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Nach dem Alarm des Weltklimarats: Auch Lebensgewohnheiten müssen sich wandeln

Forscher sprechen angesichts des Berichts des Weltklimarats zur fortlaufenden Erderwärmung von einem neuen Weckruf, sehen Politik und Gesellschaft gefordert.

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Regenwaldabholzung in Brasilien

(Bild: guentermanaus/Shutterstock.com)

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Der Weltklimarat (IPCC) hat mit der Publikation seines Sonderberichts zu "Klimawandel und Landsystemen" eine heftige Debatte über die nun zu ergreifenden Schritte ausgelöst.

Mit der UN-Analyse werde klar, dass die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels aus dem Pariser Abkommen "substanzielle Änderungen erfordert", betonte etwa Julia Pongratz, Professorin für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nötig seien "schnelle Umstellungen im Energiesystem und unseren Lebensgewohnheiten".

Alternativ spricht sich Pongratz auch für einen großflächigen Einsatz von "Negativemissionstechnologien" wie einer "großräumigen Aufforstung oder Biomasseplantagen" aus. Sonst drohe ein Klimawandel, den die Autoren des Berichts drastisch beschreiben mit einer "Zunahme von Feuern in borealen Wäldern, von Dürren im Mittelmeerraum und anderen Extremwetterereignissen, die die Nahrungsmittelsicherheit zunehmend gefährden". Die Forscherin stellt klar: "Welchen Pfad auch immer wir beschließen einzuschlagen: Gesellschaft wie Umwelt werden in Zukunft ganz anders aussehen, als wir sie bisher kennen."

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, drängt ebenfalls auf entschlossene Reaktionen, da sich das Zeitfenster dafür schnell schließe. Die Studie bestätige, "dass wir vor einem planetaren Notstand stehen". Die Kosten der Untätigkeit seien katastrophal, die gesamte Weltwirtschaft müsse umgestaltet werden.

Landregionen würden sich "etwa doppelt so schnell erwärmen wie der weltweite Durchschnitt", verdeutlicht Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. "Das zeigt, dass schleunigst gehandelt werden muss, um etwa unabsehbare Folgen für die Welternährung abzuwenden. Selbst bei der Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit, werden die Temperaturen über den allermeisten Landflächen um deutlich mehr als 2 Grad steigen.". Damit würden Temperaturen über 40 Grad in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten immer wahrscheinlicher.

"Der Bericht zeigt, dass bereits bei einem globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit die Folgen für die Wasserverfügbarkeit, Waldbrandgefahr, Permafrost-Abbau sowie Ernährungssicherheit erheblich sind", mahnt auch Hans Schipper vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Da die Temperaturen seit dem letzten IPCC-Bericht bereits ohnehin weiter angestiegen seien und aktuell bei knapp einem Grad mehr lägen, "hat sich der Handlungsdruck ebenfalls erhöht".

Die UN-Forscher hätten allen vor Augen gestellt, dass die Auswirkungen des Klimawandels schon "deutlich messbare Einflüsse" vor allem in den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft etwa durch Hitzewellen hätten, erklärte Johannes Emmerling, Forscher am European Institute on Economics and the Environment in Mailand. Diese Bezugnahme zu bereits sichtbaren Effekten und bezüglich der globalen Erwärmung seien in dieser wissenschaftlich dokumentierten Art eine neue Erkenntnis. So werde es "schwieriger für die Politik, die konsequente Reduzierung von Treibhausgasen zu verzögern". Der Bericht liefere "genügend solide Argumente", um eine "schnelle Dekarbonisierung" auch im Interesse der Wirtschaft voranzutreiben.

Die Dringlichkeit zum entschlossenen Handeln beim Klimaschutz sei noch größer geworden, unterstrich auch der deutsche IPCC-Mitstreiter Hans-Otto Pörtner. Die Möglichkeiten der Menschheit, sich an den Klimawandel anzupassen, seien schon geschrumpft. Die kritische Lage dürfe jetzt nicht mehr verwässert werden angesichts der Dringlichkeit der Fakten. Laut dem Ökophysiologen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven ist auch die gesellschaftliche Mobilisierung außerordentlich wichtig, um Druck auf die Politik auszuüben.

Ähnlich schätzt Almut Arneth, Mitautorin des Berichts und Expertin für Umweltforschung, die Lage ein. Die Notwendigkeit, Treibhausgasemissionen von Verbrennung fossiler Brennstoffe zu reduzieren, ist ihr zufolge unvermindert hoch. Landsysteme könnten da einen Beitrag leisten, wenn etwa "weitere Waldrodung" gestoppt, degradierte Ökosysteme renaturiert oder Nahrungsmittelverluste entlang der gesamten Kette von den Produzenten bis hin zum Verbraucher vermieden würden. Nötig seien auch Verbraucher, "die kritisch über den eigenen Konsum unter den Gesichtspunkten von Klima- und Umweltschutz reflektieren". Bewegungen wie Fridays for Future seien "sicher hilfreich", um auch die Politik anzutreiben.





Die Grünen sprachen von einem "Weckruf für den Klimaschutz": Die Bundesregierung sei jetzt am Zug, konkrete Vorschläge dafür zu machen. Die Öko-Partei fordert: "Wir brauchen: Kohleausstieg, Verkehrswende, Landwirtschaft, die auf Klasse statt Masse setzt, Investitionen, um das Waldsterben zu stoppen". Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) wertete den Bericht als "Alarmsignal" und forderte zusätzliche Investitionen im Gegenzug. Derzeit seien weltweit 950 Kohlekraftwerke in Bau. Dies könne und dürfe aber nicht die Zukunft der Energieversorgung werden. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete den Klimaschutz als "Existenzfrage für uns Menschen". Er sei auch in der Land- und Forstwirtschaft machbar, könne dort sogar "soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile" mit sich bringen. (mho)