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 | Technology Review

Navigation für Blinde

Lange Zeit waren Blinde auf teure proprietäre Navigationsgeräte angewiesen, um sich in fremder Umgebung zurechtzufinden. Nun arbeiten Forscher daran, handelsübliche Smartphones zum Hilfsmittel für Sehbehinderte zu machen. Das berichtet Technology Review in der aktuellen Ausgabe 2/2013 (am Kiosk oder direkt im Heise Shop zu bestellen).

"Digitale Techniken werden immer interessanter", sagt Gerhard Renzel, Verkehrsexperte beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Smartphones, glaubt Renzel, werden deswegen klassische Hilfsmittel wie den weißen Langstock und den Führhund zwar nicht verdrängen, aber ergänzen.

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Smartphones sind auch unter Blinden weit verbreitet, obwohl viele von ihnen der Technologie anfangs skeptisch gegenüberstanden. Bei der Einführung des Touchscreens etwa „gab es erst einen Aufschrei“, erinnert sich Renzel. Doch die Software-Entwickler haben eine Lösung gefunden: Berührt ein Nutzer eine Schaltfläche, sagt eine Software per Sprachausgabe, um welchen Menüpunkt es sich handelt. Doppeltes Antippen bestätigt die Wahl. Eine solche Funktion arbeitet bei Apples iOS schon sehr gut, bei Android noch nicht ganz so.

Blinden steht nun ein riesiges Universum an günstigen und gut gepflegten Apps offen. "BlindSquare" etwa, eine Variante von Foursquare mit besonders ausgefeilter Sprachausgabe, erzählt dem Nutzer, welche Geschäfte oder Cafés es in der Umgebung gibt. Dass Programme derart auf Menschen ohne Augenlicht zugeschnitten sind, ist jedoch selten. Oft fehlen zusätzliche gesprochene Informationen. Defizite gibt es auch bei den digitalen Karten: Ihre Informationen sind oft nicht exakt genug oder lückenhaft. Blinde wüssten beispielsweise gern, wo die nächste Blindenampel steht.

Das OpenStreetMap-Projekt (OSM) könnte diesen Mangel beheben. Auf Basis der kostenlosen OSM-Karten kann jeder eigene Spezialkarten erstellen – etwa für Mountainbiker, Reiter, Skifahrer oder eben für Blinde. Außerdem bieten die OSM-Karten Fußgängern meist sehr viel detailliertere Informationen als kommerzielle Angebote. Die Hannoveraner Informatikerin Annette Thurow entwickelt gemeinsam mit anderen Freiwilligen Schnittstellen, um die Daten aus OSM auf Anwendungen für Blinde zu übertragen und zu filtern.

Der Kreis Soest hat die präzisen Geodaten seiner Katasterämter schon 2006 dem Projekt Nav4Blind zur Verfügung gestellt. In den topografischen Karten sind sogar einzelne Poller und Gebäudeecken verzeichnet – mit einer Genauigkeit im Zentimeterbereich. Zudem hat er in dem internationalen Projekt HaptiMap mitgewirkt, das 2012 endete. Die teilnehmenden Forscher entwickelten haptische, auditive und visuelle Schnittstellen für die Navigation. Ein wichtiges Ergebnis ist ein herunterladbares Software-Entwicklungskit aus verschiedenen Modulen, aus denen sich Anwendungen für Blinde zusammenbauen lassen – zum Beispiel ein Kompass-Modul, das Richtungsinformationen in Vibrationen übersetzt. Daraus sind unter anderem Apps entstanden, um Freunde im Gedränge zu finden oder Wanderungen in der Natur zu unternehmen.

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(grh)
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