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Mobilfunk-Strahlung weiter in der Diskussion

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Seit Jahren sind sich Wissenschaftler darüber uneinig, inwieweit Handystrahlung schädlich ist. Unklar ist immer noch, wie riskant Handynutzungszeiten von mehr als zehn Jahren sind und ob Kinder empfindlicher reagieren als Erwachsene. Wie aus einem Bericht der Bundesregierung (PDF-Datei) über den Stand der Forschung hervorgeht, ist inzwischen klar, dass sich zumindest die bisher verwendeten Ganzkörpermodelle für Kinder nicht eignen.

Für eine vom Bundesamt für Strahlenschutz initiierte Studie wurde untersucht, ob bei Kindern die Energieabsorption von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern höher ist als bei Erwachsenen. Dafür entwickelten die Forscher realistische Ganzkörpermodelle von Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren. Bislang wurden die Körpermodelle von Erwachsenen auf die Größe und das Gewicht von Kindern umgerechnet, jedoch sind Proportionen und Gewebeverteilungen bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Die Forscher stellten mit ihrem neuen Körpermodell fest, dass der empfohlene SAR-Wert als Maß für die Einwirkung auf den Körper bei Kindern tatsächlich überschritten werden kann. Betroffen sind Frequenzen bei Körperresonanzen zwischen 50 und 110 MHz sowie in dem mobilfunkrelevanten Bereich zwischen 1,5 und 5 GHz. Die Ergebnisse zeigten daher, dass das international empfohlene System aus Basis- und Referenzwerten "inkonsistent" ist.

Die Befunde will das Bundesamt in die Beratungen zur Überarbeitung der Grenzwerte einbringen. Die Ergebnisse sind jedoch abhängig vom verwendeten Handy und der Körperhaltung, meint Bernd Rainer Müller von der Naturschutzorganisation BUND. An der Studie kritisiert er, dass nicht das Handy mit der zulässig ungünstigsten Leistung und der ungünstigsten Körperhaltung genommen worden sei. Außerdem seien ihm die Originaldaten der Studie nicht zur Verfügung gestellt worden.

Nicht-thermische Effekte etwa durch Mobilfunkstrahlen konnten in jahrzehntelanger Forschung wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden, auch kein Zusammenhang zwischen den Beschwerden elektrosensibler Menschen und elektromagnetischen Feldern. Eine aktuelle Studie des Bundesamts für Strahlenschutz hält fest, dass ein "beträchtlicher Anteil" der Allgemeinmediziner das Risiko elektromagnetischer Felder "zu hoch" einschätzt. Dies könne auf die "schlechte Informiertheit" der Ärzte zurückzuführen sei.

Noch immer haben Wissenschaftler außer einer Erwärmung des Gewebes keine schädliche Wirkung von Mobilfunkstrahlen gefunden, stellt der Bericht der Bundesregierung außerdem fest. Die Erhöhung der Körpertemperatur um deutlich mehr als ein Grad kann jedoch bereits gesundheitlich bedeutende Beeinträchtigungen hervorrufen. Beim Telefonieren ist es der Akku, der neben den Mikrowellen für eine Erwärmung sorgt, erklärt Müller. Welcher Anteil welcher Ursache bei den verschiedenen Gerätemodellen zuzuschreiben ist, sei bislang ungeklärt. Durch das Telefonieren mit der Freisprechanlage könnten die Strahlengrenzwerte um das Zehn- bis Hundertfache unterschritten werden.

Die Bundesregierung empfiehlt, über die Unsicherheiten von elektromagnetischen Feldern "fair", "offen" und "kompetent" zu kommunizieren. Allerdings verfügten Mitarbeiter von Handy-Shops über einen "sehr mangelhaften Wissensstand" bei den Themen Mobilfunk und Gesundheit. Entsprechende Informationsmaterialien sind in den Shops nicht leicht verfügbar. Das Umweltzeichen "Blauer Engel" für strahlungsarme Geräte wird bislang von den Herstellern nicht angenommen. 2007 hatte ein Hersteller das Umweltzeichen für ein Modell beantragt und erhalten, Ende 2009 jedoch darauf wieder verzichtet. Für Babyphones erhielten nur zwei Hersteller bis Ende 2008 das Abzeichen. Bislang hat kein einziger Hersteller das Umweltzeichen für strahlenarme DECT-Schnurlostelefone beantragt.

Die Ergebnisse einer Strahlen-Studie über den Einsatz von RFID, werden für 2011 erwartet. Ebenso die Ergebnisse einer Studie zur Terahertz-Strahlung, wie sie in Ganzkörperscannern an Flughäfen verwendet wird. (anw)