Netzbetreiber: Kein Vandalismus wegen 5G und Corona

Die Verschwörungstheorien sind so alt wie die Netze. Nun kommt Corona ins Spiel und im Ausland brennen die Funktürme. Deutsche Netzbetreiber geben Entwarnung.

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(Bild: TPROduction / Shutterstock.com)

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"Was man nicht alles tut für die Menschheit". Mit einer blutenden Wunde am Kopf dreht sich der junge Mann in die Kamera. Gerade hat er dokumentiert, wie er an einem Mobilfunkmast in Wilhelmshaven alle sichtbaren Kabel durchtrennt – mit einer Astschere. "Diese Scheiße, ich lass mich davon nicht mehr kaputtmachen." Das stark verwackelte Handyvideo teilt er auf Facebook, darin fordert er seine Zuschauer auf, es ihm gleichzutun. Noch am Abend erhält er Besuch von der Polizei.

Ausschnitt aus dem Video: Durchtrennte Kabel an der Antennenanlage.

(Bild: Screenshot)

Theorien über schädliche Mobilfunkstrahlung sind so alt wie die Netze. Mit der Einführung der nächsten Netzgeneration 5G erhalten diese wissenschaftlich bisher nicht bewiesenen Theorien neue Nahrung. Seit Ausbruch der globalen Coronavirus-Pandemie macht zudem eine neue Verschwörungstheorie die Runde durch die sozialen Medien. Demnach soll 5G das Coronavirus verursacht haben oder zumindest dessen Verbreitung begünstigen. Irgendwie.

In den Niederlanden und Großbritannien sind diese Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden gefallen. Unbekannte verüben Brandanschläge auf Mobilfunkmasten oder versuchen anderweitig, die technischen Anlagen zu sabotieren. Die niederländischen Netzbetreiber vermuten Verschwörungstheoretiker hinter den Anschlägen. Besonders viele Fälle gibt es in Großbritannien, wo es Medienberichten zufolge bis zur vergangenen Woche Anschläge auf fast 80 Antennentürme gegeben hat.

Von solchen Zahlen kann in Deutschland keine Rede sein. Was im April in Wilhelmshaven passiert ist, dürfte die absolute Ausnahme sein, meinen Branchen-Insider. Zwar kommt es hin und wieder zu Vandalismus an Mobilfunkanlagen, ein Zusammenhang mit Verschwörungstheorien ist dabei aber nicht herzustellen. "In Deutschland gibt es seit vielen Jahren an jedem Tag und an vielen verschiedenen Stellen Vandalismus", sagt ein Vodafone-Sprecher. "In sehr seltenen Fällen sind auch einzelne Mobilfunk-Standorte betroffen."

Aktuell kommt das aber nicht häufiger vor als bisher, dass betonen alle deutschen Netzbetreiber. "Wir erkennen keinen Anstieg der Vorfälle an unseren Standorten", sagt ein Sprecher der Deutschen Funkturm, die die Mobilfunkanlagen der Telekom betreibt. Bei den anderen ist es genau so: "Nach wie vor sind nur einzelne wenige der vielen Tausend Anlagen betroffen", betont ein Sprecher von Telefónica Deutschland. Genaue Zahlen wollen die Netzbetreiber nicht nennen. "Einzelfälle".

In Deutschland gibt es laut Bundesnetzagentur 72.756 Mobilfunkstandorte. Viele davon werden von den Netzbetreibern gemeinsam genutzt. Ein Großteil davon ist ohnehin nicht ohne Weiteres zu erreichen. Die sabotierte Antenne in Wilhelmshaven gehört Telefónica Deutschland, aber auch Vodafone und die Telekom senden darüber. Wenn die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind, darf der Reparaturtrupp ran. Bis dahin bleibt die Antenne offline – und ein Einzelfall.

Auf richterliche Anordnung durchsuchte die Polizei die Wohnung des 30-jährigen Wilhelmshaveners noch am Abend des Tages, an dem er das Video auf Facebook gepostet hatte. Dabei wurde die Astschere sichergestellt. Der Verdächtige wurde in Gewahrsam genommen und am folgenden Tag dem sozialpsychiatrischen Dienst übergeben. Inzwischen ist er wieder auf Facebook aktiv. Der Staatsschutz ermittelt weiter "unter anderem wegen des Verdachts der Störung von Telekommunikationsanlagen sowie der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten", sagt eine Polizeisprecherin. (vbr)