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Musikindustrie setzt auf Kombi-Angebote und "Three Strikes"

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Große Plattenfirmen wollen das in Deutschland schwächelnde Digitalgeschäft vor allem durch die verstärkte Bündelung von Musik mit Premiumdiensten und Basisangeboten von Netzbetreibern ankurbeln. Thomas Hesse, bei Sony Music in den USA für die globalen Digitalverkäufe zuständig, zeigte sich am heutigen Donnerstag bei einem Pressegespräch in Berlin zuversichtlich, dass der Digitalbereich "noch ganz am Anfang steht". Die "Massendurchdringung" wie bei der CD laufe in den Industrienationen langsam an, zeigte sich der Label-Manager "recht optimistisch". Dazu kämen "Potenziale" in den Entwicklungsländern. Das erhoffte Wachstum hänge aber vom Erfolgen bei der Eindämmung der "Internetpiraterie" ab.

Während an anderer Stelle in Berlin die Ersatzveranstaltung (all2gethernow) für die in diesem Jahr vom Bundesverband Musikindustrie abgesagte Musikmesse Popkomm lief, stellte die Label-Lobby eine Prognose der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vor. Die Marktforscher rechnen demnach damit, dass der Markt für physische Tonträger bis 2013 jährlich um rund fünf Prozent schrumpft. Für das Digitalgeschäft erwarten sie zugleich ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 17 Prozent. Zu einer echten Kompensation der Ausfälle bei den Tonträgern käme es so erst von 2013 an, wenn die klassischen digitalen Geschäftsfelder über Downloads und Abodienste 21 Prozent des Gesamtmarktumsatzes erreichen sollen. Zusätzliche Einnahmen versprechen die Auguren den Labels aus dem digitalen Lizenzgeschäft für Streaming etwa auf YouTube oder sozialen Netzwerken wie MySpace.

Dass die USA im digitalen Musikgeschäft deutlich vorne liegen, erklärt sich Hesse unter anderem mit dem Heimvorteil, den Apple dort mit iTunes gehabt habe. Doch auch jenseits des Atlantiks erstehen erst 14 Prozent der Gesamtbevölkerung Songs in Form von Bits und Bytes. Dass das Digitalgeschäft noch auf vergleichsweise wenige Käufer konzentriert sei, lässt den Sony-Vertreter auf hohe Wachstumschancen hoffen. Als ersten Kernbereich für den erwarteten Anstieg bezeichnete Hesse den Downloadmarkt. Bei iTunes habe der Verzicht auf Systeme zum digitalen Rechtemanagement (DRM) und die Einführung variabler Preise zu einem "deutlichen Wachstum" geführt. Fans würden inzwischen auch bei "Premium-Alben" für 12 oder mehr US-Dollar zuschlagen. Zudem spielten Downloads bei Apple-Wettbewerbern wie Amazon inzwischen eine größere Rolle.

Große Hoffnungen setzt Hesse auch in die Bündelung von Musik mit Mobiltelefonen und entsprechenden Flatrate-Modellen wie bei "Nokia Comes with Music" oder mit den Angeboten von Internetprovidern. Man befinde sich "in intensiven Gesprächen" mit vielen Zugangsanbietern in Europa in Richtung Abodiensten für Streaming oder Downloads. Da die Preisspirale für DSL bereits weit unten sei, werde eine entsprechende inhaltliche Differenzierung wichtig, um eine Kundenabwanderung zu verhindern. Als letzten entscheidenden Zuwachsbereich nannte Hesse "unabhängige Audio- und Videodienste" wie Spotify mit bereits über fünf Millionen Nutzern oder YouTube Music. Diese seien zwar größtenteils werbefinanziert und damit in der Krise unter Druck geraten. Sie böten aber auch ein Umfeld, das Kaufanreize setze oder sich zu Abodiensten fortentwickeln könne.

Nach Ansicht Hesses müssten alle Seiten den Urheberrechtsschutz ernster nehmen. Er forderte daher für Deutschland die Einrichtung eines "abgestuften Warnsystems" gemäß dem in Frankreich vorbereiteten Modell für Internetnutzer, "die massig Inhalte klauen". Auch der Geschäftsführer von Universal Music Deutschland, Frank Briegmann, verlangt einen verschärften Rechtsrahmen, um die neuen Geschäftsmodelle aufbauen zu können. Dabei müsse am Ende eine Sanktion stehen, zumindest in Form einer juristischen Verfolgung. Beim Vorantreiben von Download-Plattformen oder Bündelpaketen zeigte sich Briegmann von deutschen Providern und Mobilfunkbetreibern enttäuscht: Das Musicload-Angebot der Deutschen Telekom leide unter hausinternen Querelen zwischen der Netz- und Mobilsparte des rosa Riesen, die Konkurrenz sei vielfach untätig. Universal setze daher unter Einbezug etwa des Sparkassenbundes auf verschiedenste Sparten, um junge Kunden an die Musik heranzubringen. (Stefan Krempl) / (vbr)