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Österreichs Privatradios wollen mit DAB+ den ORF einholen

Weil die Frequenzsituation bei UKW die Marktmacht des ORF einzementiere, wollen österreichische regionale Privatradios rasch DAB+ haben. Aber nicht alle wollen ein Verkaufsverbot für reine UKW-Radios.

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Rot-beiges Radio

Philips' Transistor Seven wurde bis in die 1960er-Jahre verkauft. Es empfängt Lang- und Mittelwelle.

(Bild: Joe Haupt CC-BY-SA 2.0)

Eine Reihe privater regionaler Radioveranstalter Österreichs sieht in DAB+ ihre Zukunft. Denn bis heute habe der öffentlich-rechtliche Ex-Monopolist ORF etwa 70 Prozent Marktanteil. Das liege unter anderem an der Ausstattung des ORF mit mehr und besseren UKW-Frequenzen, meinte Wolfgang Struber, stellvertretender Obmann des Vereins Digitalradio Österreich (VDÖ). "Bei Digitalradio haben alle die gleichen Voraussetzungen", sagte Struber zu heise online, "Damit wird die Schieflage erstmals aufgehoben."

Die Abdeckung Wiens mit dem experimentellen DAB+-Signal

(Bild:  VDÖ )

Der Verein Digitalradio Österreich strahlt seit über einem Jahr ein experimentelles DAB+-Signal über Wien aus und hofft auf einen baldigen DAB+-Regelbetrieb. 2018 könnte es losgehen, denn die Regulierungsbehörde KommAustria will nächstes Jahr die notwendigen Frequenzen vergeben. Allerdings macht eine aktuelle Studie der Regulierungsbehörde RTR kaum Hoffnung auf tragfähige Geschäftsmodelle mit DAB+.

Dazu kommt die politisch brisante Forderung des ORF nach einem zusätzlichen Budget von 50 Millionen Euro jährlich, davon 38 Millionen für "projektbezogene Mehrkosten" und 12 Millionen für den parallelen Sendebetrieb. "Das muss man kritisch hinterfragen", meinte Struber, "DAB+ ist wesentlich kostengünstiger als vom ORF angenommen." Ein DAB+-Programm mit 85 Prozent technischer Reichweite auszustrahlen werde etwa 150.000 Euro jährlich kosten, während das einzige bundesweite Privatradio für seine 95-prozentige UKW-Reichweite zirka 3,5 Millionen zahle.

In einer Eingabe bei der Regulierungsbehörde fordert der Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) ein gesetzliches Verkaufsverbot für nicht-digitale Radioapparate. Gemeint sei damit, "dass alle Radioempfangsgeräte, die in den Verkauf kommen, in Zukunft hybrid sein sollen", nämlich DAB+ und UKW können, wie der VÖP gegenüber heise online betonte.

Ausschnitt aus den VÖP-Forderungen

"Vorschrift für den Handel, zum Beispiel ab 2018 nur noch Radiogeräte mit DAB+ Tuner zu verkaufen", wünscht sich Radio Maria, während ERF Medien Österreich meint: "Sinnvoll wäre es auch, wenn der Handel möglichst nur noch Geräte mit DAB+-Empfangbarkeit verkaufen dürfte." Und Herold Business Data möchte neben dem Handel auch die Hersteller in die Pflicht nehmen: "Entsprechende Handelsvorschriften müssen errichtet bzw. den Herstellern entsprechende Auflagen gemacht werden." Alle drei sind Mitglieder des Vereins Digitalradio Österreich.

"Der Handel sollte möglichst nur Geräte mit DAB+ absetzen dürfen", heißt es auch im Dokument des VDÖ. Damit sei aber kein Verbot gemeint, führte Struber aus: "Vielleicht ist der Gesetzgeber der falsche Adressat. Wir sprechen hier von keinem Verbot. Wir denken daran, dass die Endgeräte von morgen UKW und DAB+, und möglichst auch Webstreams, empfangen können."

DAB+ erlaubt die programmbegleitende Übertragung von Standbildern.

(Bild:  James Cridland CC-BY 2.0 )

Es gelte, den Handel zu überzeugen, nur noch Hybridradios zu verkaufen. Der Hebel seien neue Spartenprogramme: "Niemand kauft sich bewusst ein DAB+-Radio. Die Leute mögen beispielsweise ein neues Spartenprogramm für Schlagermusik und kaufen ein Gerät, mit dem sie das empfangen können."

Bei Kfz sind sich VÖP und VDÖ einig: Neufahrzeuge sollen nur noch mit DAB+-Endgerät zugelassen werden. Das diene der Verkehrssicherheit und der Stauvermeidung. Mit dem Zusatzdienst TPEG könnten Informationen schneller und lokalisierter übertragen werden als mit dem über UKW verbreiteten TCM-Signal.

Zudem könne DAB+ weitere Sicherheitsfunktionen erfüllen, etwa durch die Ausstrahlung von Zivilschutz-Texten in mehreren Sprachen ("Emergency Warning Functionality"). In Krisensituationen würden Regierungen oft das Internet abschalten und dann seien Radiosender unerlässlich.

Die RTR-Studie empfiehlt einen fixen Abschalttermin für alle UKW-Sender, um den Zustrom der Hörer zu DAB+ zu beschleunigen. Das sehen auch manche Privatradiobetreiber so, aber nicht Struber: "Ich halte nichts von einem fixen Abschaltdatum. Mit UKW verdienen wir unser Geld. Frei werdende Frequenzen sollen nicht neu vergeben werden. Aber ganz soll erst abgeschaltet werden, wenn es eine gewisse Verbreitung von DAB+-Empfangsgeräten gibt."

Wolfgang Struber ist stv. Obmann des Vereins Digitalradio Österreich und Geschäftsführer eines Radiosenders.

(Bild: Flo Moshammer/goodlifecrew.at)

Andernfalls würden zu viele Hörer von UKW zu Internetstreams wechseln anstatt zum Digitalradio. Auf eine genaue Messlatte für die Endgeräteverbreitung will sich Struber aber nicht festlegen. Weitere Forderungen des VDÖ sind eine Aufhebung der bestehenden Beschränkung auf zwei Radioprogramme pro kommerziellem Betreiber, sowie eine Aufstockung der Subventionen aus dem Digitalisierungsfonds von 500.000 auf 1,2 Millionen Euro jährlich.

Der Branchenverband VÖP fordert mehr, nämlich 3 Millionen Euro pro Jahr. Er will dem ORF "kompromisslos" keine weiteren Programme erlauben, schon gar kein Kinder- oder Jugendradio. Der VDÖ sieht das nicht so streng: Keine neuen Regionalsender für den ORF, aber zwei weitere bundesweite Programme seien in Ordnung, darunter zum Beispiel ein Kinderradio.

Aber die neuen Programme müssten komplett werbefrei, also gebührenfinanziert sein, hält der VDÖ fest. Der ORF selbst will acht neue Radioprogramme produzieren und reklamiert insgesamt die Hälfte der DAB+-Übertragungskapazität für sich. (ds)

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