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Neuer Markt: Auch Emprise im freien Fall

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Der Neue Markt wird anscheinend mehr und mehr zum Versammlungsplatz von siechen, fußkranken, morbiden und nahezu dahingeschiedenen Unternehmen. Die Hamburger Unternehmensgruppe Emprise ergänzte am heutigen Dienstag die lange Liste der einstigen Börsenstars, von deren früherem Glanz nur noch Asche blieb.

Rund 38 Millionen Mark habe das Unternehmen, bestehend aus mehreren "Beratungs- und Dienstleistungsfirmen im Informationstechnologie-Bereich" im vergangenen Jahr verloren, hieß es in einer Emprise-Mitteilung. Noch im September lagen die Verluste bei knapp 20 Millionen Mark, so dass allein das letzte Quartal 2000 mit einem Minus von 18 Millionen Mark endete. Der Jahresumsatz des IT- Dienstleisters stieg dabei allerdings auf 85 Millionen Mark; im Vorjahr waren es noch 51 Millionen Mark.

Die Börse strafte Emprise ab: Der Aktienkurs sackte heute um 55 Prozent auf 2,70 Euro ab. Doch das ist für die Anleger nichts Neues, betrug doch der Höchstkurs des Papiers vor kaum einem Jahr noch 245 Euro. Damit nicht genug: Nach dem Einzelabschluss der AG ist das Emprise-Grundkapital von zwölf Millionen Mark verbraucht. Das Aktiengesetz schreibt in solchen Fällen eine außerordentliche Hauptversammlung vor, zu der Emprise demnächst die Aktionäre einladen wird. Der Vorstand weist allerdings darauf hin, dass einschließlich stiller Reserven noch mehr als 25 Millionen Mark in der Kasse seien.

In der Hamburger Zentrale der Unternehmensgruppe bemühte sich Sprecherin Grit Muschelknautz, trotz der Hiobsbotschaft Optimismus und Zuversicht zu verbreiten. "Wir werden uns von Verlustbringern trennen und die Verluste drastisch reduzieren", beteuerte sie. Die Konzentration auf das profitable Kerngeschäft werde noch in diesem Jahr zu schwarzen Zahlen führen. "Das ist eine Phase, durch die wir hindurch müssen", sagte Muschelknautz. "Danach wird das Unternehmen eine gute Entwicklung nehmen." Entscheidend sei, dass die 360 Emprise-Mitarbeiter nach wie vor gute Arbeit leisten.

Doch auf versprochene Gewinne warten die Anleger schon seit längerem. Nach dem Börsengang im Juli 1999 nutzte der damalige Vorstandschef Gerd Nicklisch das frische Geld, um auf Einkaufstour zu gehen und sich an diversen Unternehmen zu beteiligen, darunter auch US-amerikanische Internet-Startups. Der übrige Vorstand sah die Strategie mit zunehmender Sorge und zog die Notbremse, als Nicklisch noch voll auf dem Expansionstrip war. Er musste das Unternehmen im Frühjahr 2000 verlassen. Sein Nachfolger Bernhard Mannheim will die Gruppe, die aus 14 einzelnen Unternehmen besteht, verstärkt auf das Internet ausrichten. (Eckart Gienke, dpa) / (dal)