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Nacktfotos kommen online schnell in falsche Hände

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Noch nie war es für Jugendliche so leicht wie heute, private Fotos auszutauschen. Ein paar Klicks mit der Digital- oder Handykamera sowie mit der Computermaus – und schon sind die Bilder im Handumdrehen per E-Mail verschickt. Doch die technischen Möglichkeiten haben ihre Schattenseiten: Das spaßige Nacktfoto, das der Freund geschossen hat, kann schnell an seine ganze Clique gehen – spätestens nach dem Ende der Beziehung. Und extrem gefährlich ist es dann, wenn Unbekannte allzu private Fotos in die Finger bekommen.

So führte die Arglosigkeit eines Mädchens aus dem Kreis Gütersloh zu ungewollter Berühmtheit: Die heute 13-Jährige hatte anzügliche Fotos von sich an einen anonymen Chatpartner verschickt. Inzwischen, rund zwei Jahre später, kursieren sie als Kinderpornografie im Internet und riefen sogar das Bundeskriminalamt auf den Plan. Die Fahnder versuchten die Identität des Mädchens zu ermitteln, da sie von einem dauerhaften Fall sexuellen Missbrauchs ausgingen.

"Derartiger Leichtsinn hat oft schlimme Folgen. Die Betroffenen werden von den Bildern meist ein Leben lang verfolgt", sagt Friedemann Schindler, Leiter von Jugendschutz.net aus Mainz. Von der Vorgehensweise her sei das Beispiel aus Gütersloh kein Einzelfall. "In Chaträumen sind Aufforderungen zu sexuellen Handlungen eher an der Tagesordnung", sagt Schindler. Dabei passiere es immer wieder, dass Jugendliche durch ihren Leichtsinn im Umgang mit der Technik auf die Tricks der Täter hereinfallen.

Typischerweise versuchten Täter zuerst eine Zeit lang, das Vertrauen potenzieller Opfer zu erschleichen, was als "Grooming" bezeichnet wird. Ist die erste Hemmschwelle einmal überwunden, ließen sich Leichtgläubige teilweise zu pornografischen Aufnahmen per Digitalkamera oder Webcam überreden. Dadurch liefen sie Gefahr, dass die Bilder in falsche Hände geraten und über das Internet immer weiter verbreitet werden.

Auch das Handy verleite viele Jugendliche zum leichtfertigen Austausch privater Bilder, beobachtet Thomas Rathgeb vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (MPFS) in Stuttgart. "Heute ist es im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht, etwa mit der Handykamera Fotos von sich zu machen und diese zu verschicken", sagt Rathgeb. Jugendliche seien im Umgang mit der modernen Technik oft neugierig und daher unvorsichtig. Dabei werde aber meist nicht über die Folgen nachgedacht. So könnten auch Schnappschüsse, die als harmloser Spaß gedacht waren, später zu einem ernsten Problem werden.

Vorsicht ist dabei nicht nur beim Austausch anzüglicher Bilder geboten. "Jugendliche sollten generell darauf achten, keine Fotos von sich ins Netz zu stellen", rät Ursula Enders vom Jugendschutzverein Zartbitter in Köln. Täter erstellten teilweise Fotomontagen mit den Gesichtern und erpressten die Jugendlichen dann mit gefälschten Pornobildern, um sie zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Dabei sollten sich Jugendliche nicht nur vor Pädophilen in Acht nehmen, sondern auch vor Gleichaltrigen, sagt Ursula Enders.

Zudem geben viele Jungen und Mädchen im Chat laut MPFS-Experte Rathgeb leichtfertig ihren Namen, ihre Adresse oder ihre Telefonnummer preis. Einer MPFS-Studie zufolge werden fast zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen mit Chat-Erfahrung von Fremden aufgefordert, derartige Auskünfte über sich zu verraten. Bedenklich stimme dabei, dass fast ein Viertel solchen Aufforderungen nachkomme.

Gerade der scheinbar freundliche Kontakt zu Beginn eines Chat- Kontaktes ziele darauf ab, Jugendliche über Alter, Wohnort, E-Mail-Adresse und Handynummer auszuhorchen, warnt Jugendschutz.net-Leiter Schindler. Diess diene bisweilen auch der Anbahnung eines sexuellen Missbrauchs außerhalb der virtuellen Welt. "Jugendliche sollten sich daher nie auf ein Treffen mit unbekannten Chattern einlassen und im Chat keinerlei private Daten austauschen." Auch wer Angaben über seine Hobbys verrät, biete Tätern oft ungewollt Gesprächseinstiege.

Grundsätzlich sollten Jugendliche sich einen Chat mit Moderator suchen, an den man sich bei Belästigungen wenden kann, empfiehlt Schindler. Auch sei es ratsam, sich nicht als Kind oder Jugendlicher zu erkennen zu geben und einen entsprechend neutralen Spitznamen zu wählen. Wer einem Chat-Täter zum Opfer fällt, sollte "Jugendsünden" wie Erotik-Fotos anschließend zudem nicht verschweigen, sondern seinen Fehler den Eltern gegenüber eingestehen. Gemeinsam könne man sich dann an den Seitenbetreiber oder die Polizei wenden. (Tobias Schormann, dpa) / (anw)

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