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Musiker für und wider Kopierschutz

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Das Feindbild der Musikindustrie ist sattsam bekannt: Die bösen Tauschbörsen, die bösen CD-Brenner-Hersteller, und natürlich letztendlich CD-Käufer, denen die Lust auf illegale Kopien zur Last gelegt wird.

Die Hysterie macht auch vor gestandenen Musikern nicht halt. So poltert Joachim Witt in einem aktuellen Interview mit Eckie Stieg: "Es ist de facto so, dass alle Künstler mit Einsatzbußen von bis zu 50 Prozent leben müssen." Bei der aktuellen CD des ehemaligen "Goldene Reiters", den unlängst "Die Flut" verschlang, sorgt Sonys Kopierschutz Key2Audio dafür, dass die CD in vielen CD-ROM-Laufwerken nur im Leerlauf dreht.

Witt trägt seine "militante Haltung" stolz zur Schau und fordert eine Unterwanderung der Tauschbörsen sowie drakonische Strafen: "Ich würde auf die CDs zudem Programme einbinden, die das Betriebssystem sofort zerstören, sobald die CD in den Computer geschoben wird. Gnadenlos." Andererseits verurteile er die Kopierer seiner CDs nicht: "Es ist eine ureigene menschliche Eigenart, dass man sich das, was es umsonst gibt, auch ohne Zusatzkosten holt."

Witt will seine Platten als "hochwertige Kunstwerke" verstanden wissen und fordert sogar, dass Radio- und Fernseher Videos und Lieder künftig für die Wiedergabe bezahlen müssen: "Unsere Videos und Songs sind Kunstprodukte, keine Promotionplattform!"

Eine komplett andere Position nimmt die amerikanische Sängerin Janis Ian ein: Kostenlose Musik-Downloads über Tauschbörsen schaden, wenn überhaupt, nur den Megaerfolgen der Musikbranche. Künstlern mit kleinerem Publikum würden Gratis-Downloads hingegen dabei helfen, überhaupt ihr Publikum zu erreichen.

In einem Artikel für die US-Fachzeitschrift "Performing Songwriter Magazine" widerspricht Janis Ian Punkt für Punkt vier Hauptargumenten der Musikindustrie aus einem Schreiben der Vorsitzenden der Vereinigung der amerikanischen Musikindustrie, Hilary Rosen [Download-Link, HTML-Transkript]

  1. Hilary Rosen behauptet, schon eine einzige Tauschbörse sorge pro Monat für 1,8 Milliarden illegaler Downloads.
    Ian hält dagegen, es gebe keine ausreichenden Indizien dafür, dass der Musikindustrie damit Umsatz entgehe -- keine zuverlässige Studie belege, dass die Anwender von Tauschbörsen die Musik sonst gekauft hätten. Ian argumentiert vielmehr: "Die meisten Downloads stammen von Leuten, die einen Künstler ausprobieren möchten" -- vor dieser Wahrheit habe die Plattenindustrie Angst.
  2. Ein weiteres Argument der Musikindustrie betrifft den Verkauf von CD-R-Medien. Die Verkäufe an CD-Rohlingen sei in den letzten zwei Jahren um 250 Prozent gestiegen: "Wenn nur die Hälfte der 2001 verkauften Rohlinge für Musikkopien dienten, werden weltweit ebenso viele CDs gebrannt wie im Handel verkauft werden."
    Janis Ians Gegenargument gründet auf einfacher Mathematik und eigenen Erfahrungen. Seit sie sich ein Notebook mit CD-Brenner gekauft habe, verbrauche sie allein für Backups wöchentlich zwischen sieben und fünfzehn CDs. Hinzu kämen private Kopien von Musik-CDs zum eigenen Gebrauch -- insgesamt verbrauche sie also schon allein 750 Rohlinge im Jahr.
  3. Die RIAA-Chefin weiter: "Musikverkäufe leiden bereits unter den Folgen [der Raubkopien, Red.]." Im Jahr 2001 seien die Verkäufe um über 10 Prozent zurückgegangen.
    Hier wird Janis Ian sarkastisch: Die Rückgänge hätten ja sicherlich nichts mit der Wirtschaftsflaute zu tun oder dem stetigen Einkommensschwund der Musikindustrie. Im vergangenen Jahr seien allein in den USA 32.000 neue CDs erschienen, plus Wiederauflagen -- insgesamt schätzt Ian die Anzahl der allein von den großen Plattenfirmen neu auf den Markt gebrachten CDs auf 100.000. Zudem bekomme man derzeit allerorten die Hitparade zu hören, die Leute seien mit Musik übersättigt. "Warum sollte man noch Platten kaufen, wenn man die gesamten Top 40 beim Einkauf im Supermarkt auswendig lernen kann?"
  4. Hilary Rosen zitiert eine Befragung von Musikkäufern, von denen 23 Prozent ausgesagt hätten, dass sie keine CDs mehr kaufen, da sie ihre Musik kostenlos aus dem Netz laden.
    Die Sängerin stellt in Frage, wie repräsentativ diese Umfrage sei -- zumal unklar ist, wer dabei befragt wurde. Studenten könnten wohl schwerlich zehn neue CDs im Monat einkaufen, um ihre Lieblingsgruppen zu hören. Zudem wüssten Kinder und Jugendliche genau, dass ihnen bei Downloads die Inhalte der CD-Booklets und eventuelle CD-Extras entgehen.

Aber auch Janis Ian sieht eine Krise in der Musikindustrie. Sie stellt mehrere Thesen über die Ursachen der Misere auf und nennt auch Möglichkeiten, um gegenzusteuern. Kopierschutzverfahren und eine Sperrung der Tauschbörsen hält sie für einen gravierenden Holzweg: Die Musikindustrie vergesse offenbar, dass Künstler dadurch bekannt werden, dass ein Publikum sie hört.

Gegen Kopiersperren spreche schon der Umstand, dass sie die ehrlichen Käufer bestrafen. Wer mehrmals erlebe, wie Autoradios die Wiedergabe gekaufter CDs verweigern, werde sich spätestens nach dem vierten Mal fragen, warum sie für CDs überhaupt noch Geld ausgeben.

Ians Schlussfolgerung: Sie habe nichts dagegen, wenn die Musikindustrie versuche, ihre Interessen durch hysterische Panikmache zu schützen -- das sei schließlich die Aufgabe der von den Plattenfirmen finanzierten RIAA. Wogegen sie aufbegehre, sei die Behauptung der Musikindustrie, sie veranstalte ihren Zirkus zu Gunsten der Musiker ("I object violently to the pretense that they are in any way doing this for our benefit.").

Für die meisten Künstler liefe ein Plattenvertrag auf ein Verlustgeschäft hinaus; Tourneen seien die einzige Möglichkeit zum Geldverdienen. Angesichts der Hits nudelnden Formatradios böten Tauschbörsen den Musikern eine der letzten Möglichkeiten, überhaupt gehört zu werden. (ghi)

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