Münchner Forscher entwickeln interaktiven Plasmatisch

Der Münchner Informatiker Andreas Butz erhält kommende Woche für seine Forschungen an einem interaktiven Display Forschungspreis der Alcatel-Lucent-Stiftung

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 120 Beiträge
Von
  • Monika Ermert

Der Computer macht vieles möglich, für Planungen im Teamwork eignet er sich nur bedingt. Zum Beispiel weil alle, die vor ihm sitzen, in eine Richtung starren müssen. Um den Bildschirm für die Interaktion zwischen Kollegen oder auch zwischen Mitmenschen geeignet zu machen, muss er größer und interaktiver werden und die Barriere zwischen virtueller und physischer Welt überwinden, meint der Münchner Informatiker Andreas Butz. Wie das aussehen kann, zeigen verschiedene von Butz und seinen Studierenden an der Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) entwickelte Prototypen, darunter ein Multitouch Interactive Table. Den machen die Berliner Unternehmen Werk5 und Foresee nun für Architekten und Immobilienmessen marktfähig. Für seine Forschungen erhält Butz am kommenden Freitag den mit 20.000 Euro dotierten Forschungspreis der Alcatel-Lucent-Stiftung.

Die Zusammenarbeit mehrerer Personen an einem großen Plasmatisch war eines der Probleme, die Butz und sein Team gelöst haben. Der Prototyp im Keller der Uni akzeptiert aktuell nur zwei Anwender. Das marktfähige Modell soll dagegen mehrere Personen zulassen, die dann Planungselemente, Fotos oder Zeitungsseiten mit einem Fingertippen austauschen können. Zu den Anwendungen, die Butz und seine Mitarbeiter entwickelt haben, gehört etwa das kooperative virtuelle Brainstorming. Statt klassischer Papierzettelchen werden virtuelle verfasst, hin und her geschnipst wie Billardkugeln oder für den noch größeren Überblick auf einen Wandschirm übertragen.

"Es gibt zwar keine signifikant besseren Ergebnisse, aber das Planungsergebnis wird positiver beurteilt", haben Studien zur Nutzung des virtuellen Brainstorming am Plasmatisch laut Butz ergeben. Die Kommunikation, bei IT-gestützter Zusammenarbeit häufig ein Problem, sei schon dadurch verbessert, dass sich die Leute am Tisch gegenübersitzen. Wolf-Dieter Lukas, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Jurymitglied bei der Alcatel-Lucent-Stiftung, sagte bei der Vorstellung des Preisträgers in München, er sehe eine Menge Einsatzmöglichkeiten für ein solches Planungshilfsmittel. "Einsatzzentralen bei der Feuerwehr, der Polizei oder beim Flughafen drucken heute ihre am Bildschirm erstellten Informationen aus und fangen an, sie wieder zusammenzuschnipseln." Butz' Forschungen seien deshalb so interessant, weil sie auch in Ministerien entstandene Kommunikationsprobleme zu beheben versuchten.

Die zunächst noch teure und daher für professionelle Anwender reservierte Technik soll auch für den Otto-Normal-Verbraucher digitale Tools so umbauen, dass man lieb gewordenen Gewohnheiten fröhnen kann. Butz' Studierende arbeiten an Programmen für den gemütlichen Bilderabend oder das intuitive Navigieren durchs eigene Musikarchiv. Eine einfache Eieruhr, der die Forscher eine Funkmaus implantiert und eine schlichte Antenne aufgesetzt haben, dient jetzt als Türöffner für das Programm PhotoHelix. Einmal auf den Plasmatisch gesetzt, zeigt sich rund um die Uhr ein Zeitstrahl auf dem Plasmaschirm.

Eigene Fotos lassen sich herausgreifen, vergrößern, beliebig anordnen und für andere am Tisch drehen oder herumreichen. Genau so habe man früher seine Papierbilder gezeigt, sagt Butz. Statt der Eieruhr sind laut Butz übrigens verschiedene Knöpfe möglich, vom einfachen Holzknopf mit spezieller, persönlicher Markierung bis zum Mobiltelefon, das sich per Bluetooth mit dem System verbindet und seine Daten direkt auf den Schirm abladen kann.

Bei ihrer Arbeit an dem Plasmatisch ist den Münchnern ein kleiner Coup gelungen. So wie Microsoft, das seinen Surface Interactive Table wenigen Vertragspartnern für 5000 Euro das Stück verkaufen will, oder andere Forschungsgruppen in Deutschland, hatten sie noch eine Nuss zu knacken, und zwar den Betrieb des Infrarot-empfindlichen Tischs auch bei Lichteinstrahlung. Als Butz' Mitarbeiter Dominikus Baur und Sebastian Boring den Multitouch Table aufbauten, stellten sie fest, dass er wegen des Umgebungslichts nicht brauchbar war. Sie entschieden, eine zusätzliche Polykarbon- und darüber eine Infrarot-undurchlässige Schicht einzuziehen. Das Verfahren haben die Münchner Uni, die Forschungsgruppe und die Berliner Unternehmen dann innerhalb einer Woche zum Patent angemeldet. Andere Forscher hätten vorgeschlagen, den Infrarotfilter auf die Scheiben im jeweiligen Raum anbringen zu lassen. "Das funktioniert aber nicht mehr, wenn Lampen im Raum eingeschaltet sind", erläutert Boring. Beide arbeiten schon an den nächsten Projekten, etwa wie sie die eigenen Tools für die Fernzusammenarbeit mit ihrem Chef verbessern. Denn der überwintert an der Universität in Santa Barbara. (Monika Ermert) / (anw)