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"Netzwerk-Kidnapper" von San Francisco schuldig gesprochen

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Der frühere Netzwerkadministrator Terry Childs, der im Sommer 2008 weltweit für Schlagzeilen sorgte, weil er zentrale Komponenten des städtischen Kommunikationsnetzes von San Francisco so manipuliert hatte, dass außer ihm niemand mehr darauf zugreifen konnte, ist am Dienstag schuldig gesprochen worden. Die Jury des Superior Court of California kam nach einem vier Monate dauernden Verfahren, in dem auch der Bürgermeister der Stadt, Gavin Newsom, aussagte, zu dem Schluss, dass die Handlungen des IT-Experten als Straftat zu bewerten seien. Weil der verursachte Schaden mehr als 200.000 Dollar beträgt, droht Childs nun eine Haftstrafe von maximal fünf Jahren.

Doch dazu wird es wohl nicht kommen: Laut einem Bericht des San Francisco Chronicle (SFC) wird vielmehr erwartet, dass Richterin Teri Jackson am 14. Juni ein Strafmaß verkündet, das höchstens ein paar Monate über den zwei Jahren liegt, die der 45-Jährige dann bereits in Untersuchungshaft gesessen haben wird. Vom SFC befragte Jury-Mitglieder äußerten zudem schwere Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung von San Francisco. "Das Management hat hier alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Würde man die Verantwortlichen vor Gericht bringen, würden wahrscheinlich auch sie verurteilt", zitiert die Zeitung einen Geschworenen, der zudem erklärte, die Jury habe "viel Sympathie" für Childs empfunden.

Childs hatte für das damalige Department of Telecommunication Information Services (DTIS, heute Department of Technology) gearbeitet und war maßgeblich an der Entwicklung des vor einigen Jahren in Betrieb genommenen Glasfasernetzes von San Francisco beteiligt, über das die Behörden der Stadt rund 60 Prozent des Datenverkehrs abwickeln. Nach Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten und einer laut Staatsanwaltschaft drohenden Kündigung versah der Netzwerkspezialist wichtige Hardware-Komponenten mit einem Master-Passwort, das nur er kannte. Als die Situation in der Behörde eskalierte, verweigerte er die Herausgabe dieses Passworts mit der Begründung, er müsse das System vor Eingriffen inkompetenter Mitarbeiter schützen.

Das DTIS ließ daraufhin die Polizei kommen, die den Netzwerkadministrator schließlich verhaftete. Im Gefängnis schaltete Childs zunächst komplett auf stur und ließ die eilig herbeigerufenen Spezialisten von Cisco Systems eine Woche lang bei ihren erfolglosen Versuchen zappeln, administrativen Zugriff auf das Behördennetzwerk zu erlangen. Die Lage entspannte sich erst, als San Franciscos Bürgermeister einem Gesprächswunsch Childs' folgte und ihn persönlich im Gefängnis besuchte. Am Ende des Gesprächs erhielt Newsom einen Zettel mit dem Passwort. Im Prozess erklärte Newsom, die Stadt sei "in Gefahr" gewesen, weil der Zugriff auf Polizeidaten und Gehaltskonten teilweise nicht mehr möglich gewesen sei.

Childs' Anwalt räumte ein, dass sein Mandant möglicherweise etwas "paranoid" hinsichtlich des Schutzes seines "Reichs" und "undiplomatisch" im Umgang mit seinen Vorgesetzten war, das sei aber auch alles gewesen. Seinen Angaben zufolge verweigerte Childs die Herausgabe des Master-Passworts unter anderem deshalb, weil er dieses über eine "unsichere Telefonverbindung" preisgeben sollte. Laut Staatsanwaltschaft inszenierte Childs, der früher schon einmal wegen Raubes und Hehlerei zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, das Spektakel hingegen aus rein egoistischen Gründen. Er habe zeigen wollen, wer hier vermeintlicher Chef im Ring sei. (pmz)