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Nach der Maut: Fahrtenschreiber schreiben nicht [Update]

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Nach einem Beschluss der EU-Kommission soll in der nächsten Woche europaweit die Ausgabe der Chipkarte für alle Berufskraftfahrer erfolgen, die Busse oder Lastwagen über 3,5 Tonnen Gesamtgewicht fahren. Diese Chipkarten sind erforderlich, weil ab August 2004 alle neu zugelassenen Fahrzeuge dieser Klasse einen digitalen Fahrtenschreiber besitzen müssen. Noch in diesem Jahr sollen in der EU rund 200.000 Neufahrzeuge mit der neuen Technik ausgerüstet werden, die den alten analogen Fahrtenschreiber ablöst. Dieser wurde am 1. 2. 1953 in Deutschland und am 1. 1. 1970 in der Europäischen Union rechtsverbindlich eingeführt.

Die neuen Fahrtenschreiber speichern auf den Chipkarten fahrerbezogen die Lenk- und Ruhezeiten, gleichen die Daten mit dem Beifahrer-Chip ab, und speichern jeweils 4 Wochen Arbeitszeit. Außerdem speichern die Chipkarten die gefahrene Geschwindigkeit wie die Wegstrecke, löschen diese Daten aber nach 24 Stunden. Chipkarte und digitaler Fahrtenschreiber sollen die Sicherheit auf europäischen Straßen erhöhen, weil sie unüberhörbar warnen, wenn die zulässige Arbeitszeit am Lenkrad überschritten wird und der Fahrer etwa nach 4 Stunden keine Pause einlegt. Neben der Fahrerchipkarte, die mit einem Bild des Fahrers, seiner Unterschrift und der Führerscheinnummer personalisiert ist, soll es Werkstatt-Chipkarten für Test- und Überführungsfahrten sowie Firmenkarten für Vermieter geben. Alle Karten sollen vom Kraftfahrzeug-Bundesamt registiert, doch je nach Bundesland von unterschiedlichen Behörden ausgegeben werden.

"Für Fuhrunternehmen bietet das System die Chance zum effizienteren und profitableren Flottenmanagement", heißt es in der Begründung der EU-Kommission. Dabei unterstützen besonders kleine Fuhrunternehmen Schummeleien aller Art: Besonders beliebt ist in Deutschland der so genannte "Urlaubsschein", auf dem der Disponent dem Fahrer bescheinigt, vor Antritt der aktuellen Fahrt in Urlaub gewesen zu sein. Gerät ein Alleinfahrer, der mit dem herkömmlichen Fahrtenschreiber unterwegs ist, in eine Kontrolle, so muss er nur die alten Tachoscheiben verschwinden lassen und überzeugend schauspielern, dass er gerade erst urlaubsfrisch auf den Bock geklettert ist und einen Kollegen abgelöst hat. Mitunter essen Fahrer die pappigen Tachoscheiben einfach auf und geben an, das Einlegen einer neuen Scheibe vergessen zu haben. Tricks dieser Art werden mit der Chipkarte unmöglich.

Die digitalen Fahrtenschreiber, die die Chipkarten aufnehmen sollen, sind technisch eng mit den On Board Units (OBU) verwandt, die bei der LKW-Maut eingesetzt werden sollen. Damit entsprechen sie einer Forderung, die die internationale Spediteurs-Vereinigung im vergangenen Jahr ausgesprochen hatte. So ist die von Grundig gelieferte OBU zum Großteil mit dem digitalen Fahrtenschreiber EFAS identisch. In beiden Geräten kommt als Prozessor der Hynix GMS32C7201 zum Einsatz, beide enthalten das GSM-Modul von Wavecom und kommunizieren mit dem CAN-Bus des Fahrzeuges über den ML9620-Controller von Oki.

Auch der digitale Tachograph DTCO 1381 von Siemens VDO enthält Maut-Technik. Beide Geräte sind schon auf Fachmessen gezeigt worden, doch haben sie bislang nicht die notwendigen Zulassungen erhalten. Offensichtlich hat die Produktion der OBU die Firmen beim digitalen Tachographen aus dem Zeitplan geworfen. Aus diesem Grunde hat Verkehrsminister Manfred Stolpe die EU-Kommissarin für Energie und Verkehr, Loyola de Palacio angeschrieben und um Aufschub bei der Einführung des digitalen Fahrtenschreibers gebeten. Wie lange sich der digitale Fahrtenschreiber in Deutschland verzögert, ist nicht abschätzbar. Die Bild am Sonntag zitierte einen Sprecher von Toll-Collect-Partner DaimlerChrysler mit der Aussage, dass die Erprobung des neuen Fahrtenschreibers mindestens ein Jahr benötige.

Ob die EU-Kommissarin Stolpes Bitte um Aufschub erhört, ist ungewiss. Im italienischen Prüfzentrum für die Zulassung der digitalen Fahrtenschreiber steht der Tachograph der französischen Firma Actia kurz vor der Erteilung einer Typgenehmigung, was den Druck auf die deutschen Hersteller enorm erhöht hat.

Unterdessen gehen die Arbeiten bei der gekündigten LKW-Maut nach Darstellung von Toll Collect weiter. Das Unternehmen, das noch in der vergangenen Woche zahlreiche neue Mitarbeiter suchte, hat internen Quellen zufolge eine erste großflächige Testreihe mit den OBU durchgeführt. Von 1000 Geräten sollen 600 funktioniert und die Maut richtig abgerechnet haben, was bei Toll Collect als toller Erfolg gewertet wurde.

Zu den Verwicklungen um die Mauteinführung in Deutschland, zur eigentlich geplanten technischen Umsetzung der LKW-Maut und möglichen Datenschutzproblemen siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)