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Musikindustrie kämpft gegen Filesharer und Imageprobleme

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Die Musikindustrie leidet unter Verlusten. Verbände und Labels weltweit machen das Filesharing maßgeblich für die wirtschaftliche Krise der Branche verantwortlich. Über mögliche weitere Gründe wird selten geredet, unter der Hand räumen Branchenvertreter allerdings längst auch andere Ursachen ein. In der Öffentlichkeit muss dennoch weiter der Filesharer als alleiniger Buhmann herhalten, nicht selten auch vor Gericht. Ein Vertreter des Verbands der US-Musikindustrie RIAA hat im Gespräch dem US-Nachrichtenportal TG Daily zwar eingeräumt, dass die Prozesswelle gegen Filesharer (und damit potentielle Kunden) nicht die alleinige Antwort auf die Probleme der Industrie sein kann. RIAA-Sprecher Jonathan Lamy verteidigte die Prozesse allerdings als einen "notwendigen Teil einer größeren Gleichung". Die wichtigsten Strategien gegen den nichtzahlenden Downloader seien eine aggressive Lizenzierung und damit attraktive legale Alternativen. Das wird auch bei seinen Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks so gesehen.

Doch hat die Musikindustrie ihrem aggressiven Vorgehen gegen mutmaßliche Filesharer und potenzielle Kunden auch ein wachsendes Imageproblem zu verdanken. Für die Klagewellen fängt sich vor allem der Verband der US-Majors eine zunehmend negativ gestimmte Berichterstattung ein. Es gebe "Reibung und Schlagzeilen", räumt auch der RIAA-Sprecher ein. Doch fühlt sich die Branche dabei auch ungerecht behandelt. Von keiner anderen Industrie wird erwartet, tatenlos dabei zuzusehen, wie ihre Produkte kostenlos und illegal vertrieben werden.

Trotzdem ist die Branche an der schlechten Stimmung nicht ganz unschuldig. Da sind auf der einen Seite die immer noch enormen Profite, die unter dem zunehmenden Einfluss von Investmentfonds noch weiter steigen sollen. Musik- und Filmbranche wandeln sich von einstmals bewunderten Kreativindustrien zu herkömmlichen Massenherstellern, die ihre potenziellen und tatsächlichen Kunden mit aggressiven Aufklärungskampagnen unter Generalverdacht stellen, die angekündigten legalen Alternativen (wie das DRM-freie Musikangebot von EMI bei iTunes) aber nur zögerlich entwickeln. Und schließlich greifen beide Branchen zu mitunter höchst umstrittenen Methoden, um ihre berechtigten Interessen zu vertreten. Eine Milliardenindustrie, die Kinder vor Gericht zwingen will, gegen ihre Mutter auszusagen und oder sogar gegen Tote prozessiert, hat ein Problem.

Kritikern, die folglich wenig schmeichelhafte Begriffe wie "Schleppnetztaktik" oder "Schulhofschläger" in die Debatte werfen, hält die Industrie trotzig entgegen, es sei ihr gutes Recht, gegen Urheberrechtsverletzungen auch gerichtlich vorzugehen. Das stimmt, doch steckt die Musikbranche damit in einem Dilemma. Eigentlich will sie zumindest einen Teil der Filesharer als zahlende Kunden gewinnen, wohl wissend, dass die Hardcore-Downloader es wahrscheinlich nie werden. Doch den gelegentlichen P2P-Nutzer mit einem Restbestand an Unrechtsbewusstsein, der vielleicht später einmal wieder das Portemonnaie zückt, wenn er wirtschaftlich etabliert ist, gilt es bis dahin nicht zu verprellen. Das scheint derzeit nicht zu funktionieren, das Bild, das die Zielgruppe von der Branche hat, könnte besser sein.

Diesen Balanceakt wollen auch die deutschen Labels und ihre Vertreter meistern. Wie die Amerikaner setzt die deutsche Musikindustrie deshalb auf eine Kombination von Aufklärung und Abschreckung. Dazu tingeln Industrievertreter zum Beispiel durch Schulen, um der jungen Generation den Wert von Musik neu zu vermitteln, für den sie angeblich jedes Gefühl verloren hat. Parallel werden auch die Gerichte beschäftigt. Die deutsche Phonoindustrie geht dabei in ihrer Eigenwahrnehmung nicht so rabiat vor wie die US-Kollegen, soll seit Jahresbeginn aber 25.000 Strafanzeigen gestellt haben. Das ist schon mehr, als der RIAA seit 2003 zugeschrieben werden. Doch soll das nicht von den anderen Zielen ablenken. "Wir haben kein Interesse daran, die Leute zu verklagen", erklärt der Sprecher der Deutschen Phonoverbände (IFPI), Stefan Michalk, gegenüber heise online. Der Verband will vor allem – wie seine internationalen Pendants auch – die Zugangsanbieter mit in die Verantwortung nehmen; in den USA gehören dazu auch die Universitäten.

Kritiker werfen der Musikindustrie gerne vor, die Entwicklung des digitalen Musikzeitalters verschlafen zu haben und den Status Quo nun mit allen Mitteln verteidigen zu wollen, ohne selbst zur Weiterentwicklung fähig zu sein. Doch sollte man das nicht als reine Abwehrgefechte missverstehen, denn eigentlich ist das Filesharing-Problem einigermaßen unter Kontrolle. Die Branche kämpft offensiv um ihre Interessen, wenn die Urheberrechte im digitalen Zeitalter neu verhandelt werden. Manchmal geht sie dabei offenbar zu weit, und manchmal trifft sie auf Leute wie Harvard-Professor Charles Nesson, die ihr sagen, sie solle sich verziehen. (vbr)