Menü

Multimedia-Terminals gegen die "Krise der Telefonzelle"

vorlesen Drucken Kommentare lesen 58 Beiträge

Einst galten die kleinen Häuschen als unentbehrlich: In Urlaubsorten, Bahnhöfen und Neubaugebieten waren Telefonzellen stets umlagert von Wartenden. Doch die Zeiten, als private Telefonanschlüsse sogar im Westen ein knappes Gut waren, sind längst vorbei. Mittlerweile tragen die meisten Deutschen ein Zweit-Telefon in der Tasche mit sich herum, und die gelben und grauen Zellen stehen immer häufiger leer.

Gab es 1990 bundesweit nach Angaben der Deutschen Telekom in Bonn rund 160 000 öffentliche Fernsprecher, so sind es gegenwärtig noch etwa 135 000. "Bei rund 50 Millionen Handy-Verträgen ist die Nachfrage natürlich gesunken", sagt Telekom-Sprecher Stephan Broszio. Das große Geschäft ist mit den kleinen Häuschen nicht zu machen. Bei 40 Pfennig pro Minute für ein Deutschland-Gespräch und 20 Pfennig pro Minute für ein Ortsgespräch kommen laut Broszio an manchen Standorten nicht einmal mehr die Unterhaltskosten zusammen.

Bis zu 750 Mark kosten Wartung und Reinigung einer Telefonzelle pro Monat, erklärte Broszio weiter. Hinzu kommen Schäden durch Vandalismus: Wie kaum eine andere öffentliche Einrichtung ziehen die verglasten Häuschen Rowdies und Randalierer an. Abgeschnittene Hörer, eingeschlagene Scheiben oder angezündete Telefonbücher kosten die Telekom jährlich rund zehn Millionen Mark.

Größere Einschnitte in das Netz der öffentlichen Fernsprecher sind laut Broszio dennoch nicht geplant. Werde ein Standpunkt unwirtschaftlich, so werde im Einzelfall und in Absprache mit den Kommunen entschieden, ob eine Telefonzelle verlegt oder abgebaut wird. Vor dem großflächigen Verschwinden der Telefonzellen, Telefonhauben und Fernsprechsäulen schützt zudem ein 1997 verabschiedetes Regelwerk mit dem umständlichen Titel "Telekommunikations-Universaldienstleistungsverordnung" (TUDLV). Demnach muss "die flächendeckende Bereitstellung von öffentlichen Telefonstellen" gewährleistet sein, die "in betriebsbereitem Zustand zu halten" sind.

Vor allem die Rettungsdienste plädieren für eine Beibehaltung des dichten Telefonzellen-Netzes. Schließlich können an jedem öffentlichen Fernsprecher auch ohne Karten oder Münzen die beiden Notrufe 110 und 112 gewählt werden. "Der Alarmierungsweg muss so kurz wie möglich sein", sagt Rudolf Römer, Sprecher des Deutschen Feuerwehrverbandes in Bonn. Auch alte Menschen ohne Handy müssten unterwegs die Chance haben, schnell telefonisch Hilfe zu holen.

Um das öffentliche Telefonieren wieder attraktiver zu machen, hat die Deutsche Telekom zwei neue Modelle auf den Markt gebracht. An bundesweit 1000 "Telekiosken" will das Unternehmen laut Broszio "das Internet auf die Straße bringen". Neben dem klassischen Telefongespräch bieten die in dunkelgrau gehaltenen Multimedia-Terminals auch die Möglichkeit zum Internet-Surfen an. Als weitere Neuerung sind so genannte "Telestationen" geplant, die ebenfalls seit Anfang des Jahres errichtet werden: schlanke Metallsäulen mit Tastentelefon, aber in der Regel ohne Dach.

Mit der Säule hatte übrigens am Ende des 19. Jahrhunderts alles angefangen: "Die ersten öffentlichen Fernsprecher standen an Haltestellen von Straßenbahnen oder waren in Litfaß-Säulen integriert", berichtet Rainer Pfeiffer, Begründer eines der größten privaten Telefon-Museen Europas in Hittfeld bei Hamburg. Einzeln stehende Häuschen seien erst in den zwanziger Jahren aufgekommen. (Thomas Kärst, gms) / (jk)