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Nokias Zukunftsvisionen: Der Maibaum wird zersägt

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Als Lifeblog endet, was einst in der Forschung von Nokia als ehrgeiziges Projekt Maypole begann und zwischenzeitlich den Titel "Memory+x" trug, das Familien-Erinnerungsalbum für das digitale Zeitalter. "Wenn wir das Geschäft mit den Erinnerungen in Kommunikation umwandeln können, dann ist das einer unserer größten geschäftlichen Erfolge", erklärte Christian Lindholm von der Nokia Ventures Organization die ambitionierte Idee hinter Lifeblog.

"Wir haben die Chance, Kodak und Polaroid zu beerben." Aus dem Rollfilm und der Kamerabox, später der Instamatic wuchs das Imperium von Eastman-Kodak, aus dem Spaß am schnellen Bild das von Polaroid. Ein Heer von Lifebloggern mit Nokia-Fotohandies, die einen Ausschnitt ihres Lebens auch noch im Internet veröffentlichen, sind der Traum von Lindholm. Verdienen will man neben dem Telefonverkauf an Zusatzdiensten rund um die Aufzeichnungen von Erinnerungen, etwa (im Verein mit Kodak) am Drucken der Fotos am nächstgelegenen Kiosk. Die Killerapplikation aus dem Hause Nokia hat eigentlich nur ein Problem: Reichen die Datenträger und Aufzeichnungsmethoden, um Erinnerungen dauerhaft zu konservieren? Was ist, wenn Formate "aussterben" oder Medien unlesbar werden? Lindholm gab sich optimistisch: "Es ist eine Herausforderung, die wir lösen müssen. Wenn wir es nicht schaffen, sind wir eine undokumentierte Zivilisation, die keine Spuren hinterlässt."

Ehe uns das große Nichts umfasst, hat Nokia freilich noch die eine oder andere Innovation parat, mit der Geld verdient werden soll. Am zweiten Tag der "Nokia Connection" genannten Journalistenreise waren zwar die Visionen für die Zukunft gefragt, doch die sollten schon realistisch sein. Forschungschef Yrjö Neuvo nannte die kommenden Mobiltelefone "Multiradio phones", weil sie neben den üblichen Netzdiensten der 2. und 3 Generation "alle Kommunikationsformen", etwa WLAN, Bluetooth, UWB oder DVB-T beherrschen müssen. Neben GPS zur Positionsbestimmung sollen gemäß Neuvo RFID-Chips zum Standard gehören, weil viele Anwendungen wie die Identifizierung eines Nutzers -- sowohl vor dem Telefon als auch mit dem Telefon vor einer Zutrittsschranke -- ohne RFID viel zu umständlich seien.

Flüssiger Akku: Nokias Headset-Prototyp saugt Energie aus Methanol.

Den größten Fortschritt attestierte Neuvo den Metadaten, die die Telefone der Zukunft einsammeln. Ein mit der eingebauten 6-Megapixel-Kamera geschossenes Foto wird nicht einfach so in den Speicher geschrieben, sondern mit Daten angereichert -- etwa mit via GPS empfangener Position oder über das Internet geladenen Wetter-Informationen vor Ort oder mit Geräte-Informationen in der Nähe, per Bluetooth erfasst. Auf hochauflösenden Handy-Bildschirmen mit 3D-Darstellung sollen nicht nur Fotos betrachtet werden, sondern auch Film und Fernsehen via DVB-H laufen und mit virtuellem Surround Sound genossen werden. Mit den Medienangeboten vom mobilen Fernsehen, Film on Demand und den Lifeblogs will Nokia eine Umgebung schaffen, in der die mobile Verbindung wichtiger ist als der Festnetzanschluss, der alsdann abgeschafft werden kann. So winkt den Finnen ein tolles Geschäft als Lieferant der Geräte wie als Versorger der Netzbetreiber.

Immerhin zeigte Neuvo, dass Nokias Forschung auch Resultate produziert, die genossen werden können, ohne dass die leicht dystopisch angehauchten Visionen von Multimedia, Metadata und RFID-Kontrolle übernommen werden müssen. Und er zeigte ein produktionsreifes Bluetooth-Headset, das von einer Brennstoffzelle versorgt wird. Zwei Milliliter Methanol reichen aus, um 10,5 Stunden zu telefonieren oder den Freund im Ohr 84 Stunden lang empfangsbereit zu halten. Das Headset soll in den Handel kommen, sobald die internationalen Sicherheitsbestimmungen die Mitnahme von Methanol in Flugzeugen gestatten. Gegenwärtig wird ein Entwurf diskutiert, der 200 ml erlauben soll, ohne dass der Reisende als Terrorist klassifiziert wird. (Detlef Borchers)/ (dz)