Münchner Sicherheitskonferenz: "Klima" wird zum Kampfbegriff

Klimaaktivisten werden gelobt auf der Sicherheitskonferenz. Sie hätten längst erkannt, was langsam den Militärs dämmert: Klimawandel ist ein Sicherheitsproblem.

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(Bild: Reimund Bertrams, gemeinfrei)

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Der Klimawandel hat es auf die "Hauptbühne der Sicherheitspolitik" geschafft. In der Vorabendrunde der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) am Donnerstag rief der ehemalige US-Außenminister John Kerry zu einem "Kriegsrat" gegen den Klimawandel und "Krieg gegen die Klimawandel-Leugner" auf.

Auch die Militärs kalkulieren die Sicherheitsrisiken des Klimawandels, versicherte der Vorsitzende des International Military Council on Climate and Security (IMCCS), General Tom Middendorp. Der IMCCS warnt in seinem Globalen Bericht zur Sicherheitsbedrohung Klimawandel vor den Effekten von Versteppung und Wasserknappheit. Diese trieben Menschen möglicherweise auch in die Hände von radikalen Gruppierungen. Militärische Organisationen müssten sich damit beschäftigen, welche Klimaeffekte ihre Einsätze hätten. Auch sei es notwendig, international einen Rahmen zu entwickeln, um sich gezielt auf die Sicherheitsrisiken des Klimawandels einzustellen.

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Nachdem MSC-Chef Jürgen Ischinger zu einem Schulterschluss zwischen Sicherheitspolitikern und Klimaaktivisten aufgerufen hatte, unterstrich Greenpeace-Geschäftsführerin Jennifer Morgan: "Die Klimakrise ist eine Sicherheitskrise." Schafften die Regierungen es nicht, den aktuellen Kurs in Richtung über 3 Grad höherer Durchschnittstemperaturen doch noch zu ändern, drohe dem Planeten Instabilität und Unsicherheit. "130 Millionen Kinder in überfluteten Gebieten, unbewohnbare Städte, das endgültige Verschwinden von Fischbeständen, Konflikte über verbliebene Ressourcen und Millionen von Menschen auf der Wanderschaft – wenn wir versagen, müssen wir uns tatsächlich auf apokalyptische Zustände einstellen."

v.l.n.r.: Jennifer Morgan, Tom Middendorp, Helga Maria Schmid, Ban Ki-moon, John Kerry und Edith Kimani (Deutsche Welle)

(Bild: MSC)

Die Regierungen müssten die "Kohlenstoff-Bomben", die noch in der Arktis und anderen Gebieten der Welt schlummerten, "vernichten" anstatt ihre Förderung und Verbrennung zuzulassen, meinte Morgan. Kohle sei zur "Massenvernichtungswaffe" geworden, gegen die eine Klima-Friedenspolitik notwendig sei.

Morgans Appell wurde vom ehemaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und von Ex-US-Verteidigungsminister John Kerry und Helga Maria Schmid, Generalsekretärin des Auswärtigen Dienstes der EU bekräftigt. Ban Ki-moon, der die Verhandlungen zur Pariser Klimavereinbarung geleitet hatte, meinte, dass ohne echte Klimapolitik "alles verloren ist". Der Klimakollaps sei neben einer nuklearen Katastrophe die zweite existentielle Bedrohung für die Menschheit.

Ban kritisierte US-Präsident Donald Trump für den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen und forderte die EU auf, den Check für den vereinbarten Ausgleichsfonds für die USA zu übernehmen. 100 Milliarden Dollar hatten die USA, die EU und Japan 2009 innerhalb der nächsten 10 Jahre zugesagt. "Heute ist der GCA (Green Climate Fonds) eine leere Hülle", sagte Ban. Vorerst müsste die EU für die USA einspringen. Von den USA erwarte er, dass sie "im schlimmsten Fall" in vier Jahren wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren werde, mit erheblichem Verlust an Respekt, wie Ban unterstrich.

Da er nicht mehr im Amt ist, konnte sich Ban Kritik an Trumps Haltung zum Klimawandel leisten. Das Leugnen des Klimawandels gegen feststehende und durch tausende Wissenschaftler gesicherte Erkenntnisse, nannte Ban "unwissenschaftlich" und politisch und wirtschaftlich "kurzsichtig".

Weit weniger diplomatisch fiel Kerrys Kritik an Trump aus, den er dafür verantwortlich macht, dass fünf Jahre, nachdem man selbst die widerwilligsten Länder fürs Pariser Klimaabkommen ins Boot geholt hatte, sich die USA, Brasilien und Australien aus dem Kompromiss verabschiedet haben. Er hoffe, "dass die Wahrheit noch eine Heimat finden könne" und rief: "Wir müssen uns bereit machen, mit den jungen Klimaaktivisten auf die Straße zu gehen."

Doch selbst wenn Donald Trump im kommenden November die Wahl verlöre und die USA wieder ins Boot käme, reiche das Pariser Paket längst nicht mehr aus, meinte Kerry. Die Wirtschaft habe längst verstanden, arbeite an neuer Technik und dürfe sich auf Milliardengewinne im Markt für klimaneutralen Verkehr und Produktion freuen. (anw)