Menü

Musikbranche trifft sich in Cannes

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 81 Beiträge
Von

In der französischen Stadt Cannes hat gestern die Musikmesse Midem begonnen. Sie gilt nach der Absage der Popkomm als das größte Treffen der Branche. Fünf Tage lang versammelt sich dort Musikverlage, Tonträgerunternehmen, Musiker und Manager, aber auch hoffnungsvolle Anbieter von Onlineplattformen rund ums Musikgeschäft.

Der Basler Experte für den digitalen Musikmarkt Gert Leonhard forderte, die Musikmesse müsse sich der Diskussion um ein Flatrate-Modell für Onlinemusik stellen. Auch die Messe selbst müsse dringend die neuen Branchen und Anbieter neuer Geschäftsmodelle und Technologien ansprechen, damit sie sich nicht selbst überlebt.

Leonhard bezeichnete die gerade veröffentlichten Zahlen der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) als Augenwischerei. Die IFPI hatte trotz einer Verlangsamung des Wachstums einen Zuwachs der Onlinemusik-Verkäufe von 940 Prozent seit 2004 konstatiert. Tatsächlich hätten die großen Tonträger-Unternehmen die Entwicklung des Onlinemarktes in den vergangenen zehn Jahren stark behindert. Viele neue Plattformen seien "totgeschwiegen oder totlizenziert" worden, dabei seien rund 5 Milliarden bis 7 Milliarden Euro an Investitionen versenkt worden, rechnete Leonhard kürzlich dem Schweizer Fernsehen vor.

Zwar sei in den vergangenen Jahren ein wenig Bewegung in den Markt gekommen. Ein Euro pro Online-Musikstück sei aber schlicht zu viel. "Man kann nicht mehr Einnahmen haben und den Konsumenten kontrollieren", sagte Leonhard gegenüber heise online. "Die Branche muss sich viel schneller bewegen", sagte Ed O'Brian, Gitarrist der britischen Band Radiohead . Viele 14- bis 16-Jährige hätten beispielsweise keine Kreditkarten. "Das könnte man doch innerhalb einer Woche lösen", fordert O'Brian. Sofern die fortschrittlichen Teile der Musikindustrie nicht bald selbst den Aufstand probten, könne nur der Gesetzgeber den Stillstand beenden, meint Leonhard.

Der ehemalige Präsident des International Music Managers' Forum, Peter Jenner, verwies in einem Blog-Beitrag auf die Europäische Kommission als "Retterin". Die Wettbewerbs- und Medienkommissare der EU hätten ganz offensichtlich erkannt, dass digitale Distribution "ein grundsätzlich anderes Wesen" sei als der klassische Vertrieb von klassischen Tonträgern. Die EU-Gesetzgeber sprächen von der "Erweiterungen kollektiver Lizenzen, von Flatrate-Lizenzen und vom Recht auf Vergütung", schrieb Jenner. EU-Regulierung könne für den lange blockierten Wandel sorgen, stimmte Leonhard zu.

Der Schweizer Experte prognostizierte, wenn auch Spotify pleite gehe, kämen die Majors und die Verwertungsgesellschaften noch mehr in Erklärungsnot. Immerhin hätten doch alle Marktteilnehmer das schwedische Start-up als so gute Idee bezeichnet. Spotify erlaubt das Streamen der Musik aller großen Musiklabels und bezahlt Lizenzen über Abogebühren oder über Einnahmen aus eingeblendeten Anzeigen. Unmittelbar vor der Midem beeilte sich Rob Wells, Vizepräsident von Universal Music, der sich wie die anderen Musiklabels bei Spotify eingekauft hat, den Streaming-Dienst als funktionierendes Geschäftsmodell zu loben.

In Schweden, Norwegen, Finnland und Frankreich seien bereits über 10 Prozent der Nutzer Abonnenten, damit könne Spotify auf Basis von Sammellizenzen statt auf der Basis einzelner Streams abrechnen. In Großbritannien und Spanien liege der Prozentsatz der zahlenden Nutzer allerdings weiter unter 4 Prozent, berichtete die Unternehmensberatung Strategy Eye. Für diese Märkte muss Spotify also weiter die per-Stream-Lizenzgebühren bezahlen. Spotify-Gründer Daniel Ek gehört zu den Gastrednern bei der Midem.

Weil Streamen allmählich die klassischen Downloads ablöse, hält Leonhard Internetsperren für Urheberrechtsverletzer nach dem französischen "Three-Strikes"-Konzept, die gerade Konjunktur haben, für völlig sinnlos. "Die Kids downloaden schon längst nicht mehr, sie klicken nur noch auf einen Link und streamen. Wenn man das auch noch kontrollieren will, dann ist man schon in China", warnt er. (anw)