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Musikmarkt 2009 erneut leicht geschrumpft

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Licht und Schatten prägen die Zahlen für das "Krisenjahr" 2009, die der Bundesverband Musikindustrie am heutigen Mittwoch in Berlin präsentiert hat. Der Gesamtmarkt ist demnach im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro leicht geschrumpft. Der eigentliche Musikverkauf ist um 3,3 Prozent etwas stärker zurückgegangen. Mit eingeflossen sind in die Zahlen aber erstmals die Umsätze aus den sogenannten neuen Geschäftsfeldern, zu denen die Branche unter anderem Konzerte, Merchandising, Künstlermanagement, Markenpartnerschaften, Pauschalvergütungen und Abo-Modelle zählt. Neu einbezogen worden sind zudem Einnahmen aus Leistungsschutzrechten, sodass die totale Umsatzangabe höher liegt als 2008.

Verbandsgeschäftsführer Stefan Michalk sprach bei der Vorstellung des Jahresberichts in Berlin von einem "Transformationsprozess", bei dem "Licht am Ende des Tunnels" zu sehen sei. Bei den Kollegen in den USA sei von einem Erreichen der Talsohle einer "V-Kurve" die Rede. Man wolle den Großteil der in den vergangenen zehn Jahren verlorenen Umsätze nun rasch mit neuen Geschäftsmodellen im Netz wiedergutmachen.

Der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung, Dieter Gorny, wetterte zugleich gegen die vielfach beklagte "Kostenlos-Kultur" im Internet und verwies auf die "Dark Side". Die "Umsonst-Mentalität" zerstöre – verbrämt mit der Verteidigung von Bürgerrechten und Grundfreiheiten – die Basis der Musikwirtschaft. Er forderte die Regierung auf, rasch "konkrete Schritte" zu unternehmen. Die Branche will über die Provider gemäß dem umkämpften Ansatz der "abgestuften Erwiderung" Warnhinweise an Nutzer bei wiederholten Urheberrechtsverstößen versenden. Diese machten aber nur Sinn, betonte Gorny, "wenn sie mit einer Sanktion verbunden sind". Dabei müsse es sich aber "nicht unbedingt" wie in Frankreich um eine zeitweise Kappung des Internetanschlusses handeln.

Der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco hält derartige "Three Strikes"-Ansätze nicht für nötig. Gebraucht würden "noch mehr neue Geschäftsmodelle, neue Vertriebsstrukturen und Kooperationsmodelle für die Bereitstellung qualitativ hochwertiger digitaler Inhalte".

In der Statistik macht die in die Jahre gekommene CD mit 80 Prozent nach wie – vor trotz einem Minus von 2 Prozent – den Löwenanteil der Verkäufe aus. Der Bereich legaler Downloads über das Internet ist von 6 auf 8 Prozent leicht angestiegen. Der Musikerwerb über das Mobiltelefon schlägt nach wie vor nur mit 1 Prozent zu Buche. "Der Wandel vom physischen zum digitalen Markt vollzieht sich in Deutschland langsamer als zunächst erwartet", heißt es im Jahresbericht. Unter Berücksichtigung von Formaten wie DVD-Musikvideos, Schallplatten oder Musikkassetten liege der Anteil der physischen Produkte noch bei 91 Prozent.

In absoluten Zahlen stieg der Umsatz mit Downloads aber im vergangenen Jahr um 31,7 Prozent auf 118,2 Millionen Euro. Somit sei im Gegensatz zu anderen Ländern noch "kein Abflachen der digitalen Wachstumskurve zu erkennen". Dies sei trotz leicht sinkender Download-Preise vor allem darauf zurückzuführen, dass die Verbraucher auch online immer häufiger zum teureren Album statt zu Singles greifen würden. So seien erstmals mit 52 Prozent Anteil mehr Umsätze auf "Bundles" als auf Downloads von Einzelsongs (40 %) entfallen. Die digitalen Vertriebswege Internet-Versandhandel sowie Download- und Mobile-Händler hätten ihren Umsatzanteil am Musikverkauf zugleich von 27 Prozent auf 31 Prozent steigern können. Stärkste Bedeutung habe nach wie vor der Versandbereich mit einem Umsatzanteil von 21 Prozent.

Insgesamt kosten aktuelle Alben dem Report zufolge derzeit rund 15 Euro und seien damit auf dem Preisniveau der Achtziger Jahre stehengeblieben. Die Branche sieht sich der "Konsolidierung" ein Stück näher gerückt: Habe man "den Turnaround" im vergangenen Sommer noch 2013 erwartet, könnte der Wendepunkt angesichts der positiven Entwicklung der neuen Geschäftsfelder doch schon 2011 erreicht werden. Dabei zählt der Verband vor allem auch auf neue Abo- und Streaming-Modelle oder die Kopplung von Musikangeboten an den Internetzugang.

Für "Blödsinn" hält die Vereinigung die These, dass illegale Downloads den Musikverkauf förderten. Der "Diebstahl" lasse sich im Netz aber entgegen vieler Unkenrufe aber mit Abmahnungen bekämpfen: Deutschland habe die "niedrigste Piraterierate weltweit, da Verfahren in hohen Fallzahlen aufgrund der rechtlichen Situation nur in Deutschland möglich sind". Nach eigenen Angaben hat die Musikindustrie die Zahl der Zivilverfahren 2009 "deutlich erhöht". Sie dürfe im vergangenen Jahr "im unteren sechsstelligen Bereich" bei rund 18.000 Fällen gelegen haben. 2008 hatte die Branche rund 13.500 Abmahnungen angestrengt.

Die Strategie von Aufklärung und rechtlichem Vorgehen hält der Verband für erfolgreich. So sei die Zahl der illegalen Musikdownloads laut der neuen, bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Auftrag gegebenen "Brennerstudie" 2009 von 316 Millionen Songs auf 258 Millionen zurückgegangen. Zu der Verbesserung habe sicher auch der stetige Ausbau des digitalen Angebots beigetragen. In Deutschland könne der Surfer aus über 40 lizenzierten Online-Plattformen wählen, während in anderen Ländern iTunes oft der einzige große Anbieter sei. Auf einen legal erworbenen Titel kämen aber immer noch "rund fünf bis sechs illegale Downloads".

Ein Dorn im Auge sind der Musikindustrie auch die wachsenden Umfänge externer Festplatten und der Speicher auf MP3-Playern, Handys oder Laptops. Seien darauf 2005 noch 8,8 Milliarden Musikdateien gelagert worden, habe sich diese Zahl bis 2009 mit 47,1 Milliarden Titel fast verfünffacht. Häufig werde dabei "illegal beschaffte Musik" im Freundes- und Bekanntenkreis weitergereicht. Der durch rechtswidrige Downloads, "physische Piraterie" und "unrechtmäßige Privatkopien" aus illegalen Quellen entstandene Schaden sei schwer zu beziffern. Wären nur 10 bis 20 Prozent der so besorgten Musik gekauft worden, rechnet die Branche aber vor, läge der Umsatz zwischen 400 Millionen und 1 Milliarde Euro. Dies treffe nicht nur die Labels und den Handel. Auch dem Staat entgingen Mehrwertsteuereinnahmen in Millionenhöhe.

Der Verband wehrt sich zugleich gegen "beliebte Vorurteile" über die Musikindustrie im digitalen Zeitalter. So habe das Internet Labels keinesfalls überflüssig gemacht. In den vergangenen Jahren habe es "vielleicht eine Handvoll Künstler" wie etwa die Arctic Monkeys geschafft, über das Netz einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu geben. Bands wie Radiohead hätten die Reife zur Selbstvermarktung "in klassischen Strukturen erworben". Projekte wie SellaBand, bei denen Fans durch ihre finanzielle Beteiligung das erste Album einer Gruppe finanzieren könnten, "haben Charme, wirtschaften aber immer wieder am Rande des Ruins".

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