma. Um dieser "deprimierenden Realität" zu entkommen, müsse man vielleicht auch ein bisschen "verrückt" sein, meinte Masayoshi Son, CEO des japanischen Netzbetreibers Softbank, am Mittwoch auf dem MWC in Barcelona. Son sieht im mobilen Internet die große Chance der Netzbetreiber, sinkenden Sprachumsätzen und hohen Investitionskosten zum Trotz wachsen zu können.

Der Boom bei Smartphones und mobilen Datendiensten stellt die Netze vor neue Herausforderungen. Die Carrier müssen in die Infrastruktur investieren, um die wachsende Nachfrage nach Bandbreite bedienen zu können. Das treibt die Kosten nach oben, während die durchschnittlichen Umsätze der Kunden (ARPU) schon seit geraumer Zeit im Sinkflug sind, und die Carrier in den Industrieländern nur noch wenig Kunden hinzugewinnen. Insgesamt ein Nullsummenspiel für die Netzbetreiber, wie der Softbank-Chef vorrechnet. "Nur John Chambers ist glücklich", sagt Son an die Adresse des ebenfalls nach Barcelona gereisten Cisco-Chefs.

Die Ausrüster freuen sich über den Mobilfunk-Boom, der ihnen gute Geschäfte verspricht. Für die Branche ist Barcelona ein wichtiger Treffpunkt mit den Netzbetreibern. Für Chambers ist das Netz der Zukunft die "intelligente Plattform" für alle möglichen Geräte und Geschäftsmodelle in einer "vernetzten Wirtschaft". Ausrüster wie Cisco wollen den Netzbetreibern dabei helfen, eigene Geschäftsmodelle auf ihren Netzen zu entwickeln und die Schere zwischen wachsenden Kosten und sinkendem ARPU wieder zu schließen. Dabei denkt Chambers vor allem an Video in allen Formaten und auf allen Geräten. Der Cisco-Chef sind in ansprechenden Videodiensten eine große Chance für die Netzbetreiber: "Dafür werden die Leute bezahlen".

Das denkt auch Carol Bartz: "Die Technik macht das Internet möglich, aber Inhalte treiben es an", sagt die Yahoo-Chefin, die in Barcelona den virtuellen Kiosk "Livestand" vorstellt. Für eine mobile Welt, so schwebt es Bartz vor, müssen die Inhalte kontextualisiert werden. Das Inhaltsangebot mobiler Dienste müsse "sehr viel persönlicher" werden, sagte Bartz. Inhalte sollten den Bedürfnissen des Nutzers entsprechen und seinem aktuellen Aufenthaltsort Rechnung tragen. Dann würden die Kunden auch Werbung akzeptieren oder für Inhalte bezahlen. Gleichzeitig seien solche Angebote ein attraktives Umfeld für die Werbebranche – und eine Gelegenheit auch für die Netzbetreiber.

Mitgefühl für die prekäre Lage der Netzbetreiber hat Konjunktur in Barcelona. Nicht ganz uneigennützig stellen sich Vertreter verschiedener Branchen an die Seite der Carrier. "Es ist unsere Aufgabe, Geräte nahtlos zu vernetzen", fasst Intel-Chef Paul Otellini den Marschbefehl an die bunte Truppe zusammen. Ausrüster, Netzbetreiber, Inhalteanbieter und Hardwarehersteller predigen von "Offenheit" und "Ökosystemen": man geht pfleglich miteinander um, und jeder kann dabei etwas verdienen. Zusammen suchen sie das Gegenmodell zu Apple und Google, deren Dominanz der Branche immer auch ein bisschen unheimlich ist.

Softbank-Chef Son setzt alles aufs mobile Internet – auch persönlich. "Ich habe 800.000 Follower", sagt der quirlige Manager, der seit Monaten keine Tastatur mehr angefasst haben will. "Ich nehme mein Tablet überall mit hin, auch auf die Toilette". Sein Rat an die Carrier: Macht es wie Softbank – Marktanteil erhöhen und mit Datenumsätzen auch den ARPU wieder auf Touren bringen. Die Leute hätten ihn für verrückt gehalten, als er vor fünf Jahren die Milliarden-Übernahme der japanischen Vodafone-Tochter stemmte, sagt Son. Heute stehe Softbank blendend da. "Manchmal bringt Verrückheit auch gute Ergebnisse". (vbr)