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Münchner Medientage: Der schwierige Weg zum Journalismus der Zukunft

Die Medienbranche befindet sich mitten in einem digitalen Umbruch. Das zeigt sich auch auf den Münchener Medientagen, wo viele neue Journalismusformen und -Werkzeuge vorgestellt wurden. Die größte Hürde bei der Digitalisierung ist aber nicht die Technik.

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Medientage - der schwierige Weg zum Journalismus der Zukunft

"Media. Trust. Machines." lautet das Motto der diesjährigen Münchener Medientage. Es könnte aber genauso heißen "Media depends on machines": Sowohl von den Erzählformaten her als auch bei der täglichen Arbeit der Redakteure geht nichts ohne viel neue Technik. Daher hatten die Veranstalter gleich zwei Vortrag-Tracks den Themen "Digital Media" und "Innovation" gewidmet.

Ist der Redakteur bei der Washington Post mit einem Artikel in Verzug, meckert der Slackbot martybot.

Scot Gillespie, Chief Technologie Officer der Washington Post, hat die Entwicklung mit dem Titel seiner Präsentation wohl am besten auf den Punkt gebracht: "Automate or Die". Bei der Post ist in den letzten Jahren kaum ein Stein auf dem anderen geblieben, viele Dinge wurden automatisiert. Kernstück ist die sogenannte Arc Publishing Suite, die Redakteuren und Newsrooms bei allen Aspekten ihrer Arbeit hilft – angefangen von der Planung über den Publishing-Prozess und der Monetarisierung bis hin zur Analyse. Etwa 150 Techniker arbeiten laut Gillespie nur an diesen Tools.

Dabei werden zum Beispiel Redakteure in vielerlei Hinsicht von der Software unterstützt. So können sie nicht nur mehrere Versionen von Schlagzeilen testen lassen, um diejenige zu finden, die die meisten Leser anspricht. Sie erhalten sogar automatisch generierte Vorschläge für Schlagzeilen, von der die Software glaubt, dass sie gut funktionieren. Auch wenn die Washington Post sehr viel Arbeit in ihre Technik steckt, warnt Gillespie: "Die Veränderung der Kultur ist der schwierigste Part" – es ist eine sehr zähe Aufgabe, Journalisten von lieb gewonnenen Gewohnheiten abzubringen.

Viele neue Ideen wurden vorgestellt, die helfen sollen, Geschichten auf neue Art zu erzählen. Das US-amerikanische Medienhaus Quartz etwa experimentiert in seiner App mit Augmented Reality, um dem Leser bestimmte Inhalte näherzubringen. Der Leser kann zum Beispiel die Raumsonde Cassini mit dem Smartphone ins Wohnzimmer holen und um sie herumgehen.

Google und Facebook sind die größten Profiteure des Medienwandels, so Mathew Ingram.

Last not least soll der Journalist mit neuen Werkzeugen – wieder – ein engeres Verhältnis zu seinen Lesern aufbauen. Die niederländische Zeitung De Correspondent zum Beispiel bindet das Publikum aktiv in das Projekt mit ein. So halten die Korrespondenten ihre Leser permanent darüber auf dem Laufenden, woran sie arbeiten. Wenn ein Artikel veröffentlicht wird, ist das erst der Beginn eines Dialogs mit den Lesern. De Correspondent kommt ohne Werbung aus und finanziert sich komplett aus den Abogebühren von 60 Euro pro Jahr seiner 56.000 Abonnenten.

Nicht jedes neues Angebot für Journalisten ist aber auch ein Gewinn – auch wenn das auf den ersten Blick so erscheinen mag. Der Journalist Mathew Ingram jedenfalls warnt vor Facebooks Instant Articles. Das soziale Netzwerk bietet es Medienunternehmen an, ihre Artikel in diesem Format auf Facebook zu veröffentlichen. In Ingrams Augen ist das ein faustischer Pakt, von dem der Riese Facebook mehr profitiert als die Medienunternehmen.

So können viele Leser nicht mehr nachvollziehen, wo sie eine Geschichte gelesen haben und schreiben eine von einem externen Medium veröffentlichte Nachricht Facebook zu. Facebook kann zudem jederzeit die Spielregeln auf seiner Plattform ändern, was kürzlich tatsächlich geschehen ist. Ingram empfiehlt Journalisten daher, dass sie ihre direkte Beziehungen zu den Lesern wieder verbessern sollen, statt sich auf Facebook zu verlassen. (jo)

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