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Computex

Netzteile: Gold war gestern

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All-in-One-PCs, Notebooks, NetBooks, Tablets, Smartphones & Co. verleiten immer mehr Anwender dazu, ihr Geld lieber für solche Gerätschaften auszugeben. Der Markt für "klassische" Desktop-Systeme schrumpft dagegen. Kein Wunder, dass der Konkurrenzkampf unter den Komponentenherstellern immer härter wird. Dabei sind Hersteller hochwertiger Netzteile in einer besonders prekären Lage, denn sie werden gleich von mehreren Seiten attackiert: Zum Einen schrumpfen die lukrativen Absatzmärkte in Europa und Amerika, zum Anderen drängen aber auch immer neue Billiganbieter in genau diese Märkte. Auf der Computex war deutlich spürbar: Viele neue Namen tauchten da auf, die man entweder noch nie gehört hatte, oder aber bislang nicht mit PC-Netzteilen in Verbindung gebracht hatte. PC-Netzteile für deutlich unter 10 Dollar Einkaufspreis? Kein Problem.

Doch wo Konkurrenz ist, entwickelt sich erfahrungsgemäß auch Kreativität, Anbieter besinnen sich auf eigene Stärken. Die Platzhirsche unter den Netzteilherstellern sind durchaus gewillt, ihre angestammten Märkte zu verteidigen. Zum Teil jahrzehntelange Erfahrung bei der Netzteilentwicklung sind hier eine gute Waffe. Ein willkommenes Hilfsmittel sind aber auch die rasant gestiegenen Energiepreise vor allem in Europa. Selten war "Energie sparen" und der effiziente Umgang mit dem Strom aus der Steckdose so positiv besetzt wie gerade jetzt.

Nur wie erklärt man dem Kunden, dass die eigenen Netzteile effizienter arbeiten als die der Billig-Konkurrenz? Das inzwischen etablierte "80 Plus"-Logo ist leicht verständliches Instrument: Es wird seit 2004 in den Stufen "80 Plus", "80 Plus Bronze", "80 Plus Silver" und "80 Plus Gold" verliehen. Neben einem Mindestwirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent bei 20, 50 und 100 Prozent der Nennleistung (siehe Tabelle) schreibt es auch einen Leistungsfaktor von mindestens 0,90 bei halber Nennlast vor. 2009 kam dann noch die Königsklasse, "80 Plus Platinum" hinzu. Hier ist ein Leistungsfaktor von mindestens 0,95 (50 Prozent Nennlast) und ein Wirkungsgrad von 89 bis 92 Prozent vorgeschrieben.

Sich mit einem reinen "80 Plus"-Logo zu schmücken ist nun für kaum einen Hersteller eine besondere Herausforderung. Die Stufen jenseits von "Silver" zu erreichen, erfordern aber schon einige Erfahrung im Netzteil-Design. Besonders um auch bei einer Last von nur 20 Prozent bei einem Wirkungsgrad jenseits von 85 Prozent zu landen, verlangt obendrein auch noch einen nicht unerheblichen Schaltungsaufwand. Das verteuert "gute" Netzteile deutlich. Gerade bei Netzteilen mit geringer Leistung findet man deshalb kaum Modelle mit einem "80 Plus Gold"-Logo.

Eine rühmliche Ausnahme auf dieser Computex war Seasonic: Als Pionier in Sachen Energieeffizienz will es sich der Hersteller nicht nehmen lassen, auch kleinere Modelle mit "Gold"-Zertifizierung im Programm zu haben. Die Reihe der "goldenen" ATX-Netzteile beginnt hier mit den 350-Watt-Modell SS-350RT - andere Hersteller bieten in der Regel erst ab 500 Watt Leistung ein Modell mit "80 Plus Gold" an. Im kompakten TFX-Format gibt es sogar ein 300-Watt-Modell (SS-300TGW) mit Gold-Logo. Ungewöhnlich effizient für seine Klasse arbeitet auch das Seasonic-Netzteil (SS-500L2U, 500W, 80 Plus Gold) für 2U-Server.

Computex 2011: Netzteile (13 Bilder)

Silverstone Strider Gold ST75F-G

Gold-zertifiziert, mit Kabelmanagement und stattlichen 750 Watt Maximalleistung, das Strider Gold ST75F-G von Silverstone.

Jenseits von Gold, also auf Platin-Level, sucht man "kleine" Netzteile dagegen bislang vergeblich: Wir entdeckten auf der Computex zwar einige ATX-Netzteile mit "80 Plus Platinum"-Logo (siehe Bilderstrecke), doch üblich waren hier Modelle mit 1000 oder mehr Watt. Um so mehr fiel das Modell BQT P10-850W aus der "Dark Power Pro"-Reihe von bequiet! auf: Es bietet, wie der Name schon nahelegt, eine Maximalleistung von 850 Watt, wartet aber noch mit einigen weiteren Besonderheiten auf. So verfügt es über einen Gummirahmen, der für eine akustische Entkopplung vom Gehäuse sorgen soll. Ein besonders leiser Lüfter soll laut Hersteller dem Firmennamen alle Ehre machen.

Jenseits von "Effizienz" und "Lautstärke" wollen die Hersteller die Käufer vor allem mit einem "aufgeräumten" Kabelmanagement überzeugen: Kabelbäume verschwinden zusehends zugunsten von Steckern. Der Anwender soll so nur die Kabel im Gehäuse unterbringen müssen, die er tatsächlich benötigt. Das schafft Platz im Gehäuse und sorgt obendrein für ein aufgeräumtes Innenleben. Puristen werden nun nicht zu unrecht anmerken, dass "mehr Steckverbinder" auch immer für mehr potenzielle Fehlerquellen sorgen. Zudem kosten Buchsen und Kabelverbindungen auch mehr als stumpf im Netzteil verlötete Kabelpeitschen.

Andererseits ermöglichen Netzteile mit konsequentem Kabelmanagement aber auch eine effektivere und vor allem weniger fehlerträchtige Fertigung. Jede einzelne Ader muss bei der Herstellung schließlich von Hand ins richtige Loch auf der Platine gesteckt werden. nach dem Verlöten kommt dann meist noch eine manuelle Inspektion hinzu. Diese Fehlerquelle in der Produktion erspart sich Seasonic inzwischen bei einigen Netzteilmodellen, indem alle Kabel, also auch der Kabelbaum zum Mainboard, über Steckverbinder aus dem Netzteil herausgeführt werden.

Wachsender Konkurrenz entgeht man als Hersteller natürlich auch durch das Ausweichen auf andere Produkte. Seit einiger Zeit bieten diverse Hersteller deshalb neben (internen) PC-Netzteilen auch andere Gerätschaften an. Naheliegend sind hier natürlich erst einmal weitere Netzteile, und zwar für Notebooks. Da es anscheinend immer noch Notebook-Hersteller gibt, die nur regional nutzbare Netzteile mit 120 oder 230 Volt Eingang mitbringen sieht man hier offensichtlich die Chance, Weltreisenden passende Ersatznetzteile anzudienen. Die dann in allen Stromnetzen dieser Welt einsetzbaren Mini-Kraftwerke sind dann oft auch leichter als die Originale und bieten oft auch noch Zusatzfunktionen wie einen USB-Power-Ausgang zum Laden von Smartphone oder Tablet. (gs)