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Netscape 6: Fett, aber schnell (Update)

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Kaum war in der letzten Woche die erste Final-Version des neuen Browser durchs Netz gegeistert, kommt Netscape jetzt ganz offiziell mit der neuen Version seines Internet-Browsers heraus. Netscape 6, so die vollmundigen Versprechungen der Entwickler, sollte klein, schlank und schnell sein. Nun, eines davon können wir – zur Hälfte – bestätigen: Die Rendering-Engine namens Gecko ist wirklich schnell. Alles andere ist leider weder schnell noch schlank noch klein.

Der komplette Download ist jetzt 25 MByte groß, auch eine deutsche Version ist verfügbar – für Mac und Linux gibt es bisher nur die englische Version. Wer den Versprechungen geglaubt hat, die 6er-Version werde nur noch knapp 8 MByte groß sein, fühle sich also getrost auf den Arm genommen. Nach der Installation folgt die nächste Geduldsprobe: Von Schlankheit weiter denn je entfernt, braucht der neue Browser nicht nur deutlich länger, bis er dem Anwender dann auch zur Verfügung steht. Im Hauptspeicher des Rechners macht sich der Browser gleich mit mindestens 20 MByte breit, während des Arbeitens wird auch schnell mal die 30-MByte-Marke überschritten.

Dem ersten Test zufolge scheint das einzig schnelle an Netscape 6 die Rendering-Engine Gecko zu sein – pikanterweise eine Komponente, die nicht von Netscape selbst stammt. Obwohl AOL, die Muttergesellschaft von Netscape, munter Nebelkerzen geworfen hatte, ist jetzt klar, dass jene Version von Netscape 6, die in der vergangenen Woche schon im Netz verfügbar war, genau diejenige ist, die Netscape/AOL heute offiziell anbietet. Interessanterweise ist die deutschsprachige Windows-Version von Netscape 6 nach der Build-Nummer zu urteilen (20001106) zwei Tage älter. Dies wiederum legt den Schluss nahe, dass Netscape die Software im Schweinsgalopp übersetzt hat. Die sprachliche Genauigkeit beispielsweise der Texte in den Dialogboxen bestätigt diesen Verdacht: Aktiviert man "Diese Meldung nicht mehr anzeigen", fragt Netscape bei jedem Formular nach – erst wenn man die Option deaktiviert, verschwindet der Dialog.

Auch andere "Kleinigkeiten" stoßen bitter auf: So konnte Netscape 6 mit unserer zentral abgelegten Proxy-Konfiguration in der Datei "proxy.pac" nichts anfangen. Alle Communicator-Versionen bis 4.76 hatten damit keinerlei Probleme. Anstatt jedoch durch eine Fehlermeldung auf das Problem aufmerksam zu machen, verharrt Netscape 6 einfach und lädt die Seiten nicht. Ein weiteres Feature, das manche vermissen werden, ist der Roaming Access, der allem Anschein nach ersatzlos gestrichen wurde.

Zwei wichtige der relativ spärlich gesäten Neuerungen in diesem Final-Release von Netscape 6 betreffen gar nicht den Web-Browser, sondern die E-Mail-Komponente Messenger: Diese kann nun mehrere POP-Accounts verwalten. Außerdem soll der Messenger auch Mails von AOL-Accounts direkt abholen und verschicken können.

Die endgültige Version von Netscape 6 beruht ebenso wie das letzte Beta-Release (PR 3) teilweise auf dem Code der freien Entwicklergemeinde Mozilla. Etwa 40 bis 50 Prozent von Netscape 6 entspringen laut Aussagen deutscher Mozilla-Entwickler der jüngsten Mozilla-Distribution "Milestone 18". Insbesondere das Prunkstück und gleichzeitig der Kern des Browsers, nämlich die sehr flotte Rendering-Engine Gecko, stammt nicht aus dem Hause Netscape. Das Mozillaprojekt entstand, als Netscape große Teile des Browser-Sourcecodes 1998 unter die Mozilla-Lizenz stellte und damit zur weiteren Entwicklung freigab.

Wer eine etwas schlankere Alternative sucht, ist vielleicht mit der Beonex-Distribution (für Windows 9x/NT/2000 und Linux ab Kernel 2.2) besser beraten. Der Download beläuft sich mit Java auf immerhin nur knapp 14 MByte, der reine Browser ist knapp 7 MByte groß (Linux nur knapp 3 MByte). Auch mit den Systemressourcen geht Beonex etwas pfleglicher um, aber mindestens 10 MByte RAM belegt auch er. (pmo)

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