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Nach der Wahl beginnen bei Siemens die Aufräumarbeiten

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Nach der Bundestagswahl beginnen bei Deutschlands größtem Elektrokonzern Siemens die Aufräumarbeiten. Das Management des verlustreichen IT-Dienstleisters SBS will den Arbeitnehmervertretern am diesem Montag seinen Sanierungplan vorstellen. Nach Angaben der IG Metall wird Siemens-Chef Klaus Kleinfeld unmittelbar danach auch die Öffentlichkeit darüber informieren, wie viele Arbeitsplätze zur Disposition stehen. Dabei werden voraussichtlich auch Einschnitte bei den anderen beiden Krisensparten -- dem Kommunikationsbereich Com und der Logistiksparte L&A -- verkündet werden.

Dabei müssen sich die Beschäftigten in den Problembereichen auf die ganze Palette der Grausamkeiten einstellen: Verhandlungen über Zugeständnisse bei Einkommen oder Arbeitszeit, Auslagerungen und Stellenstreichungen. Nach Schätzungen in Branchenkreisen sollen bei SBS nochmals mehr als 1000 Arbeitsplätze abgebaut werden. "Wir halten solche Dinge für realistisch", sagt Siemens-Aufsichtsrat Wolfgang Müller von der IG Metall. Bei Com stehen laut Unternehmenskreisen sogar etwa 3000 Stellen auf der Kippe. Bei L&A sind unter anderem umfangreiche Ausgliederungen geplant.

Siemens versuche damit, noch vor dem Ablauf des Geschäftsjahres 2004/05 am 30. September Lösungen für die Krisenherde zu finden, sagt Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. "Man will alle Belastungen noch möglichst ins laufende Geschäftsjahr reinpacken." Bei Siemens wird betont, dass der Termin unmittelbar nach der Wahl Zufall sei. Dagegen wird bei der IG Metall vermutet, dass der Konzern Rücksicht nehmen wollte auf Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer, der wirtschaftspolitischer Berater von Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) ist.

Kleinfeld selbst hatte den Druck erhöht. Er kündigte an, in eineinhalb Jahren sollten alle Siemens-Bereiche ihre ehrgeizigen Renditevorgaben erreichen. "Der Druck ist jetzt höher als früher", sagt Aufsichtsrat Müller. "Über 60 Prozent der Siemens-Aktien sind jetzt in ausländischen Händen." Fonds und Hedgefonds würden auf rasche Renditeverbesserungen drängen.

Management, Arbeitnehmer und Analysten sind sich einig, dass der Handlungsdruck groß ist. "Gerade bei SBS muss etwas passieren, die Verluste sind hoch", sagt Analyst Kitz. Er hofft, dass Siemens einen Partner für den IT-Dienstleister findet und sich in eine Minderheitenposition zurückzieht. "Dann müssten sie die Verluste nicht mehr voll konsolidieren." Als Interessent gilt unter anderem die französische Atos Origin.

Ähnlich groß ist der Handlungsbedarf bei der Kommunikationssparte Com. Auch nach dem Verkauf der verlustreichen Handysparte steckt Com in den roten Zahlen. "Es gibt erhebliche Probleme in der Auslastung", räumt Aufsichtsrat Müller ein. Die Branche habe sich stark gewandelt. Siemens dominierte das Geschäft mit Hardware-basierten Nebenstellenanlagen. "Inzwischen geht es aber vor allem um die richtige Software. Da brauchen Sie die Techniker nicht für." Auch beim Trend zur Internet-Telefonie habe Siemens teilweise den Anschluss verloren.

Siemens will bei Com vor allem eine Ausgliederung des Enterprise-Geschäfts mit Firmenkunden durchsetzen. Betroffen davon wären nach Gewerkschaftsangaben zwischen 4600 und 6300 Beschäftigte der Siemens-Töchter STS und STV sowie der Siemens AG. Außerdem sollen zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut werden. Dass wegen des technischen Wandels nicht alle Arbeitsplätze gehalten werden können, räumt auch IG Metall-Vize und Aufsichtsrat Berthold Huber ein. "Wir wollen nicht den Heizer auf der E-Lok." (Axel Höpner, dpa) / (pmz)

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