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Nach Terroranschlägen gewinnt Biometrie Bedeutung

Für die Beschäftigten im Entwicklungslabor des Chipherstellers Infineon beginnt der Arbeitstag mit dem Blick in eine Kamera. In Sekundenschnelle wird die Gesichtsform jedes Mitarbeiters erfasst und geprüft, ob er Zugang in den Hochsicherheitsbereich erhält. Mit dieser Zugangskontrolle anhand von Körpermerkmalen gehört der Münchner Konzern zu den wenigen großen Unternehmen, die die Möglichkeiten der so genannten Biometrie schon praktizieren. Nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September und dem wachsenden Interesse an besseren Sicherheitsvorkehrungen gewinnt die Biometrie aber stark an Bedeutung.

Auf der weltgrößten Computermesse CeBIT vom 13. bis 20. März in Hannover wird die Technologie nach Einschätzung von Experten ein großes Thema sein. "Das Interesse hat seit dem 11. September stark zugenommen", sagt Astrid Albrecht vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Zahlreiche Projekte seien bei Unternehmen bereits in Planung. Unter anderem teste der Frankfurter Flughafen die Personenerkennung anhand der Biometrie. Die Hersteller der Ausrüstung hoffen nun auf den lang ersehnten Durchbruch der Biometrie. Größtes Problem sind aber nach wie vor hohe Fehlerquoten.

Mit seinem Vorschlag, den Fingerabdruck in den Personalausweis aufzunehmen, brachte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die Biometrie im Herbst wieder ins Gespräch. Der Chef des Münchner Chipkarten-Herstellers Giesecke & Devrient, Willi Berchtold, ging gleich einen Schritt weiter. Er forderte, den Personalausweis in ganz Europa durch eine Bürgerkarte mit biometerischen Merkmalen und einer digitalen Signatur abzulösen. Infineon-Technologie-Vorstand Sönke Mehrgardt sieht darin aber nur eine von zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten. Technisch sei es bereits möglich, Computer, Handys, Pforten, Räume oder Autos durch einen Fingerabdruck-Sensor oder andere biometrische Verfahren zu sichern.

Biometrische Erkennungsverfahren gehen von der Annahme aus, dass bestimmte Körpermerkmale wie Iris, Fingerabdruck, Stimme, Lippenbewegung oder Gesichtsform unveränderlich sind und sich mit Hilfe elektronischer Verfahren zur Identifikation nutzen lassen. In der Praxis werden die Körpermerkmale auf einem Chip als Referenzmuster gespeichert und dann mit dem Original verglichen. Damit wird der eigene Körper zum Schlüssel, das Auswendiglernen von zahllosen PIN-Nummern und Passwörtern könnte eines Tages der Vergangenheit angehören.

Obwohl die Hersteller das schon vor Jahren versprochen hatten, ließ der Durchbruch der Technologie auf sich warten. Schuld daran sind vor allem hohe Fehlerquoten. "Allen Verfahren ist gemeinsam, dass keine hundertprozentige Erkennung möglich ist", fasst Henning Arendt, Leiter des vom Wissenschaftsministerium geförderten Biometrie-Projekts "BioTrusT [1]" das Problem zusammen. Da sich jeder Mensch in wenigen Wochen regeniere, unterlägen auch die anscheinend unveränderlichen Merkmale diesem Prozess. Bei einer niedrigen Toleranzgrenze reicht teils schon eine kleine Wunde am Finger für eine Fehlermeldung aus.

Je nach Verfahren kann die Fehlerquote nach Angaben von Arendt bis in den zweistelligen Prozentbereich gehen. "Unvorstellbar, wenn von 80 Millionen Bundesbürgern zehn Prozent - also acht Millionen - Probleme beim Grenzübertritt hätten." Bis jetzt eignet sich die Biometrie daher nach Ansicht des Experten vor allem für die Anwendung in kleineren Personenkreisen. Beispielsweise können Unternehmen ihr Computer-Netzwerk durch Fingerabdruck-Kontrollen mittels eines Sensors auf der Tastatur sichern. Vor einer breiten Einführung müssen die Verfahren nach Ansicht von Arendt erst einmal in einem groß angelegten Test geprüft werden. Dabei müsse auch getestet werden, ob sich die Systeme täuschen lassen - durch ein Foto, eine Tonband- oder eine Videoaufnahme. (Daniela Wiegmann, dpa) / (se [2])


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http://www.heise.de/-54136

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.biotrust.de/
[2] mailto:se@ct.de