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Mobilfunk von Kirchtürmen

Pastor Leif Rother hat es hinter sich, die Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner auch. Wie das weltbekannte Kölner Gotteshaus bleibt auch die St. Marienkirche in der mecklenburgischen Stadt Waren/Müritz ohne Mobilfunk-Antenne. "Das Strahlungsrisiko für die Mitarbeiter im Turm war uns zu hoch", gibt Rother den Mehrheitsbeschluss seines Kirchenvorstands wieder. Seine Kirchengemeinde ist damit aber in der Minderheit: Deutschlandweit hat die Mobilfunkbranche seit Jahren Kirchtürme als Sendestationen im Visier und damit nicht nur eine Diskussion über Elektrosmog unter Kirchenvertern ausgelöst, sondern auch eine Debatte in den deutschen Kirchen losgetreten, die jetzt durch ein Gerichtsurteil in Hessen wieder angefacht werden dürfte: Sind Kirchen und Kommerz vereinbar?

Im Grundsatz in solchen Fällen ja, meinten die evangelischen und katholischen Kirchenverantwortlichen. "Wir haben eine Grundstückskommission mit Vertretern beider Konfessionen gebildet, die modellhafte Rahmenverträge erarbeitet hat", sagt Hinrich Butenschön, der bei der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) in Hannover für solche Verträge zuständig ist. Diese sollen Grundlage für die jeweiligen Kirchengemeinden sein, die aber selbst entscheiden müssten. "Die Zeit, als es in Deutschland Bedenken wegen der Strahlung beim Mobilfunk gab, ist lange vorbei", meint Butenschön. Exakte wissenschaftliche Messungen und Ergebnisse lägen bis heute nicht vor.

Daher schien sich die Waage zwischen Befürwortern und Gegnern der "neuen Kirchendrähte" in den vergangenen Jahren deutlich zu Gunsten der Handy-Phalanx zu neigen. Vor allem in den dünner besiedelten Regionen, wo nicht Fernsehtürme oder Wolkenkratzer die Gotteshäuser überragen, kamen und kommen die vier großen Mobilfunkfirmen mit ihren Angeboten zu den Kirchenvorständen. "Bis zu 10 000 Mark im Jahr sind kein Pappenstiel bei dem Erhaltungszustand unserer meist denkmalgeschützten Gebäude", sagt Karl-Heinz Schwarz, Leiter der Bauabteilung bei der Mecklenburgischen Landeskirche in Schwerin.

Insgesamt etwa 40 Kirchen zwischen Rostock und Fürstenberg/Havel sind inzwischen mit Mobilfunkantennen bestückt, ähnlich viele sind es in Schleswig-Holstein und Hamburg. Im nordrhein-westfälischen Bistum Münster ist bereits ein Viertel der 900 Kirchen mit Anlagen bestückt, manche Gemeinden betreiben sogar zwei bis drei Anlagen. Wegen der geographischen Besonderheiten sind es im Süden Deutschlands weniger, doch bundesweit - so schätzen Experten - kommen noch viele der mehr als 40 000 Gotteshäuser als Sendestation in Betracht.

Die mögliche Strahlung ist das Hauptargument der Gegner solcher kommerziellen Anlagen unter dem Kreuz. "Solche Schwingungen können aus bauphysikalischer Sicht das Gefüge von quarzhaltigen Steinen nachhaltig stören", protestierte der Professor für Biophysik, Eike Hensch, in einem offenen Brief an die Kirchenvertreter. Auch rechtliche Konsequenzen dürften sich nicht verhindern lassen, wenn "in einem theologische geprägten Haus Gewerbe betrieben wird."

In Hamburg-Jenfeld in der Gemeinde "Der gute Hirte" verhinderten Eltern 1999 eine solche Anlage, weil an der Kirche ein Kindergarten existiert. In Pastor Rothers Gemeinde in Waren ging dem Kirchenvorstand die Gesundheit der Mitarbeiter in den Büroräumen im Turm und der Besucher der Aussichtsplattform vor und im hessischen Oberursel-Bommersheim (Hochtaunuskreis) erwirkten Anwohner Ende September - bundesweit vermutlich erstmals - ein Gerichtsurteil gegen die Telekom-Tochter Detemobil. Diese musste ihre Anlage auf der Kirche trotz Gegengutachten wegen möglichem Elektrosmog vorerst abschalten. Eine Entscheidung soll hier im Dezember fallen.

Für die Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner kommt aber – egal wie das Urteil ausfällt – keine Sendeanlage auf den 157 Meter hohen Dom. "Anfragen hatten wir schon viele, wollen aber möglichst wenig Leute da oben rumklettern haben", sagt sie. Deshalb werde auch Reklame an Gerüsten immer wieder abgelehnt. Einen Kompromiss hat sie aber doch machen müssen: Die Sendeanlage des Mobilfunkanbieters wurde statt auf dem Dom auf dem Dom-Verwaltungsgebäude installiert – "und direkt unter dem Dach liegt meine Dienstwohnung", schmunzelt die Dombaumeisterin. (Winfried Wagner, dpa) (Winfried Wagner, dpa) / (wst)

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