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Neues Kryptogeld Libra: Facebook plant die Weltwährung

Neues Kryptogeld Libra: Facebook plant die Weltwährung

(Bild: libra.org)

Facebooks Kryptogeld Libra soll eine globale Digitalwährung werden. Dabei versichert das Online-Netzwerk, dass Finanzdaten der Nutzer geschützt sein sollen.

Facebook will die Finanzwelt umkrempeln: Das Online-Netzwerk hat eine neue globale Währung erfunden. Das Digitalgeld mit dem Namen Libra basiert ähnlich wie der Bitcoin [1] auf der sogenannten Blockchain-Technologie, soll aber ohne Kursschwankungen auskommen. Facebook werde dabei auch auf Datenschutz achten, versicherte der für das Projekt zuständige Manager David Marcus.

In der Anfangszeit dürfte das Digitalgeld vor allem für Überweisungen zwischen verschiedenen Währungen eingesetzt werden, sagte Marcus der dpa. Damit würde Libra mit Diensten wie Western Union oder Moneygram konkurrieren, die für internationale Überweisungen hohe Gebühren verlangen. Die Vision sei aber, Libra schließlich zu einem vollwertigen Zahlungsmittel für alle Situationen zu machen.

Im Whitepaper zur Kryptowährung [2] wird der Angriff auf die Bankenwelt etwas unverhohlener formuliert. "Für zu viele Menschen sehen Teile des Finanzsystems immer noch wie Telekommunikationsnetze vor der Einführung des Internets aus", heißt es dort. Hohe Gebühren für Finanzdienstleistungen werden mit den Kosten einer SMS vor 20 Jahren verglichen. Die Welt brauche jetzt ein Digitalgeld, das das Versprechen eines "Internets des Geldes“ endlich einlöse.

Für Verbraucher soll es einfach sein, das Geld zwischen Libra und anderen Währungen zu tauschen und Transaktionen damit zu machen. So soll man Libra-Überweisungen zum Beispiel direkt in Facebooks Chatdiensten WhatsApp und Messenger ausführen können. Mit einer Verknüpfung zum Bankkonto sollen Libra auch direkt auf dem Smartphone in andere Währungen umgetauscht werden können.

Um das große Ziel einer digitalen Vollwährung zu erreichen, hat Facebook eine Allianz geschmiedet: die Libra Association und nicht Facebook selbst soll das Digitalgeld verwalten. Unter den aktuell 28 Mitgliedern sind die Finanzdienstleister Visa, Mastercard, Paypal und Stripe – was die Integration in andere Bezahlsysteme erleichtern dürfte. Darüber hinaus sind auch Vodafone und Ebay, die Reisebuchungs-Plattform Booking.com sowie der Musikstreaming-Dienst Spotify und die Fahrdienst-Vermittler Uber und Lyft an Bord. Zum Libra-Start im Jahr 2020 hoffe er auf mehr als 100 Mitglieder, sagte Marcus.

Facebook werde keine Sonderrolle in der Organisation haben, versichert Marcus. Stattdessen soll jedes Gründungsmitglied der Association einen Knoten im Netzwerk betreiben dürfen – und analog dazu eine Stimme im Leitungsgremium haben. Größere Entscheidungen, etwa über die technische Roadmap, werden dann mit Zwei-Drittel-Mehrheit gefällt.

dpa/heise online

(Bild: dpa/heise online)

Bisherige Kryptowährungen [3] wie Bitcoin sind für ihre massiven Kursschwankungen berüchtigt – das ist etwas, was Facebook bei Libra unbedingt vermeiden wollte. Deshalb soll Libra in vollem Umfang durch einen Reservefonds mit verschiedenen Währungen wie Dollar, Euro und Yen gedeckt sein. "Wenn zum Beispiel jemand Libra für 100 Euro kauft, fließen diese 100 Euro in die Reserve“, erläuterte Marcus. Die Libra Association werde zudem festlegen, in welchem Verhältnis Währungen und Wertpapiere in der Reserve gehalten werden, um für einen stabilen Kurs zu sorgen.

Die hinterlegten Sicherheiten sollen weltweit bei verschiedenen Depotbanken mit Investment-Grade-Bewertung aufbewahrt werden. Die Zinsen auf die Einlagen will man nutzen, um die Kosten der Digitalwährung zu tragen, die Transaktionskosten niedrig zu halten und Dividenden an die Mitglieder der Stiftung auszuschütten. Zinsausschüttungen an die Nutzer sind nicht vorgesehen.

Auch ist bei Libra anders als beim Bitcoin die Geldschöpfung nicht dezentralisiert. Die Libra Association ist die einzige Instanz, die neue Libras erzeugen beziehungsweise bestehende vernichten kann. Kryptogeld muss bei Mitgliedern der Allianz oder auf autorisierten Handelsplattformen erworben werden. Bei Einzahlung in die Reserve wird entsprechend neues Kryptogeld generiert, bei Auszahlung wieder aufgelöst.

Facebook lässt keinen Zweifel daran, dass Libra am Ende eine globale Währung werden soll, mit der man genauso wie mit dem heutigen Geld alles und überall kaufen kann – egal, ob online oder in einem Laden. Zugleich schränkte Marcus ein: "Ich denke, dass jede neue Währung viel Zeit brauchen wird, um so groß zu werden wie eine existierende nationale Währung einer großen Volkswirtschaft.“ Ein Grund dafür sei, dass in der entwickelten Welt die Bezahlwege bereits gut eingespielt seien.

"Zumindest in den nächsten zehn Jahren werden wir alle noch unsere Gehälter bekommen und Steuern zahlen in der Währung der Länder, in denen wir leben“, sagte Marcus. Zugleich gebe es aber auch Länder mit hoher Inflation und schlecht ausgebauten Banksystemen – und dort könne eine Digitalwährung wie Libra eine viel größere Rolle spielen, "weil sie eine Lösung für viele Probleme bieten kann“.

Facebook verweist insbesondere auf die 1,7 Milliarden Menschen, die noch kein Bankkonto hätten. Auch Spotify erklärt, man erhoffe sich von der Teilnahme am Libra-System die Möglichkeit, besser Kunden in solchen Regionen zu werben. Allerdings gibt es für die globalen Ambitionen auch Grenzen: In China wird Libra nicht verfügbar sein.

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Libra können auch in anderen Crypto-Wallets verwaltet werden.

(Bild: heise online)

Zur Aufbewahrung und Nutzung von Libra werden verschiedene Anbieter digitale Brieftaschen, sogenannte Wallets, aufsetzen können. Facebook will nur einer von vielen Wallet-Anbietern sein, dafür gründete das Online-Netzwerk die Tochterfirma Calibra mit Marcus an der Spitze. "Facebook und Calibra werden keine besonderen Rechte oder Vorteile haben, obwohl wir den gesamten Quellcode für die Blockchain und die Transaktionen geschrieben haben“, sagte er.

Bei der eigenen Wallet wird gerade auch der Datenschutz hervorgehoben. "Mit wenigen Ausnahmen teilt Calibra ohne Zustimmung des Kunden keine Kontoinformationen oder Finanzdaten mit Facebook [4], Inc. oder anderen Drittparteien", heißt es in einer Mitteilung. Facebook steht insbesondere nach dem Skandal um Cambridge Analytica unter massivem Druck, den Datenschutz zu verbessern.

Nutzer sollen im Libra-System wie beim Bitcoin unter pseudonymen Adressen agieren können, von denen sich beliebig viele generieren lassen. Die übliche Regulierung – also zum Beispiel Maßnahmen gegen Geldwäsche – werde auf Ebene der Wallets greifen, sagte Marcus. "Wir haben mit Regulierern rund um die Welt gesprochen.“ Für Unternehmen, die Gründungsmitglieder der Libra-Allianz werden wollen, wurde eine Hürde gesetzt: Sie müssen einen Marktwert von mindestens einer Milliarde Dollar oder mehr als 20 Millionen Kunden haben. Mitglieder müssen mindestens zehn Millionen Dollar investieren.

Ähnlich wie bei der Kryptogeldplattform Ethereum soll es nicht nur um Zahlungen gehen – Libra soll auch die Möglichkeit bieten, in Programmcode formulierte Vereinbarungen auszuführen. Für diese Smart Contracts steht eine neue Programmiersprache namens Move zur Verfügung. Eine quelloffenes Testnetz für interessierte Entwickler ist auch an den Start gegangen.

In der Blockchain von Libra wird auch kein energieaufwendiges Mining nötig sein. Stattdessen darf aus der Reihe der Netzwerknoten, auch Validatoren genannt, jeweils einer Transaktionen einsammeln und zu einem neuen Datenblock bündeln. Der Block wird dann von den anderen Validatoren geprüft – und sofern zwei Drittel zustimmen, dann als gültig in die Blockchain übernommen. Facebook [5] nennt den dahinterstehenden Konsenmechanismus LibraBFT. Weitere technische und organisatorische Details finden sich in einer Sammlung von Dokumenten zum Download [6].

Facebooks Plan stößt bereits erste Veränderungen an. Moneygram, einer der Spezialisten für internationale Überweisungen, die direkt vom Libra-Start betroffen sein dürften, gab wenige Stunden nach der Facebook-Ankündigung eine Partnerschaft mit der Blockchain-Firma Ripple bekannt. Die Moneygram-Aktie sprang daraufhin im vorbörslichen Handel von 1,45 Dollar auf zeitweise gut 3,60 Dollar hoch. (Mit Material der dpa) / (axk [7])


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/thema/Bitcoin
[2] https://libra.org/de-DE/vision/#whitepaper
[3] https://www.heise.de/thema/Kryptow%C3%A4hrung
[4] https://de.newsroom.fb.com/news/2019/06/calibra/
[5] https://www.heise.de/thema/Facebook
[6] https://libra.org/en-US/wp-content/uploads/sites/23/2019/06/WhitePaperAndSupportingDocuments-2.zip
[7] mailto:axk@heise.de