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ODF-Plugfest: "ODF muss sich noch bewähren"

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Rund fünf Jahre nach der Anerkennung des Open Document Format (ODF) als offizieller ISO-Standard hat das offene Dokumentenformat anscheinend noch einen weiten Weg vor sich – obwohl es von Politik und Verwaltung unterstützt wird. "ODF ist weit davon entfernt, als Standard-Austauschformat zu fungieren", sagte Andreas Kawohl aus dem Amt für Bürgerservice und IT-Verarbeitung der Stadt Freiburg am Freitag auf der Konferenz ODF-Plugfest in Berlin. In Freiburg könnten mittlerweile zwar 2000 Verwaltungsangestellte sowohl Microsoft Office als auch OpenOffice nutzen; binnen sechs Monaten seien 70.000 OpenOffice-Dokumente erstellt worden. Außerhalb der eigenen Behörde könne sie aber kaum einer nutzen.

Der Freiburger Gemeinderat hatte 2007 beschlossen, in der Stadtverwaltung neben PDF mittelfristig nur noch auf ODF zu setzen. Dazu sollen die bestehenden 2000 Büro-Arbeitsplätze von Microsoft Office 2000 auf OpenOffice umgestellt werden. Die Stadt will sich so aus bestehenden Abhängigkeiten gegenüber einzelnen Herstellern lösen und Lizenzkosten sparen. Nach "zehn Jahren in einer Monokultur" könne aber kaum ein Mitarbeiter mit dem Begriff "Interoperabilität" etwas anfangen, erklärte Kawohl. Viele seien frustriert, dass sie sich aus dem bequemen Umgang mit einer angestammten Office-Suite herausbewegen müssten.

Freiburg sei außerdem neben München eine der wenigen Städte, in der ODF überhaupt entgegengenommen werde, sagte Kawohl; die meisten Behörden verlangten das .doc-Format. Derzeit lasse sich nur durch den Testversand von ODF-Dokumenten herausfinden, ob sie für eine andere Behörde lesbar sind. Obendrein werde eine ODF-Datei derzeit von unterschiedlichen Programmen wie LibreOffice oder Microsoft Office anders dargestellt. Verträge oder andere offizielle Dokumente müssten aber "genauso aussehen, wie sie kreiert worden sind". Kawohl forderte daher Designregeln für offizielle Dokumente ohne Frames oder Wasserzeichen, um Interoperabilität und Kontinuität zu gewährleisten.

Aus Schweden berichtete Björn Lundell aus der Software Systems Research Group der Universität Skövde ähnliche Erfahrungen. Die schwedische Regierung habe zwar 2009 festgelegt, dass für den Dokumentenaustausch im Bereich E-Goverment nur noch offene Standards und gegebenenfalls Open-Source-Software verwendet werden sollten. Eine Umfrage seiner Forschungsgruppe habe aber ergeben, dass 83 Prozent der schwedischen Bürger in Gemeinden lebten, die ODF "nicht verarbeiten wollen oder können". Nur acht Prozent der Schweden könnten erwarten, ein ODF- oder PDF/A-Dokument von einer Verwaltung zu erhalten.

70 Prozent von über 200 Kommunen räumten Lundell zufolge ein, ODF nicht verarbeiten zu können oder zu wollen. Bürgern sei auf Anfragen nach Dokumenten von 1999 in 74 Prozent der Fälle ein Word-Dokument geschickt worden, in 18 Prozent ein PDF und in 6 Prozent eine Datei im Rich-Text-Format (RTF), jedoch kein einziges ODF-Dokument. Zudem hätten zahlreiche Dokumente aus dem Jahr 1994 und früher Probleme beim Öffnen bereitet, da sie teils abhängig von proprietären Datenbankabfragen oder Makros gewesen seien.

Laut Lundell führten die meisten Gemeinden vor der Beschaffung von Software keine Evaluation durch. Beschafft werde auf Basis von Gepflogenheiten statt von Strategien, Entscheidungen würden nicht dokumentiert. Darüber hinaus herrsche Verwirrung über die Unterschiede zwischen Dokumentenformaten und Applikationen. 86 Prozent der Teilnehmer in den Gemeinden hätten Microsoft Office, 3 Prozent OpenOffice und fünf Prozent beide genutzt.

Erhöhen könnte die Verbreitung von ODF-Dokumenten die JavaScript-Bibliothek WebODF der Magdeburger Firma KO. Mit der browserbasierten Software könne Unterstützung des offenen Dokumentenformats "für fast alles" erreicht werden, erklärte der Unternehmensvertreter Jos van den Oever. Es ließen sich Tabellen- und Textverarbeitung sowie die Erstellung von Präsentationen in eine Webseite integrieren, Office-Dateien auf dem Mobiltelefon anschauen und in Applikationen für Web-Mail oder Chat integrieren. Derzeit laufe WebODF im mobilen Bereich auf Android-Smartphones, eine Unterstützung für iPhones und iPads werde bald folgen.

Thomas Caspers vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erklärte, dass auch ODF-Dokumente mit Schadcode versehen werden könnten. Allerdings würden es offene Standards erleichtern, Dokumente auf Schadcode hin zu analysieren und Verfahren zum Erkennen entsprechender Angriffe zu entwickeln.


In einer ersten Version dieses Artikels waren die Ausführungen von Thomas Caspers missverständlich wiedergegeben.

(odi)

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