Menü

Digitalisiertes Handwerk: Nicht nur Möbel nach Maß dank Internet

Auch im Handwerk kommt die Digitalisierung zum Tragen. Den Roboter, der den Wasserhahn repariert, wird es aber nicht geben.

Möbel nach Maß dank Internet

(Bild: meine-moebelmanufaktur.de)

Möbel nach Maß für die breite Masse – geht das überhaupt? Eine einst traditionelle Schreinerei macht es vor, und zwar durch den Sprung in das Internetzeitalter. "Meine Möbelmanufaktur" heißt das Unternehmen, das Birgit Gröger und Sebastian Schips 2011 in Ebersbach/Fils im Kreis Göppingen gegründet haben. Dort ist die Schreinerei der Familie Schips aufgegangen. Der 37 Jahre alte gelernte Schreiner und Ingenieur für Holztechnik und die 35-jährige Betriebswirtin setzen seither auf den Online-Handel von Schränken und Regalen.

Der Betrieb mit seinen 30 Mitarbeitern ist eines von knapp 133.000 Unternehmen im Südwest-Handwerk, von denen zwar längst nicht alle, aber doch viele vor der Frage stehen, ob sie digitalisieren sollen.

Die digitale Transformation ist für viele Betriebe eine große Herausforderung. "Für mich stellte sich vor Jahren die Frage, wie ich das Internet für das Handwerk nutzen kann", sagte Schips. Heraus kam ein digitaler Möbelkonfigurator. Der Kunde plane individuell, er ermittele die Maße und gebe dann die Daten zuhause am Rechner ein, erklärt Gröger. "Diese werden dann eins zu eins für die Fertigung übernommen."

In der etwa 4500 Quadratmeter großen Fabrikhalle ist alles vollständig automatisiert. Lediglich ein Mitarbeiter baut in Handarbeit die Schubladen zusammen. Die Facharbeiter haben zumeist überwachende Funktion. Bislang wurden über 10.000 Möbelstücke an Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einer genauen Bauanleitung ausgeliefert.

Die Digitalisierung sei für viele Handwerker kein weißes Blatt mehr, sagte Holger Klett vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). "Die digitale Transformation ermöglicht es den Handwerkern auch morgen noch, sowohl junge als auch alte Kunden über die jeweils relevanten Kommunikationskanäle adäquat zu erreichen." Gleichzeitig diene sie dazu, eigene Geschäftsprozesse zu optimieren, um so Aufwand, Kosten und Zeiten zu reduzieren.

Diesen Weg geht Friseurmeister Peter Gress seit Jahren. Der 62-Jährige betreibt in Esslingen mit seiner Schwester einen Salon mit insgesamt 16 Beschäftigten und verzichtet bei der Buchhaltung konsequent auf Papier. "Alles wird eingescannt." Und Rechnungen erhalte er nur noch per E-Mail.

Doch das ist noch nicht alles, denn das klassische Frisurenbuch gibt es in dem Salon auch nicht mehr. "Bei uns schauen die Kundinnen ihre Wunschfrisur auf dem Tablet an", sagte der 62-Jährige, der seit fünf Jahren gezielt Online-Marketing betreibt. Lediglich beim Thema Terminvereinbarung, die zwar natürlich auch online möglich ist, bevorzugen die Kundinnen zumeist den klassischen Weg. "60 Prozent werden direkt beim Besuch im Salon gebucht", erklärte Gress. Die Kundinnen würden dann per SMS an den Termin erinnert.

Die Handwerksbetriebe im Südwesten gehen ganz unterschiedlich mit den neuen technischen Gegebenheiten um. "Keine Frage, die eigene Website ist Pflicht", sagte Handwerkspräsident Rainer Reichhold. Aber dies sei natürlich nur ein kleiner Baustein von vielen. Reichhold zerstreut Befürchtungen eines massiven Arbeitsplatzabbaus im Zuge der Digitalisierung. Das Handwerk sei viel stärker als die Industrie durch menschliche Arbeit geprägt, sagt er. "Maschinen werden den Charakter eines Werkzeugs erhalten. Eine Vollautomatisierung und Vernetzung sämtlicher Prozesse wie in der Industrie 4.0 wird es nicht geben."

Reichhold sieht in der Digitalisierung vor allem große Chancen für die Betriebe, ihre Arbeitsabläufe zu optimieren und körperlich anstrengende Arbeiten zu erleichtern. "Der Roboter, der selbstständig ins Badezimmer fährt und sich wie ein Klempner den Wasserhahn vornimmt, der gehört allerdings in Reich der Science Fiction." (Oliver Schmale, dpa) / (anw)

Zur Startseite
Anzeige