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Technology Review

Nager vererben erworbene Fähigkeiten

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Veränderungen im Körper, die aufgrund der Umweltbedingungen in der Entwicklungsphase entstehen, können bei Tieren an den Nachwuchs weitergegeben werden. Zu diesem Ergebnis kommen zwei neue Studien der Tufts University School of Medicine und der University of Alabama. Sollten sich diese Erkenntnisse, die an Ratten und Mäusen gewonnen wurden, auch auf den Menschen übertragen lassen, könnte dies dafür sprechen, dass beispielsweise die Auswirkungen einer frühen Kindesmisshandlung die Generationen überspringen können, berichtet Technology Review in seiner Online-Ausgabe.

Die Untersuchungen untermauern die 200 Jahre alte Evolutionstheorie des Jean-Baptiste de Lamarck, die zugunsten Darwins und Mendels eigentlich weitgehend verworfen worden war. Der so genannte Lamarckismus besagt, dass Organismen Eigenschaften, die sie sich während ihrer Lebenszeit angeeignet haben, an ihren Nachwuchs weitergeben können. "Diese Ergebnisse überraschen mich sehr und kommen zudem vollkommen unerwartet", meint Li-Huei Tsai, Neurowissenschaftler am MIT, der die Studien kennt.

Eine der Untersuchungen ergab, dass die Verbesserung der Fähigkeit des Gehirns, Nervennetzwerke neu zu knüpfen und ein damit einhergehender Boost für das Gedächtnis bei Mäusen an Jungtiere weitergegeben werden konnte. "Diese Studie ist vermutlich die erste, die zeigt, dass es generationsübergreifende Effekte nicht nur beim Verhalten gibt, sondern auch bei der Plastizität des Gehirns", meint Tsai.

Bei der Tufts-Untersuchung, die der Neurowissenschaftler Larry Feig vornahm, wurden Tiere genetisch so verändert, dass sie Gedächtnisprobleme bekamen. Sie wurden dann in einer stimulierenden Umwelt großgezogen – sie erhielten Spielzeuge, konnten sich frei bewegen und sozial interagieren. Das dauerte zwei Wochen während ihrer Jungtierphase. Dadurch verbesserte sich das Gedächtnis der Nager. Das allein war keine neue Erkenntnis, es ist bekannt, dass eine solche positive Umwelt die Gehirnfunktionen verbessern kann. Die Mäuse wurden dann in eine normale Haltung überführt, wuchsen auf und hatten Nachwuchs. Diese nächste Generation zeigte erstaunlicherweise auch ein verbessertes Gedächtnis, obwohl sie noch immer den erblichen genetischen Defekt aufwiesen und niemals einer stimulierenden Umwelt ausgesetzt worden waren.

Feig räumt zwar ein, dass er es bei seiner Studie mit einem Lamarckschen Phänomen zu tun habe, doch sei Darwin damit nicht vom Tisch. "Die Veränderungen bleiben nämlich nicht ewig vorhanden." Bei seiner Untersuchung verlor der Nachwuchs stimulierter Mäuse die Gedächtnisvorteile nach einigen Monaten.

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(bsc)

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