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Notre-Dame: Kampf um Restaurierung

3D-Scans aus Deutschland können beim originalgetreuen Aufbau helfen, aber Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigt bisher wenig Interesse daran.

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Diesen 3D-Scan von Notre-Dame machte der Historiker Andrew Tallon vor dem Brand. Er zeigt aber zu wenig Details für einen originalgetreuen Wiederaufbau.

(Bild: Andrew Tallon/Vassar College/AP/Dpa Picture-Alliance)

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Als Forscher der Universität Bamberg zwischen 2015 und 2018 detaillierte 3D-Aufnahmen von Notre-Dame machten, ahnten sie nicht, welchen Wert ihr Material bald darauf bekommen würde. Ursprünglich als EU-Projekt zur Erforschung mittelalterlicher Kirchenportale angelegt, könnte es nun die Daten liefern, um die weltberühmte Kathedrale nach dem verheerenden Brand wieder aufzubauen. Denn dabei fielen auch 3D-Daten des jetzt teils zerstörten Mittelbaus von Notre-Dame an, "als Nebenprodukt der Aufzeichnung der Portale", sagt Tobias Arera-Rütenik in der neuen Ausgabe von Technology Review (ab 23.5. im Handel und heute schon im heise shop bestellbar), Bauingenieur und Leiter der Projektstelle "Digitale Denkmalerfassung und Denkmalmanagement" an der Universität Bamberg.

TR 6/2019

Technology Review Juni 2019

(Bild:  )

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Wenn der Dom nun nach dem Brand erneut und fortlaufend gescannt würde, könnte ein Vergleich der Vorher- und Nachheraufnahmen die Schäden deutlich machen. So ließe sich die Sicherung des Gebäudes und später die Restaurierung besser planen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bot dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron deshalb offiziell digitale Hilfe an.

Denn zweidimensionale Baupläne helfen nur bedingt weiter. Zum einen hat der Brand einen großen Teil der Statik verändert. Zum anderen ist ein 800 Jahre altes Bauwerk selbst ohne Feuerschäden "nie kerzengerade und rechtwinklig wie in den Bauplänen", sagt Max Rahrig, Restaurierungswissenschaftler an der Universität Bamberg. "Über die Jahrhunderte haben sich Mauern gewölbt und Fundamente gesenkt." Mit den Bamberger 3D-Daten ließe sich ermitteln, welche Schäden vorher da waren – und welche durch den Brand und das Löschwasser entstanden.

Auch heruntergefallene Steine der Gebäudekappen im Inneren der Kathedrale ließen sich auf diese Weise scannen und wie bei einem 3D-Puzzle ihrem ursprünglichen Platz in der Decke zuordnen. "Das machen wir inzwischen routinemäßig bei zerbrochenen antiken Säulen", berichtet Arera-Rütenik.

In Paris scheint sich die Begeisterung über das Hilfsangebot allerdings in Grenzen zu halten. Noch fehlt eine Antwort aus Frankreich. Der Wiederaufbau von Notre-Dame sei ein Politikum ersten Ranges, klagt Gemälderestauratorin Cécile Charpentier, die 2009 in Notre-Dame arbeitete. "Es wäre natürlich hervorragend, solche Aufnahmen zu haben", sagt sie. Sie bezweifelt jedoch, dass Sachkunde derzeit im Vordergrund steht.

Macron scheint lieber auf architektonische Effekte als auf originalgetreue Restaurierung zu setzen. In fünf Jahren solle das Wahrzeichen des Landes noch schöner erstrahlen als vor dem Brand, hat er als Losung ausgegeben. Dazu will er mit einem Gesetz das Übereinkommen von Venedig, eine internationale Richtlinie zum Umgang mit Baudenkmälern, außer Kraft setzen.

Schon haben Architekten erste kühne Ideen vorgestellt: Mit begehbarem Gewächshaus unter dem Dach oder mit einer scharf in den Himmel ragenden Spitze aus Kristallglas statt des eingestürzten Mittelturms. "Das ist nicht Disneyland", sagt Charpentier zu solchen Visionen knapp. Auch fast 1200 Kunsthistoriker und Restauratoren kritisieren in einem Brief an den französischen Staatspräsidenten dessen Ambitionen. "Es gibt nichts Schlimmeres für ein Denkmal als viel Geld und wenig Zeit", sagt Arera-Rütenik.

Die vollständige Geschichte über die 3D-Scans von Notre-Dame und den Wiederaufbau lesen Sie in der Juni-Ausgabe von Technology Review (ab 23.5. im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop bestellbar).

(jle)