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Neuer Goldrausch um de-Domains

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Mit seiner Entscheidung , den de-Namensraum weiter zu öffnen, hat das DeNIC eine regelrechte Goldgräberstimmung am eigentlich gesättigten Markt für Internet-Namen hervorgerufen. Erst am vergangenen Donnerstag teilte die deutsche Registry mit, dass künftig auch ein- und zweistellige Domains, reine Ziffern-Domains sowie Namen, die einem Kfz-Kennzeichen oder einer TLD entsprechen, registriert werden können. Start der Landrush-Phase, also der ersten Registrierungsmöglichkeit, ist am kommenden Freitag, den 23. Oktober um Punkt 9 Uhr.

Nach kurzer Schockstarre begannen sich bereits einen Tag später viele Protagonisten am Domain-Markt die Hände zu reiben. Das Geschachere um die besten Namen ist bereits in vollem Gange, obwohl die Domains noch gar nicht zur Verfügung stehen. Alle wollen ihren Teil vom Kuchen abhaben: Die registrierenden Provider, die Domain-Grabber und die Handelsplattformen. Wenn am Freitag alle hochwertigen Namen vergeben sind, dürfte die Stunde der Rechtsanwälte schlagen, denn dann werden Marken- und Namensinhaber versuchen, ihnen zustehende, aber anderweitig vergebene Domains juristisch einzufordern.

Lediglich die 274 eingetragenen DeNIC-Mitglieder, meist Hosting-Provider, dürfen zum Start Registrierungsanträge einreichen. Sie müssen dem DeNIC eine IP-Adresse mitteilen, nur über diese dürfen per signierten Mails Registrierungswünsche abgegeben werden. Jedes Mitglied darf maximal vier Registrierungswünsche pro Minute am eigens eingerichteten Registry-Interface abgeben. Es gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Damit hat das DeNIC zur momentan chaotischen Situation wesentlich beigetragen. Zum einen verhindert die extrem kurze Zeit zwischen Bekanntgabe und Start eine geordnete Vorbereitung. Zum anderen sorgt die Art der Registrierung dafür, dass seltsame Auswüchse zu beobachten sind. Unverständlich ist, warum das DeNIC nicht nach Art der Funkfrequenzvergabe die Domains in einer ersten Phase selbst versteigert. Die Schlüsselrolle kommt nun den Mitgliedern zu, und viele davon versuchen, zulasten der Gleichbehandlung aus der Situation Kapital zu schlagen. Beispiel gibt es bereits reichlich.

Die ISPpro Internet KG aus Hermsdorf etwa verschachert über ihre Hosting-Marke EUserv die erfolgreiche Registrierung eines der neuen "Premium-Domainnamen" für 10.000 Euro. Die Dortmunder Knipp Medien und Kommunikation GmbH verlangt für Ein-Ziffern-Domains mal eben 30.000 Euro. Der Preis ist sogar gesunken, am gestrigen Dienstag wollte Knipp noch 50.000 Euro haben. Alle Einnahmen aus der Registrierung der neuen Domains wolle Knipp an die Kindernothilfe spenden, betont man. Warum man die zahlenden Kunden, die eine der Domains ergattern wollen, zu einer Spende von fast 30.000 Euro nötigt, erläutert Knipp allerdings nicht.

Entscheidend für den Erfolg einer Registrierung wird insbesondere sein, dass der Antrag möglichst früh beim DeNIC eingeht. Geht man davon aus, dass alle 274 Mitglieder von der Möglichkeit Gebrauch machen, gehen in der ersten Minute 1096 Anträge ein, in der ersten Stunde immerhin knapp 66.000. Kein Wunder, dass sich Mitglieder diese frühe Phase versilbern lassen wollen.

Die NetService24 GmbH (Domain24) beispielsweise versteigert den ersten Registrierungsantrag, der am Freitag um Punkt 9 Uhr beim DeNIC landen soll, bei eBay. Derzeit (Stand: 13 Uhr) gibt es 23 Gebote, das Höchstgebot beläuft sich auf 2.511 Euro. Die media:Webline Internet Solutions GmbH wollte gar ihren Mitgliedzugang für die ersten fünf Stunden der Registrierungsphase versteigern. 73.047 Euro war ein ein Bieter bereit zu bezahlen , doch damit erreichte er nicht einmal den Mindestpreis, den sich der Provider vorgestellt hatte.

Aus diesen Zahlen wird deutlich, dass das Handelsvolumen enorm ist. "In Insider-Kreisen wird der Gesamtwertwert des neuen Namensraums kurzer de-Domains auf über 20 Millionen Euro geschätzt – eine beachtliche Summe, wenn man bedenkt, dass es sich um eine vergleichsweise geringe Anzahl in der Größenordnung von 1600 besonders interessanter Domains handelt", erklärt Andreas Schreiner, Geschäftsführer des Münchener Domain-Registrars InterNetWire .

An der Goldgräberstimmung partizipiert natürlich auch die deutsche Domain-Handelsplattform Sedo. Sie hat eine Sonderaktion ins Leben gerufen, bei der die Kunden bis zum 22. Oktober um 18 Uhr "Vorab-Gebote" für die neuen Domains abgeben können. Sprich: Dort wird lebhaft mit Waren gehandelt, die noch nicht einmal existieren. Die Domains pc.de und tv.de etwa sind Bietern bereits 41.000 Euro wert (Stand: 13 Uhr). Der Preis wird nur bei erfolgreicher Domain-Überschreibung an den Höchstbietenden fällig.

Sedo will über "Partner-Registrare" an die gewünschten Domains gelangen. Wer das ist, darüber schweigt man sich aus. Auf Nachfrage von heise online wurde Unternehmenschef Tim Schumacher kaum deutlicher: "Sedo hat eine Vielzahl von Registrar-Kooperationen, sowohl exklusive als auch nicht-exklusive, und es kommen fast stündlich neue hinzu. Gemeinsam sind wir sicher, eine außergewöhnlich hohe Erfüllungsquote bei unserer Auktion zu haben." Schumacher schätzt, dass allein via Sedo zehn Millionen Euro für den Erwerb von neuen Domains bezahlt werden.

Mit den besonderen Geschäftsbedingungen zur Auktion bewegt sich Sedo hart am Limit der Legalität. Man bedingt sich dort nämlich Exklusivität des Vertrags aus. Wörtlich heißt es: "Der Bieter verpflichtet sich, für die Dauer des Vertrags keine Dienste eines anderen Vermittlers in Bezug auf den zu vermittelnden Domainnamen in Anspruch zu nehmen. [...] Bei einer Verletzung dieser Pflichten hat der Bieter der Sedo GmbH Entschädigung in Höhe von 20 Prozent des tatsächlich später erzielten Verkaufspreises zu zahlen." Ronny Jahn, auf Vertragsrecht spezialisierter Rechtsanwalt und vormals Justiziar bei der Berliner Verbraucherzentrale, hält eine solche Klausel für unwirksam: "Der Makler hat lediglich einen Schadensersatzanspruch. Der kann aber nicht einfach pauschal mit 20 Prozent angesetzt werden."

Unterstützung erhält Sedo wenig überraschend vom größten deutschen Webhoster 1&1 – einem Schwesterunternehmen aus dem United-Internet-Konzern. 1&1-Vorstandssprecher Robert Hoffmann spricht von einer "Kooperation mit Sedo" zugunsten der Kunden, erläutert aber in seiner Mitteilung nicht, dass Sedo unterm selben Konzerndach weilt. 1&1 selbst bietet, ausgerechnet als größter deutscher Domain-Hoster, seinen Kunden keine Möglichkeit der kostengünstigen Vorregistrierung. Die 1&1-Kunden werden also zu Sedo verwiesen und damit wahrscheinlich mehr Geld in den Konzern spülen.

Einige Registrare verzichten aber auch darauf, die Goldgräberstimmung dafür zu nutzen, ihre Bilanzen zu verbessern. Der Webhoster 1blu etwa bietet die Vorregistrierung zu Standardpreisen an. Besonderes Interesse bestehe derzeit vor allem an reinen Zifferndomains. "Viele Kunden versuchen Domains anzumelden, die ihrem Geburtsdatum, ihrer Telefonnummer oder ähnlich beliebten individuellen Zahlen-Kombinationen entsprechen", teilte 1blu heute mit.

Die Hetzner Online AG will ihren Kunden ab morgen die Möglichkeit geben, ohne gesonderte Kosten Vorregistrierungsanträge zu stellen. Man nehme an dem Verfahren lediglich teil, weil man den Kunden diesen Service schulde, erklärte Firmenchef Martin Hetzner im Gespräch mit heise online. Außerplanmäßige Erlöse wolle man damit nicht erzielen. Von den Versteigerungen des Mitbewerbs hält er nichts: "Wir sind keine Glücksritter, sondern ein traditioneller Provider."


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