Nocebo-Effekt: Angst vor Elektrosmog kann krank machen

Eine aktuelle Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Glauben an die Schädlichkeit von elektromagnetischer Strahlung und tatsächlichen Schmerzen.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 436 Beiträge
Von
  • Jan Schüßler

Die Angst vor Elektrosmog kann Krankheitssypmtome auslösen, auch wenn es keine messbare Strahlenbelastung gibt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Psychologen Michael Witthöft von der Johannes Gutenberg Universität Mainz.

Für die Untersuchung, die der Mainzer Forscher zusammen mit G. James Rubin in London am dortigen King's College durchgeführt hat, wurde den 147 Teilnehmern zunächst eine Video-Dokumentation gezeigt. Ein Teil der Probanden sah einen Film über angebliche, teilweise schwerwiegende Gesundheitsrisiken durch Funkwellen, der andere Teil bekam eine Dokumentation über Datensicherheit zu sehen.

Danach wurden die Probanden scheinbar einer Quelle von WLAN-Funksignalen ausgesetzt – die Tatsache, dass die präsentierte WLAN-Signalquelle gar nicht aktiv war, wurde ihnen allerdings vorenthalten. 54 Prozent der Teilnehmer klagten danach über psychische oder körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Kribbelgefühle. Dass die körperlichen Schmerzen bei den Betroffenen nicht nur eingebildet waren, zeigte sich im MRT: Die Gehirnregionen für Schmerzverarbeitung waren tatsächlich aktiv. Das Ergebnis der Studie lässt sich mit dem Nocebo-Effekt erklären, der zum Beispiel eine nachweisbare Reaktion auf ein Präparat ohne Wirkung beschreibt.

Die Autoren weisen dabei auch auf die Verantwortung der Medien hin: Reißerische Berichterstattung über nicht nachgewiesene Gefahren durch Funkwellen könne nachweisbare körperliche Beschwerden hervorrufen. "Die Wissenschaft und die Medien müssen unbedingt stärker zusammenarbeiten und sich darum bemühen, dass Berichte beispielsweise über mögliche Gesundheitsrisiken neuer Technologien so wahrheitsgetreu wie möglich und nach bestem Wissensstand an die Öffentlichkeit gelangen", fordert Witthöft.

Die Studie liefert keinen Nachweis, dass Elektrosmog unschädlich sei. Witthöft und Kollegen haben aufgezeigt, dass das Suggerieren einer Gefährlichkeit von Funkwellen tatsächliche Beschwerden erzeugen kann; ein Umkehrschluss auf die Gefährlichkeit der Strahlung kann daraus aber nicht gezogen werden.

Die Diskussion um Elektrosmog ist seit vielen Jahren ein Dauerbrenner. Skeptiker meinen, dass Menschen, die elektromagnetischer Strahlung von Telefonen, WLAN-Routern und so weiter – dem Elektrosmog – ausgesetzt sind, anfälliger für diverse Beschwerden und Krankheiten seien. Obwohl es eine unüberschaubare Anzahl von Studien zu diesem Thema gibt, steht ein unanfechtbarer Beweis für diese Annahme noch aus. (jss)