Menü

Neuer Mobilfunkriese O2+ mischt den Markt auf

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 190 Beiträge

Für die Deutsche Telekom wird es auf ihrem Heimatmarkt ungemütlicher. Der scheidende Konzern-Chef René Obermann übergibt seinem Nachfolger Tim Höttges eine belagerte Festung. Mit der geplanten Übernahme von E-Plus durch die deutsche Tochter des spanischen Telefonriesen Telefónica blasen bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Rivalen des einstigen Staatskonzerns zum Angriff. Der deutsche Telekommunikationsmarkt steht vor umwälzenden Veränderungen – sofern die Kartellwächter zustimmen. Für die Kunden könnte es auf lange Sicht damit allerdings wieder teurer werden.

Eröffnet wurde die Attacke von Vodafone. Die Briten wollen sich den größten Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland einverleiben und damit die Telekom im Festnetz und Internetgeschäft herausfordern. Im Mobilfunk droht den Bonnern jetzt der Verlust der Marktführerschaft. E-Plus und O2 zusammen würden mit einem Schlag die Telekom abhängen. Zusammen kommen beide Mobilfunker auf gut 43 Millionen Kunden – auch wenn es sicher auch bei den Kunden Überlappungen durch Doppelverträge gibt. Die Deutsche Telekom zählt laut Bundesnetzagentur derzeit gut 37 Millionen Anschlüsse und kann damit Vodafone auf Distanz halten. Künftig muss sich die Telekom wohl mit Platz zwei begnügen.

Unerwartet kommt der geplante Kauf der Nummer drei durch die Nummer vier nicht. Schon mehrfach gab es Anläufe, zuletzt im vergangenen Sommer. Dabei ist es nicht unbedingt Sympathie, die die Fusion der beiden kleinen Anbieter treibt. Die Branche ist mächtig unter Druck. Da bereits jeder Deutsche statistisch gesehen 1,4 Mobilfunkverträge hat, ist das Neukundengeschäft arg begrenzt. Das Wachstum stammt vor allem aus dem wachsenden Datengeschäft und den dort teureren Verträgen für Smartphones oder Tabletcomputer. Die Übernahme soll vor allem helfen, die Kosten zu senken. Denn um die durchaus wechselwillige Kundschaft zu locken, liefern sich die Anbieter einen harten Preiskampf, müssen gleichzeitig aber viel Geld in den Aus- und Umbau ihrer Netze und neue Technologien stecken. Der Ausbau der Netze wird Milliarden verschlingen, Geld, das gerade die kleineren Anbieter mühsam erwirtschaften müssen.

Seit Jahren wird deshalb über einen Zusammenschluss von E-Plus und O2 spekuliert. "Diese Fusion war überfällig. Sie ist aber definitiv keine Liebesheirat, sondern eine Zweckehe", sagt Ekkehard Stadie, Telekom-Experte bei der Strategieberatung Simon-Kucher & Partners. Bereits jetzt ächzen vor allem die beiden Mütter Telefonica und KPN unter enormen Schuldenbergen. Und gerade in Deutschland tun sich die Mobilfunker schwer, richtig viel Geld zu verdienen. Flatrates, Billigmarken und günstige Tarife drücken auf die Margen, zudem haben die Kunden viele Wechselmöglichkeiten. "Im deutschen Markt hört man kaum noch einen Konsumenten über teure Tarife jammern. Vielmehr bedrückt die Konsumenten, dass die Netze zum Teil überlastet sind", sagt Stadie. Gelinge die Fusion, könne es alle Anbietern, also auch der Deutschen Telekom, und den Kunden nützen.

Gerade E-Plus und O2 haben vor allem junge Kunden, die weniger Geld für ihr Handy ausgeben wollen. Stadie rät Telekom und Vodafone, nicht nur auf die Kundenzahl zu blicken, sondern sich auf teurere Angebote zu konzentrieren und auf einem Preiskampf im Billigsegment zu verzichten. "Dann kann es der Industrie als Ganzes gelingen, die vorhandene Zahlungsbereitschaft für Produkte, die alle haben wollen, auch wieder abzuschöpfen." Wie genau das bei E-Plus und O2 aussehen wird, ist offen. "Dafür ist es noch zu früh", sagte ein O2-Sprecher.

Ob die Übernahme überhaupt kommt, hängt von den Kartellwächtern ab. In den USA hatten sich die Behörden bei dem Versuch des Branchenriesen AT&T, den kleinen Konkurrenten T-Mobile USA zu übernehmen, quergestellt. Sie sahen in der Verringerung von vier auf drei Konkurrenten einen Schaden für den Wettbewerb. Das könnte in Deutschland anders sein. Telekommunikations-Experte Torsten Gerpott, Professor an der Universität Duisburg-Essen, glaubt, die Kartellbehörden werden den geplanten Zusammenschluss durchwinken. Das entstehende Unternehmen habe "die Mittel, um in neue Netze wie die Übertragungstechnologie LTE zu investieren und das könnte eher mehr Wettbewerb für Telekom und Vodafone bedeuten." Allerdings rechnen Experten damit, dass mit der Verringerung der Zahl der Netzbetreiber der Preisdruck sinken wird. Das könnte dazu führen, dass die Anbieter etwa bei Versteigerungen von Lizenzen weniger Geld auf den Tisch legen müssten.

Telefon-Kunden hingegen könnten bei der Umwälzung des Mobilfunkmarktes das Nachsehen haben. Weniger Anbieter bedeuten oft höhere Preise. Die Erfahrung zeige, sagte Gerpott, dass in einem Markt mit etwa drei gleich starken Anbietern "ein Wettbewerb bis aufs Blut ausbleibt". (jk)

Anzeige
Anzeige