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Online-Aktivisten gehen gegen Scientology auf die Straße

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Die sechsten internationalen Kundgebungen der Internet-Bewegung Anonymous verliefen abermals friedlich und ohne wesentliche Zwischenfälle. Das Motto hieß diesmal "Spy vs. Sci", eine Anspielung auf die von Kritikern oft als "Geheimdienst" bezeichnete "Office Of Special Affairs" der umstrittenen Organisation Scientology.

Berliner Online-Aktivisten gegen Scientology (8 Bilder)

In Berlin hatten sich einige Anonyme gemäß dem Demo-Motto "Spy vs. Sci" als Geheimagenten verkleidet.

Seit Februar gehen Mitglieder von Anonymous global koordiniert im Monatsrhythmus auf die Straße, um gegen die Vorgehensweisen der Scientology-Organisation zu demonstrieren. Die Planung findet in erster Linie über Wikis, Web-Foren und IRC-Chat-Server statt.

Anonymous ist eine Gruppierung ohne Anführer, Mitgliedslisten oder feste Organisation. Die Bewegung war ursprünglich ausschließlich im Internet zuhause. Seit Februar veranstaltet Anonymous auch Aktionen in "Real Life". Mitmachen kann jeder, der sich der Sache verbunden fühlt.

Die derzeitigen Aktionen haben ihren Ursprung in einem mittlerweile berüchtigten Tom-Cruise-Video. Als Scientology-Anwälte versuchten, den Clip aus dem Netz zu entfernen, wurde dies als aggressive Zensur verstanden. Die anonymen Netzaktivisten begannen, sich über Scientology zu informieren und beschlossen, mit weltweiten Protesten auf umstrittene Praktiken der Organisation aufmerksam zu machen. Wo möglich, treten sie mit Masken und Kostümen auf. Dies unterstreicht einerseits den Charakter der Bewegung, soll die Teilnehmer andererseits auch vor Angriffen durch Scientology schützen.

Im März fanden weltweit über 9000 Demonstranten zusammen. Seitdem ist die Zahl der Offline-Aktivisten allerdings mit jeder Veranstaltung deutlich geschrumpft: Aktuellen Zahlen zufolge kamen am vergangenen Samstag insgesamt nur noch etwas über 2100 Teilnehmer zusammen.

Hierzulande fanden Demonstrationen in Berlin, Düsseldorf, Freiburg, Hamburg, München und Stuttgart statt. Auch hier gingen die Teilnehmerzahlen zurück, nur Düsseldorf trotzte dem Trend. In Frankfurt gab es diesmal keine Kundgebung, dafür kamen in Freiburg immerhin vier Demonstranten zusammen.

Ganz anders in Großbritannien: Insbesondere in London nahm die Menge der Anonymen deutlich zu. In der Metropole gingen über 600 Demonstranten auf die Straße, doppelt so viele wie im Juni. Zu den Teilnehmern gehörten die US-amerikanischen Scientology-Kritiker Tory "Magoo" Christman und Mark Bunker. Im Vormonat hatten Anonymous-Mitglieder für Flugtickets gesammelt.

So erscheint es derzeit verfrüht, die Anonymous-Bewegung auszuzählen. Viele Aktivisten verlagern sich auf spontane "Flash Raids", bei denen sie "Persönlichkeitstests" anbietende Scientology-Stände belagern.

Die knapp 50 Berliner Demonstranten veranstalteten am Samstag einen Umzug durch die Innenstadt und marschierten dabei erstmals auf der Straße. Am Kurfürstendamm verteilten die Teilnehmer zahlreiche Flugblätter und Kärtchen, die auf eine Informations-Website verweisen. Die Passanten reagierten auf die maskierten Demonstranten vor der Gedächtniskirche größtenteils positiv.

Scientology reagiert auf die Proteste uneinheitlich. In einigen Städten schickte die Organisation auf Konfrontationen spezialisierte Mitglieder zu den Kundgebungen, um die Teilnehmer in Diskussionen zu verstricken und abzulenken. Gegen Ende der Berliner Kundgebung formierte sich eine Traube maskierter Anonymer um die Präsidentin der örtlichen "Scientology Kirche". Anderorts versucht Scientology, die Polizei von der Gefährlichkeit der Demonstranten zu überzeugen – mitunter offenbar mit Erfolg. So wurden Anonyme im britischen Plymouth vor Augen der Scientologen zur Demaskierung gezwungen. Die nächsten weltweiten Demonstrationen sollen am 16. August stattfinden. (ghi)

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