OHM: Observiere, hacke – und mache dein Zelt wasserdicht

In der Nähe von Alkmaar hat das Hacker-Camp OHM 2013 begonnen. Neben Regen bot es schon am ersten Tag interessante Vorträge zur US-Überwachung und eine Videoübertragung mit Julian Assange.

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Von
  • Detlef Borchers

Mit 3000 zahlenden Besuchern war das niederländische Hacker-Camp OHM 2013 (Observe. Hack. Make.) in der Nähe von Alkmaar seit Wochen ausverkauft. Ein reines Sommervergnügen ist es nicht: Zum Nachmittag setzt regelmäßig Regen in unterschiedlichen Ohm-Stärken ein, für viele endete die Anfahrt im Matsch. Das verdrießt niemanden, schließlich ist das Hacker-Dasein populärer denn je: "Es gibt keine Hoffnung ohne euch. Ihr seid mit euren Cyber-Fähigkeiten die großen Gleichmacher vor den Zugriffen der Staaten", erklärte der ehemalige CIA-Analyst Ray McGovern in der Keynote des ersten Tages.

Das Camp am Tag…

(Bild: Detlef Borchers)

Vor Beginn der OHM hatte es Spannungen gegeben, die Koen Martens, den Chefkoordinator, zeitweilig zur Aufgabe bewegten. Der unter dem Nick Gmc bekannte Hacker reagierte humorig auf die Kritik und deaktivierte vor dem OHM-Publikum seinen Twitter-Account: "Hört mit diesem Unsinn auf." Auf die Kritik zum Hauptsponsor Fox-IT reagierte Martens mit dem Hinweis, dass die OHM als Wiki mitsamt einem Engelsystem für Jedermann auf die totale Transparenz setzt. Jeder Teilnehmer ist ein "Volunteer", daneben gibt es nur noch Speaker, Kinder und Journalisten. Martens fragte das Publikum, warum es keine einfach zu bedienende Verschlüsselungssoftware gibt und gab den Hackern eine Aufgabe: "Ziehet aus und schafft endlich Krypto für die Massen."

Ray McGovern bot eine nachdenkliche Keynote rund um die aktuellen Helden Julian Assange, Bradley Manning und Edward Snowden. Er sprach von einem "kranken Amerika, dessen Krankheit schon früh beobachtet werden konnte". Er verwies auf das berühmte Zitat des ehemaligen US-Diplomaten George F. Kennen über Asien aus dem Jahre 1948. Dabei blendete McGovern allerdings den asiatischen Kontext aus: "Wir sollten aufhören von vagen unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden." Die grundsätzlich demokratiefeindliche Haltung der USA nach außen hin habe lange vor dem 11. September dazu beigetragen, dass alles überwacht wird, was überwacht werden kann.

…und bei Nacht.

(Bild: Detlef Borchers)

Die von ihm gelobten Hacker forderte McGovern auf, das Böse frontal anzugreifen. Nur dann sei man eine moralisch integre Person. Ähnlich argumentierte die ehemalige FBI-Agentin Coleen Rowley. Sie vermutete, dass Menschen in Führungspositionen der Sicherheitsbehörden Sozial-Psychopathen sind, die in der Geheimniskrämerei ihren Trieb auslebten.

Es gab auch wissenschaftliche Vorträge zum Thema Whistleblowing. Die Hacker quittierten das, indem sie reihenweise das große Vortragszelt verließen. Die Australierin Suelette Dreyfuß stellte das Projekt Blowing Boldly vor, das die Haltung der Bevölkerung zum Thema untersucht. Eine Online-Umfrage erbrachte bis jetzt die Erkenntnis, dass Deutsche sich mit großem Abstand am stärksten für das Thema interessieren. Den Versprechungen von Zeitungen an potenzielle Whistleblower, dass ihre Daten geschützt sind, wird nicht geglaubt.

Silkie Carlo warnte die Anwesenden davor, dass Behörden Projekte wie Wikileaks dazu nutzten, die Notwendigkeit ihrer eigenen Existenz zu unterstreichen. Carlos Tipps an Whistleblower und Dissidenten: Seid patriotisch, sucht den Halt in einer starken Community im Land, dann habt ihr den nötigen Rückhalt und die Autorität, über ein Problem zu sprechen.

Hacker-Arbeitsplatz

(Bild: Detlef Borchers)

Der Höhepunkt des ersten Tages bildete eine Videoübertragung mit Julian Assange, der das große Vortragszelt zum Platzen brachte. 2009 hatte sich Assange zusammen mit Daniel "Schmidt" auf der HAR in Vierhouten präsentiert und die Öffentlichkeit gesucht, damit die Welt von "Wikileaks most wanted" erfährt und Dokumente einreicht. Diesmal sollte es nur die Camp-Öffentlichkeit sein. Journalisten wurde es untersagt, Fotos, Videos oder Soundbytes vom Auftritt Assanges anzufertigen, einige bekamen einen Aufpasser zur Seite. Was Hacker nicht daran hinderte, den kompletten Vortrag auf dem Smartphone mitzuschneiden.

Assange bezeichnete Bradley Manning als einen Märtyrer der Bewegung und beurteilte die Entscheidung des Gerichts als Propagandaaktion. Er führte aus, dass wir Zeugen sind, wie eine neue Staatsordnung entsteht, bei der die Sicherheitsapparate der Staaten die treibende Kraft sind. Das alles geschehe im Namen des internationalen "Kampfes" gegen den "Terrorismus". Gegenüber dieser Form des Globalisierungswahns müsse man verstärkt auf nationale Besinnung setzen und an regionale Bestrebungen anknüpfen. Vor allem aber müsse man sich einig sein: Die verschworenste Truppe gewinne den Kampf. Zur Zeit sei das die NSA.

Auch Assange hatte einen Appell an die Hacker parat: "Lasst euch nicht von denen erschrecken, lasst euch nicht paralysieren bei euren wichtigen Beiträgen zur Verbesserung dieser Welt." Dafür gab es tosenden Beifall. Nachdem viele Redner Assange Mut gemacht haben und dabei von einer Zukunft träumten, in der Assange, Manning und Snowden gemeinsam auf einem Sommercamp gefeiert werden können wie die unbesiegbaren Gallier, ging es hinaus in die Nacht, in der das Camp festlich strahlte. (anw)