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Österreich: Privatradios fordern Verkaufsverbot von UKW-Radios

Weil die Marktaussichten für Digitalradio in Österreich schlecht sind, fordern private Radiobetreiber drastische Maßnahmen: Der Verkauf nicht-digitaler Radioapparate solle verboten werden, und alle Neuwagen seien zwangsweise mit DAB+-Radios auszustatten.

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Radioapparat

Das Braun SK1 war in den 1950er-Jahren ein Designhit. Es funktioniert heute noch.

(Bild: Nite_Owl CC-BY-SA 2.0)

Eine aktuelle Studie der österreichischen Regulierungsbehörde RTR macht kaum Hoffnung auf eine tragfähige Entwicklung des Digitalradiomarktes: "Unter den aktuell bestehenden Rahmenbedingungen [bestehen] keine Voraussetzungen für einen profitablen Business Case", heißt es in dem am Mittwoch vorgestellten Dokument. Daher möchten die Privatradiobetreiber die Voraussetzungen radikal ändern. Sie fordern ein Verkaufsverbot für Radioapparate ohne Digitalempfang.

Außerdem sollen Autohersteller gezwungen werden, jedes neue Auto mit einem DAB+-Empfänger auszuliefern. Diese Forderungen finden sich immer wieder praktisch gleichlautend in veröffentlichen Stellungnahmen der Privatradiobetreiber, die sich natürlich auch viel höhere Subventionen wünschen. Zudem wird die Forderung nach zwangsweiser Ausstattung neuer Handys mit DAB+-Chip ventiliert.

Und natürlich soll das Ende der UKW-Ausstrahlung absehbar sein – aber nicht zu flott, denn ohne UKW gingen die Privatradios sofort pleite. Insgesamt haben sich 19 Programmveranstalter und vier potenzielle Infrastrukturbetreiber gemeldet, die DAB+ haben möchten. Für die zuständige Behörde KommAustria ist das genug, um bereits im Jänner 2017 die entsprechenden Frequenzen auszuschreiben. Ende nächsten Jahres sollen sie dann zugeteilt werden.

Das wirtschaftliche Risiko ist hoch. Denn die Österreicher haben nicht auf Digitalradio gewartet. Umfragen zeigen, dass sie mit dem UKW-Radioangebot zufrieden sind. Und jeder Haushalt kann UKW-Radio empfangen und verfügt im Schnitt über fünf UKW-Radios, die billig und einfach zu bedienen sind.

Moderator Steve Crilley im Hauptstudio von ORF FM4

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Übrigens man kann sich auf sie verlassen: "Unter technisch-strukturellen Gesichtspunkten ist ein UKW-Rundfunknetz zuverlässiger in der Krisenkommunikation einsetzbar als ein digitales Rundfunknetz", stellt die Studie fest.

In Wien gibt es schon seit mehr als einem Jahr einen DAB+-Versuchsbetrieb. Trotzdem kaufen die Leute weiterhin nur herkömmliche UKW-Empfänger. Selbst wenn jedes zweite verkaufte Radio DAB+ empfinge, würde es den Berechnungen zufolge 23 Jahre dauern, bis in jedem Haushalt ein DAB+-Empfänger stünde. Tatsächlich liegt der Verkaufsanteil aber nicht bei diesen fünfzig Prozent, sondern bei zwei Prozent.

Die nichtkommerziellen privaten Radioanbieter haben nichts über für DAB+: "Angesichts technischer Realitäten stellt die drahtlos terrestrische Verbreitung von Programmen über DAB+ eine zum Scheitern verurteilte, veraltete Technik dar", meint der Verband Freier Radios Österreich, der DAB+ für "betriebswirtschaftlich völlig unsinnig" hält.

Und Digitalradio würde weder zu Meinungsvielfalt noch zu besserer Programmqualität beitragen. UKW-Verbote und -abschaltungen würden die Hörer zudem nicht zu DAB+ sondern zu Streaming und Podcasts treiben.

Sendeanlage Kahlenberg, Wien

(Bild:  Wolfgang Schmidt CC-BY-SA 2.5 )

Die Radionutzung ist mit gut drei Stunden pro Österreicher und Tag zwar hoch, aber seit 2002 rückläufig. Für Werbetreibende ist Radio immer weniger interessant. In den zehn Jahren von 2005 bis 2014 kletterte der Bruttoumsatz von 176 Millionen auf gerade einmal 196 Millionen Euro. Der übrige Gesamtbruttowerbeaufwand stieg unterdessen von 2,6 auf 3,9 Milliarden Euro.

Die Privatradios (Vermarktung durch RMS Austria) verkauften 2014 sogar neun Prozent weniger Werbeminuten als noch 2005. Und weil DAB+ ja mehr Radioprogramme ermöglichen soll, würde der Werbekuchen noch weiter aufgeteilt.

Falls überhaupt: Bei Einführung von DAB+ "müssen österreichische Radioanbieter in ihren Real-Case-Szenarien davon ausgehen, in der Marktentwicklungsphase keine Umsatzerlöse zu erzielen", hält die Studie fest, und auch danach sind sieht es nicht gut aus. Neben der schwachen Werbenachfrage ist fraglich, ob die Österreicher Abos für Radio-Zusatzdienste zahlen möchten.

Gleichzeitig wären die Kosten für die meisten Programmanbieter deutlich höher: Sie müssen sowohl für UKW- als auch DAB+-Sender zahlen, und zusätzlich in DAB+-Zusatzdienste investieren. Dazu kommt ein mehrjähriger Werbeaufwand, um DAB+ bekannt zu machen.

"Erheblicher Subventionsbedarf" ist die logische Folge. Der Steuerzahler soll Millionen für Endgeräte, Werbeaktionen, die Programmproduktion und den technischen Sendebetrieb springen lassen. Die RTR stellt bis 2020 drei Millionen Euro in Aussicht. Die Privatradios wünschen sich das aber jährlich. Der öffentlich-rechtliche ORF fordert sogar 50 Millionen pro Jahr, davon zwölf Millionen für den parallelen Sendebetrieb und den Rest für "projektbezogene Mehrkosten".

Klar ist: Ohne ORF hat DAB+ überhaupt keine Chance, so stark ist seine Marktdominanz. Das sehen auch die privaten Mitbewerber so. Der ORF würde für DAB+ gerne eine ganze Reihe zusätzliche Radioprogramme produzieren, doch genau dagegen wehren sich die Privatradios. Denn dann sänke ihr sowieso geringer Marktanteil noch weiter.

Die Studie wirft auch einen Blick ins Ausland: "Zwanzig Jahre nach der Aufnahme des DAB-Regelbetriebs durch die BBC und ungeachtet einer landesweiten Verbreitung von insgesamt 300 digital verbreiteten Programmen verfügten im Jahr 2015 nur 54 % der britischen Haushalte über ein DAB-Radio". In Deutschland seien es bei DAB+ zehn Prozent, bei stark rückläufigen Zuwachsraten.

In der Schweiz und Norwegen sieht es besser aus. Dort hat ein intensiv beworbener Abschalttermin für UKW geholfen, woraus der Studienautor folgert: "Die Festlegung eines UKW-Abschalttermins für Österreich vor Beginn der Digitalradio-Einführung ist ein notwendiger Akt der Willkür."

Allerdings muss Schweden inzwischen den Ausstieg aus dem UKW-Ausstieg vollziehen. Nach 24 Jahren Kampf für DAB/DAB+ wurde der Komplettumstieg heuer begraben. Inzwischen werden sogar neue UKW-Programme lizenziert. Und auch in Deutschland wird DAB+ wieder in Frage gestellt. Die deutschen Landesmedianstalten hatten zwar erst kürzlich von einer zunehmenden Akzeptanz für DAB+ und Internet-Radion gesprochen, sehen aber absehbar keine Chance auf eine Abschaltung von analogem Radio-Empfang über UKW. (ds)

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