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Telepolis

Neues Buch: "Angriff auf die Freiheit"

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"Wenn wir Angst haben, raschelt es überall." Mit diesem Sophokles zugeschriebenen Aphorismus leiten die beiden Schriftsteller Ilja Trojanow und Juli Zeh eine Leseprobe ihres neuen Buchs "Angriff auf die Freiheit" ein, das am 17. August im Carl Hanser Verlag erscheint. Was folgt, ist eine Aufzählung unterschiedlicher Raschel-Formen: Fingerabdrücke auf der Espresso-Tasse, die seit dem letzten Sommerurlaub in Florida auch in den Datenbanken der U. S. Customs and Border Protection hinterlegt sind. Überwachungskameras in U-Bahn-Stationen, auf Bahnsteigen und in der Einkaufspassage, womöglich ausgestattet mit Software zur biometrischen Verhaltensanalyse. "Und diese regelmäßigen Zahlungstransfers nach Südfrankreich? Wofür? Warum sind Sie letzte Nacht eigentlich so lange um den Block gelaufen? Sie hatten Ihr Handy nicht ausgeschaltet – da weiß man, wo Sie sind."

Bei der heutigen Buchvorstellung in Berlin kritisierten die beiden Autoren einem dpa-Bericht zufolge, dass der Staat unter dem Deckmantel der Terrorabwehr immer weiter in die Privatsphäre seiner Bürger vordringe. Mit ihrem neuen Werk wollten sie Bewusstsein für den wachsenden Zugriff von Behörden und Unternehmen auf persönliche Daten sowie die Kontrolle des Internets schaffen. "Die einzige Gefahr des Terrorismus ist, wie wir als Gesellschaft darauf reagieren", erklärte Zeh. Die bisher ergriffenen Maßnahmen gingen viel zu weit und seien wirkungslos: Bei der Rasterfahndung seien aus acht Millionen überprüften Datensätzen nur drei Ermittlungsverfahren hervorgegangen. Diese seien aber allesamt eingestellt worden seien, sagte Zeh. Die ebenfalls anwesende FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger stimmte dem Bericht zufolge zu: "Man muss genau untersuchen und hinterfragen, was die bisherigen Gesetze gebracht haben"

Trojanow und Zeh beschäftigen sich nach eigenen Angaben schon lange mit dem Thema Macht und Datenmissbrauch. Alle seine Werke setzten sich mit der "Machtfrage" auseinander, sagte Trojanow. Die gelernte Juristin Zeh hatte bereits 2008 Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingelegt. "Achtung bitte, wir unterbrechen diesen Text für eine wichtige Durchsage: Dies ist keine Science-fiction. Wir wiederholen: Keine Science-fiction. Dies ist nicht 1984 in Ozeanien, sondern das Jahr 2009 in der Bundesrepublik. Falls Sie sich immer noch nicht verdächtig fühlen – herzlichen Glückwunsch. Sie sind ein unbeugsamer Optimist", heißt es am Ende der Leseprobe. In der Tragödie Antigone lässt Sophokles den Chor singen: "Allzu tiefes Schweigen macht mich so bedenklich wie zu lauter Schrei." Wie laut der Schrei der beiden Autoren tatsächlich ist, wird sich kommende Woche zeigen. (pmz)

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