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Möbelherstellung: Hier wachsen Stühle

Bäume fällen, abtransportieren, zersägen und dabei viel Holz wegschmeißen – was für eine Verschwendung, dachte sich Gavin Munro. Nun lässt er das Holz gleich in Form von Stühlen, Tischen oder Lampen wachsen.

Hier wachsen Stühle

(Bild: Full Grown)

Mit einer spektakulären Idee will Gavin Munro die Möbelherstellung verändern: Er schreinert keine Stühle, Tische oder Lampen – sondern lässt das Holz auf einem Acker gleich in der richtigen Form wachsen. Er baut Möbel an wie andere Leute Obst. "Wenn unsere Produktion erst einmal auf vollen Touren läuft, dann werden Sie aus der Ferne nichts anderes sehen als einen in säuberlichen Reihen gepflanzten Wald", sagt der 40-Jährige in der aktuellen Ausgabe von Technology Review (am Kiosk erhältlich oder online zu bestellen).

Als Gewächse nutzt er Weiden, Eichen, Platanen, Eschen, Kirsch- und Wildapfelbäumen. Deren Äste und Stamm formt er mit Plastik ummanteltem Draht, grellblaue Plastikformen geben die Gestalt der späteren Möbel vor. Die herkömmliche Art, Möbel herzustellen, schien ihm eine gigantische Verschwendung von Ressourcen. Warum einen Baum erst einmal vierzig Jahre lang wachsen lassen, ihn dann fällen, per Lastwagen abtransportieren, zersägen und am Ende nur einen Bruchteil seines Holzes für einen Stuhl verwenden? Also machte sich Munro daran, die Stühle gleich in der benötigten Form wachsen zu lassen.

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Er ist damit zwar nicht der erste: Der amerikanische Banker und Bauer John Krubsack etwa pflanzte schon 1903 zwanzig Bäume, die nach elf Jahren zu einem Stuhl herangewachsen waren. Auch der britische Künstler und Möbeldesigner Chris Cattle hatte in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts damit begonnen, Platanen-, Ahorn-, und Eschensetzlinge so heranzuziehen, dass sie Beine von Hockern formten. Doch Munro ist der erste, dessen Ziel die Massenproduktion ist.

Sein Fabrikgelände ist ein Hektar ehemaliges Grasland. Die Methode dauert zugegeben Jahre. "Aber bevor ein Weinberg den ersten Ertrag einbringt, müssen Sie auch sechs Jahre warten", sagt Munro. Diesen Herbst steht die erste Ernte seiner Full Grown-Möbel an, die im Verkauf landen soll. Ist sie eingefahren, muss das Holz zunächst trocknen. Fünf bis sechs Monate rechnet Munro für die Rahmen und Lampen, für die Stühle dürfte ein Jahr nötig sein. Sind sie fertig, sollen die Sitzgelegenheiten 5.000 Pfund kosten. Wer vorbestellt hat, kommt mit 2.500 Pfund deutlich günstiger weg. 25 Vorbestellungen hat er nach eigenen Angaben bereits. 50 Stück muss er nach seiner Rechnung pro Jahr verkaufen, um auf seine Kosten zu kommen. Die Käufer erhalten im Gegenzug Möbelstücke mit eigenem Charakter, einmaliger Gestalt – und nach Munros Rechnung mit nur einem Viertel des CO2-Ausstoßes herkömmlicher Modelle.

(Robert Thielicke) / (jle)
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