Menü

Near Field Communication wartet auf den Durchbruch

vorlesen Drucken Kommentare lesen 71 Beiträge

Im Auto verbindet sich das Handy automatisch mit der Freisprecheinrichtung. Auf dem Nachttisch abgelegt, aktiviert es Lautlosmodus und Wecker. Das sind Abläufe, die man mit Hilfe von Near Field Communication (NFC) automatisieren kann. Dazu braucht es nur einen NFC-Tag oder -Sticker, der die Aktionen auslöst, wenn der Nutzer das Handy kurz davorhält. Doch noch gibt es nicht allzu viele NFC-fähige Handys und Dienste. Denn bei der Normung, der Kompatibilitiät und den Angeboten verfolgen Hersteller, Mobilfunk-Provider und Banken bisher meist nur ihre eigene Strategie oder setzen auf vereinzelte Kooperationen.

"Seit Jahren wabert das Thema Near Field Communication durch die Medien", sagt Marc-Oliver Reeh vom Center for Near Field Communication Management (CNM) an der Universität Hannover. Aber: "Wirklich viel passiert ist noch nicht." Bislang gebe es nur wenige Anwendungen für NFC. Eine davon sind die besagten Tags oder Sticker. Sie kosten nur wenige Euro und werden per Smartphone programmiert.

Bereits jetzt können NFC-Handys mit Android 4.0 oder höher untereinander Daten wie Kontaktinformationen, Bilder oder Musik austauschen, wenn man sie nur kurz aneinanderhält. Außerdem setzen Hersteller die Funktechnik ein, damit sich Handys schneller mit Zubehör koppeln können, beispielsweise mit Bluetooth-Headsets oder -Adaptern zum Übertragen der Musik auf dem Smartphone an eine Anlage.

Weitere Ideen für Einsatzmöglichkeiten gibt es viele, wie Reeh berichtet. NFC werde vielleicht einmal helfen, die "Umwelt etwas smarter zu machen". Tags im Boden könnten dafür sorgen, dass automatisch ein Notruf abgesetzt wird, wenn ein pflegebedürftiger Mensch in seiner Wohnung gestürzt ist.

Verwandt mit NFC-Chips sind RFID-Transponder – auch Funketiketten genannt –, die der Handel zum Beispiel in der Logistik nutzt, und Smartcards, die zum Beispiel schon zum Öffnen und Schließen von Autos eingesetzt werden. Künftig könnte also auch das NFC-Handy als Autoschlüssel dienen oder als Bibliotheksausweis, der zur Ausleihe nur kurz vor ein Terminal gehalten werden muss.

Die NFC-"Killeranwendung" soll nach Einschätzung von Experten aber das berührungslose Bezahlen mit dem Handy sein. Verfügbar sind aber bisher nur Kreditkarten mit NFC-Chip sowie Kreditkarten, zu denen zusätzlich ein NFC-Sticker zum Aufkleben aufs Handy ausgegeben wird. Je nach Anbieter können Beträge von maximal 20 oder 25 Euro bezahlt werden, indem NFC-Karte oder das Handy mit Sticker einfach vor das Lesegerät gehalten werden. Erst bei größeren Beträgen werden PIN-Eingabe oder Unterschrift gefordert. Die in Handys integrierten NFC-Chips liegen beim Bezahlen hierzulande vorerst brach.

Umstritten ist die Frage, wie sicher NFC ist. Viele Verbraucher wurden von Meldungen aufgeschreckt, dass die Daten des Kunden von den neuen NFC-Kreditkarten unverschlüsselt an die Terminals in den Geschäften gesendet werden, und zeigen sich skeptisch. Eine Tatsache, die Telekommunikationsexpertin Karin Thomas-Martin von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg überrascht hat: "Wir sind offen gestanden sehr erschrocken, dass die Kontodaten unverschlüsselt übertragen werden." Sie halte NFC-Produkte nicht für fälschungssicher.

Allerdings werden nur Daten übertragen, die ohnehin auf der Karte stehen. Das sind Daten, die etwa auch jeder Kellner im Restaurant sieht. Mit einem Lesegerät kann aber prinzipiell jeder an die Daten gelangen.

Verbraucherschützerin Thomas-Martin hofft daher, dass die Anbieter bestehender und künftiger NFC-Bezahlverfahren die Systeme verbessern oder kulant sind: "Die Anbieter müssen die Sicherheit gewährleisten. Wenn bei der Übertragung Daten widerrechtlich kopiert werden, darf das nicht zulasten des Kunden gehen."

Weniger Bedenken hat Marc-Oliver Reeh. "NFC ist eine vergleichsweise sichere Technik", sagt der Experte. Die mögliche Funkdistanz betrage nur einige Zentimeter: Das erschwere es Datendieben, nah genug zum Auslesen an ein Mobiltelefon heranzukommen.

Beim Thema NFC sind also noch viele Fragen offen – nicht nur bei der Sicherheit. Die Technik ist auch noch nicht normiert, eklärt Reeh. Er rät daher, die Entwicklung abzuwarten – damit man am Ende nicht ein Handy hat, dessen NFC-Chip inkompatibel zum Bezahlsystems des eigenen Mobilfunkanbieters oder der Hausbank ist.

Wer eine NFC-Kreditkarte hat, kann sich sicherheitshalber im Handel eine Schutzhülle aus Metall besorgen oder die Karte in Alufolie wickeln. Beides schirmt vor möglichen Ausleseversuchen ab. Für Handys mit NFC-Sticker ist das sicher nicht praktikabel. (anw)