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ODF Alliance: Studie zu Microsofts Dokumentenformat OOXML fehlerhaft

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Die Antwort der Vereinigung der Unterstützer des Dokumentenformats ODF auf eine Studie der Burton Group, die Microsofts Konkurrenzspezifikation Office Open XML (OOXML) empfiehlt, ließ nicht lange auf sich warten. So hat die ODF Alliance nun eine neunseitige Stellungnahme (PDF-Datei) veröffentlicht, in der sie sich kritisch mit Kernpunkten aus dem Report der US-Marktforscher auseinandersetzt. Demnach haben die Analysten sich aufs falsche Pferd setzen lassen. Bei einer ersten Durchsicht habe man 18 grobe Fehler ausgemacht, heißt es in der Replik.

Generell moniert die Allianz, der sich über 480 Mitglieder aus übergreifenden Organisationen sowie Konzerne wie IBM, Novell, Red Hat oder Sun Microsystems angeschlossen haben, dass die angeblich unabhängige Studie zahlreiche Argumentationsschwächen enthalte. Die Marktauguren seien offenbar von ihren Quellen versehentlich in die Irre geführt worden. Das Ergebnis lasse daher die für eine neutrale Begutachtung erforderliche Ausgewogenheit vermissen und spiegele nicht die Ansichten aller Interessensgruppen wider, die in der Frage der künftigen Dokumentenstandards relevant seien.

Konkret setzen sich die ODF-Experten etwa mit der Behauptung der Analysten auseinander, dass der bereits von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) zertifizierte Standard ODF nicht komplex genug sei für die Anforderungen der Unternehmenswelt. Dass ODF im Gegensatz zur rund 6000 Seiten umfassenden OOXML-Spezifikation vergleichsweise "einfach" und schlank geraten sei, bringe aber gerade den entscheidenden Vorteil des Dokumentenstandards auf den Punkt. Essenzielle Internet- und Computerstandards wie SMTP oder Sprachen wie XML und HTML seien "einfach" gestrickt. Die Beschreibung "elegant" würde demnach besser auf sie und ODF passen. Eine "unnötige Komplexität" würde dagegen höhere Entwicklungs- und Pflegekosten, größere Schwierigkeiten beim Programmieren sowie mehr Sicherheitsprobleme mit sich bringen. Die allgemeine Folge seien stärker fehlerbehaftete Implementierungen.

Trotzdem enthält ODF laut der Lobbygruppe zahlreiche Möglichkeiten für die Funktionserweiterung, die OpenXML in nichts nachstünden. Die Zusätze würden zudem auf bestehenden Industriestandards wie RDF oder XForms des World Wide Web Consortium (W3C) beruhen, nicht auf "benutzerdefinierten", einen Standard korrumpierenden Ergänzungen. Selbst für die Erweiterung von Tabellenkalkulationen würden durch ODF diverse Zusatzfunktionen einschließlich des Anbringens von Tags oder Zeichenstrukturen unterstützt.

Bei der Aussage, dass OOXML besser die Ansicht und die Metadaten aus Microsofts früheren, gänzlich binären Office-Formaten wiedergeben könne, würden die Analysten zudem Dateiformate und Applikationen verwechseln. Unterschlagen werde von den Autoren aber, dass bislang allein Microsoft Office die Ansicht alter Dokumente aus anderen Bürosoftware-Paketen der Redmonder möglichst originalgetreu wiederherstellen könne. Keine andere Anwendung, die sich an einer OOXML-Implementierung versuche, schaffe dies. Dennoch könne es Probleme mit Archivdokumenten geben, wenn Microsoft diese – wie etwa im Fall von Office 2003 – nicht mehr unterstütze.

Nicht unkommentiert stehen lassen will die ODF-Allianz ferner die Behauptung, ODF werde von Microsoft-Gegnern als Waffe im Konkurrenzkampf "missbraucht". Allein die damit verknüpfte Vorstellung, dass offenbar niemand Microsoft die Stirn bieten dürfe, sei "verwirrend". Darüber hinaus sei ODF über mehr als fünf Jahre hinweg im Rahmen der OASIS (Organization for the Advancement of Structured Information Standards) entwickelt worden. Microsoft sei dort mit eingebunden gewesen, hätte sich aber gegen den offenen Dokumentenstandard und für eine Eigenentwicklung entschieden. ODF habe sich zudem bereits als veritable Alternative zu OOXML entwickelt. Weiter sei das Format eine "Innovationsquelle", auf die etwa die hinter der Wikipedia stehende Wikimedia-Stiftung setze.

Falsch sei ferner die Ansage, dass ODF mehr oder weniger von Sun kontrolliert werde. Im entscheidenden OASIS-Gremium habe der Serverspezialist nämlich nur drei Stimmen, während IBM vier innehabe. Dazu kämen drei stimmberechtigte Individuen. Keine Rede sei dagegen davon, wie stark Microsoft die Entwicklung von OOXML direkt und allein beherrsche. In der ECMA (European Computer Manufacturers Association), über welche die Redmonder die Standardisierung von OpenXML vorantreiben, habe Microsoft den alleinigen Vorsitz über die entsprechende Arbeitsgruppe. Eine Charta lege zudem fest, dass alle Änderungen an OOXML mit Microsoft Office kompatibel sein müssen.

Das verschärfte Pingpong-Spiel zwischen den Lagern hinter den beiden Dokumentenformaten steht im Zusammenhang mit der abschließenden Abstimmung der ISO über eine OpenXML-Standardisierung Ende Februar. Das Microsoft-Format fiel bei der vorausgegangenen Runde im Frühherbst zunächst durch. Problemfelder, auf die ISO-Mitglieder während diesem Prozess hingewiesen haben, haben die Redmonder nun kurzerhand ausgegliedert. Sie sollen für die Implementierung des Standards nicht verpflichtend sein.

Microsoft hat sich bei einem Treffen mit Journalisten im Heimatbundesstaat Washington derweil laut US-Medienberichten gegen Vorwürfe gewehrt, den Abstimmungsprozess bei der ISO beziehungsweise deren Mitgliedsländern unterwandert zu haben. OOXML-Gegner wie IBM hätten zunächst versucht, das Microsoft-Format in den entsprechenden nationalen Standardisierungsgremien zu diskreditieren, erläuterte demnach der für Interoperabilitätsfragen zuständige Manager Tom Robertson im Anklang an ähnliche Behauptungen von Microsoft-Lobbyisten hierzulande. Man habe daher nur erreichen wollen, dass mehr Interessierte an den Stimmabgaben und Standardisierungsvorgängen teilnehmen könnten und das "geschlossene" Verfahren aufgebrochen werde. Generell habe ODF nicht die Bedürfnisse der Microsoft-Kunden abgedeckt, sodass man sich an OOXML gemacht habe.

Siehe zu den Dokumentenformaten und ihrer Standardisierung auch:

(Stefan Krempl) / (jk)