Nachbarschafts-Initiativen: Helfen statt Hamstern

Das öffentliche Leben steht still. Die Menschen organisieren sich über Soziale Medien – so wie in Hannover die Initiative "Solidarität statt Hamsterkäufe".

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Die Initiative "Solidarität statt Hamsterkäufe" will dabei helfen, dass zum Beispiel Angehörige von Risikogruppen Unterstützung beim Einkaufen bekommen.

(Bild: Shutterstock/SpeedKingz)

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"Du kannst gleich reinkommen, aber erstmal Hände waschen bitte." Was vor ein paar Wochen vielleicht noch schrullig wirkte, wundert in Zeiten des Corona-Lockdowns niemanden mehr. Winken statt Hände schütteln. Marie Bastian, eine der Initiatorinnen von "Solidarität statt Hamsterkäufe", telefoniert noch. "Ich bin gleich bei dir", ruft sie vom anderen Ende des Zimmers und winkt. Ihr Partner hält das Desinfektionsspray bereit und lächelt.

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Im geräumigen Wohnzimmer ist ausreichend Platz, um Abstand zu halten. Marie berichtet, wie gravierend sich ihr Leben in den jüngsten Tagen und Wochen verändert hat. "Begonnen hat das so Anfang März, da haben wir uns im Betrieb mit den Kollegen beraten, wie wir damit umgehen, dass wir auch hier mit Menschen arbeiten, die besonders gefährdet sind". Dann geht alles ganz schnell: Meetings fallen aus, Veranstaltungen werden abgesagt und die notwendige Kommunikation auf digitalem Weg erledigt. "Ich bin glücklich über das Privileg Home-Office, aber für viele Menschen ist das auch keine Option".

Angefangen hat alles mit einer Chatgruppe im Freundeskreis. Dort überlegten sie, wie sich gemeinsame Antworten auf die kommende Isolation finden lassen. Wie unterstützt man Menschen, die Risikogruppen angehören und vielleicht bald nicht mehr die Wohnung verlassen können? "Wir wollten uns auch wehren gegen dieses Gefühl der Ohnmacht und uns der Situation stellen, eben selbst und ohne auf Weisungen von offizieller Seite aktiv werden", erzählt Marie. "Aus dem 'man müsste mal' ist dann ganz fix ein 'wir machen jetzt einfach mal' geworden."

Marie Bastian will "eine solidarische Nachbarschaftshilfe organisieren".

(Bild: heise online/Dierking)

Das war Mitte März. Unter dem Label "Solidarität statt Hamsterkäufe" haben sich inzwischen über 2500 Menschen aus der Region Hannover in Chatgruppen bei WhatsApp, Telegram und Facebook zusammengefunden. Auf ihrem Blog erklärt die Initiative das gemeinsame Ziel: "Wir wollen eine solidarische Nachbarschaftshilfe organisieren. Wir bieten eine Plattform für Austausch für diese außergewöhnliche Lage, die uns zwar alle betrifft, aber nicht gleich hart".

Die Initiative aus Hannover ist ein Beispiel für Hilfsgruppen, die sich in ganz Deutschland gründen. In München (515 Mitglieder), Magdeburg (1083 Mitglieder), Göttingen (949 Mitglieder) und Bielefeld (450 Mitglieder) gibt es Gruppen, denen täglich neue Nutzer beitreten. Sie verfolgen ähnliche Ziele, agieren jedoch eigenständig: "Wir sind darüber sehr froh und stehen mit den anderen Gruppen in regem Austausch", sagt Marie Bastian. Inzwischen gibt es fast in jeder größeren Stadt solche Netzwerke, die sich teils überlappen, aber auch unterschiedlich arbeiten: In Berlin organisieren sich die Menschen beispielsweise eher in den Stadtteilen.

Auch in Hannover gibt es unterschiedliche Ansätze, die parallel laufen, berichtet etwa die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Neben Solidarität statt Hamsterkäufe gibt es ebenfalls ein Projekt vom Diakoniewerk, namens "Nachbarschaftschallenge – Hilfe für Risikogruppen" sowie die "Einkaufshilfe Hannover", die Einkaufsgänge über eine E-Mail-Adresse vermittelt, und eine Chatgruppe für den Stadtteil Nordstadt.

Marie sieht das als Chance. "Wir stehen ja nicht in Konkurrenz um das Anbieten von Hilfe, sondern wir vernetzen uns und schauen, dass wir die Leute auf die anderen Gruppen verweisen", erzählt sie. "Zum Beispiel, wenn sie in einem bestimmten Stadtteil helfen wollen. Wir sind ja keine Dachorganisation oder so etwas in der Art." In den Gruppen finden sich inzwischen eine Vielzahl von Angeboten und Gesuchen: Ein Virologe, der sein Wissen über das Virus teilen will, Fragen nach Kinderbetreuung, Pflege, fehlenden Lebensmitteln oder Einkaufsgängen. "Es hat auch jemand angeboten, eine alte Konsole zu verschenken, falls jemandem in der Quarantäne die Decke auf den Kopf fällt", schmunzelt sie.

Die Flyer der Initiative gibt es in mehreren Sprachen.

(Bild: Solidarität statt Hamsterkäufe)

Doch sind über Social-Media-Kanäle nicht alle zu erreichen – oft sind gerade die, die Hilfe am nötigsten brauchen, nicht vernetzt. Daher druckt die Initiative auch Plakate, die sie in Supermärkten und Treppenhäusern aushängt. So werden auch per Telefon Menschen vermittelt, die bereit sind zu helfen. Marie ist mit dem Resultat zufrieden: "Inzwischen beantworten wir das Telefon in Schichten und haben bereits dutzende Tandems vermittelt. Es hat sogar eine Person angerufen, die von der Stadt Hannover an uns verwiesen wurde".

"Tandems" bildet die Initiative, um das Ansteckungsrisiko durch Helferkontakte zu minimieren. "Es wäre nicht gut, wenn motivierte Helfende durch die ganze Stadt fahren und mit vielen Menschen Kontakt haben", erklärt Marie. "Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass man sich eine Person raussucht, die Hilfe braucht, und dann konstant über einen längeren Zeitraum unterstützt".

Während des Gespräches blickt Marie immer wieder kurz auf den aufgeklappten Laptop und ihr Handy. Gerade in den Abendstunden kommen neue Nachrichten im Minutentakt. Die Moderation der Gruppen stellt die Initiative immer wieder vor Herausforderungen. So müssen die Mitglieder der Gruppen beim Thema Datenschutz sensibilisiert werden, wenn sie etwa persönliche Informationen veröffentlichen. "Wir machen das alle nur ehrenamtlich und versuchen, so gut es geht auf Datenschutz zu achten. Das ist schwierig, wenn Leute viel von sich preisgeben, ohne darüber nachzudenken, dass diese Informationen auch durch Dritte missbraucht werden könnten ." Sie will auch gegen die Desinformation im Zusammenhang mit dem Corona-Virus vorgehen.

Als nächsten Schritt soll die Organisationsinfrastruktur professionalisiert und der große Aufwand auf mehr Schultern verteilt werden. Freunde und Bekannte haben sich angeboten, Arbeit abzunehmen. Auch wenn sich laut dem Robert-Koch-Institut im Moment vorsichtig hoffen lässt, dass die Entwicklung der Neuinfektionen langsam zurückgeht, ist ein Ende der Einschränkungen des öffentlichen Lebens ungewiss. Marie bleibt hoffnungsvoll: "Was hier gerade passiert, schafft Selbstwirksamkeit in schwierigen Zeiten. Menschen ermächtigen sich selbst durch das Anbieten von Hilfe. Das gibt ein gutes Gefühl und verbreitet eine solidarische Stimmung". (vbr)