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Musikindustrie: Online-Dienste wachsen, CD-Verkauf schrumpft mäßig

"Die Hoffnung stirbt zuletzt". Es klingt fast resigniert, wenn Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), über die anhaltende Debatte über Warnhinweismodelle gegen Urheberrechtsverletzungen und den zuletzt ergebnislos gebliebenen runden Tisch im Wirtschaftsministerium spricht. Die Branche hat sich im vergangenen Jahr weiter stabilisiert. Doch heißt das nicht, dass sie von ihren zentralen Forderungen abweichen will. "Wir müssen den politischen Dialog weiterführen", sagte Dieter Gorny am Donnerstag in Berlin – auch wenn sich die Politik gerade in der "Two-Strikes"-Frage wegduckt, wie der BVMI-Präsident ernüchtert feststellt.

Insgesamt 1,67 Milliarden Euro hat die Branche nach eigenen Angaben 2011 umgesetzt, sie liegt damit auf Vorjahresniveau. Zwar ist der Anteil der neuen digitalen Formate (wie der Verband die Online-Angebote nennt) am Gesamtmarkt mit 16,6 Prozent im Vergleich etwa zu den USA (über 50 Prozent) noch klein, doch wächst er stetig, während der CD-Markt nur noch mäßig schrumpft. Der Umsatz mit digitalen Formaten wuchs um 21 Prozent auf 247 Millionen Euro. Dazu trugen 79 Millionen Einzeldownloads (+24,7 Prozent) ebenso bei wie 15 Millionen "Bundles" (+36 Prozent), wie Download-Pakete ganzer Alben genannt werden. Der Umsatz mit CDs und anderen physischen Tonträgern sank um 3,8 Prozent auf 1,24 Milliarden Euro; 2011 setzte die Branche 97 Millionen CDs (–1,7 Prozent) sowie noch rund 700.000 Vinyl-LPs (+10,3 Prozent) ab.

"Deutschland liebt die CD", sagte Drücke, "sie ist der Fels in der Brandung." Trotz der auch in der Prognose für das erste Quartal 2012 ermutigenden Zahlen wollen die Verbandsvertreter noch nicht von einer Trendwende sprechen. "Die illegale Konkurrenz ist nach wie vor stark", stellte Gorny fest. Doch ein bisschen Optimismus macht sich breit. Das liegt auch an der vielversprechenden Entwicklung neuer Angebotsformen. Eines der Formate mit Zukunft – und aus Sicht des Verbandes erheblichem Potenzial – ist das Streaming. Laut einer Umfrage des BVMI nutzen bereits 18 Prozent der Bevölkerung Streaming-Angebote. 22 Prozent der Befragten können sich zudem grundsätzlich vorstellen, in Zukunft ein bezahltes Musik-Abonnement zu beziehen – sei es nun on- oder offline.

Die Urheberrechtsdebatte wird weitergeführt werden. Gorny betonte, es gehe weniger darum, das Urheberrecht zu verschärfen, als es für die Anforderungen des digitalen Zeitalters fit zu machen. "Das Urheberrecht ist und bleibt ein zentraler Baustein, um das Ganze in Gang zu halten", sagte der Verbandschef, der ein flammendes Plädoyer für das Copyright hielt. Gorny begrüßte, dass die Debatte – auch durch die Wortmeldungen von Künstlern wie zuletzt Sven Regener – nun "mit voller Wucht in der Gesellschaft angekommen ist".

Mit den jüngsten politischen Entwicklungen – etwa den erstarkenden Piraten und der schwachen FDP – müsse sich die Branche auseinandersetzen und den Dialog weiterführen. "Wenn wir aufhören zu reden, ist es vorbei." Dabei ist der im Wirtschaftsministerium geführte Dialog über ein wie auch immer geartetes "Two-Strikes"-Szenario bisher am Widerstand der Provider gescheitert. Auch das ebenfalls FDP-geführte Justizministerium stellt sich gegen die Wünsche der Industrie.

Von der ältesten aller Streitfragen abgesehen, zeigen die Zahlen des vergangenen Jahres, dass die Musikindustrie im digitalen Zeitalter angekommen ist. Gorny ärgert, dass sich die Geschichte von der verspätet in die Zukunft gestarteten Branche hartnäckig halte. Die Musikindustrie sei der erste Kulturzweig gewesen, der zu einem schmerzhaften Anpassungsprozess gezwungen wurde – und habe sich entwickelt. Rund 70 legale Online-Musikangebote gebe es inzwischen für deutsche Nutzer. Andere Kulturbranchen seien noch nicht soweit, wie die aktuellen Debatten und die digitale Angebotslage etwa bei Film/Fernsehen oder Buchverlagen zeigten. (vbr) / (anw)

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