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Online-Musik: Die digitale Mauer fällt bei EMI und Apple

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Es sind nicht die Beatles, wie manche Berichte seit der Ankündigung der Veranstaltung am gestrigen Sonntag spekulierten. Die Fab Four haben einmal die Musikbranche revolutioniert, heute sorgte dafür Eric Nicoli. Der CEO des Major Labels EMI läutete auf einer kurzfristig angekündigten Veranstaltung am heutigen Montagnachmittag das Ende des digitalen Rechtemanagements (DRM) ein. EMI, bisher in Sachen Kopierschutz und Piraterie-Bekämpfung eine feste Stimme im Chor der Big Four, der vier großen Musikkonzerne, weicht von der bisher eisern verfolgten Linie ab und will das digitale EMI-Repertoire online künftig ohne digitale Kopierschutztechniken verkaufen. Das kündigte EMI-Chef Eric Nicoli am heutigen Montagnachmittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Steve Jobs in der umdekorierten EMI-Kantine in London an. Welches Format die Songs haben, soll der jeweilige Betreiber eines Online-Musikshops selbst entscheiden können, laut EMI ist MP3, WMA, AAC und "jedes andere Format" möglich. Das Angebot soll die bislang verfügbaren digitalen EMI-Angebote, die auf DRM setzen, ergänzen; dazu gehören auch die Abo-Dienste.

Zuerst werden die kopierschutzfreien Tracks bei Apple erhältlich sein. Die im AAC-Format kodierten Tracks kommen ab Mai mit "doppelter Qualität" (256 kBit/s) als die bislang verfügbaren 128 kBit/s und zu einem höheren Preis (1,29 US-Dollar/Euro pro Song) weltweit in den iTunes-Store, Upgrades bereits gekaufter Songs auf die DRM-freie 256-kBit/s-Version sind für 30 Cent möglich. Wer ein komplettes Album kauft, bekommt es DRM-frei in der höheren Qualität zum bislang gültigen Preis von in der Regel 9,99 US-Dollar/Euro. Die bisherigen Versionen von Einzeltracks mit DRM in 128 kBit/s AAC sollen zum alten Preis weiterhin verfügbar sein – ohne DRM werden zumindest die Einzeltracks teurer.

Die Präsenz des Apple-Bosses, der als Special Guest angekündigt wurde, deutete die folgenschwere Ankündigung bereits an. Jobs hatte es im Vorfeld geschickt verstanden, sich mit einem flammenden Plädoyer gegen Digital Rights Management (DRM) in der Debatte um den von Konsumenten ungeliebten Kopierschutz an eine Entwicklung zu hängen, die auch ohne ihn bereits Fahrt aufgenommen hatte. Zahlreiche Indie-Labels vermarkten ihre Musik bereits erfolgreich über verschiedene Online-Kanäle, nur bei iTunes wurde auch ihnen Apples proprietärer Kopierschutz übergestülpt. "FairPlay", wie das Apple-DRM heißt, lässt den Anwendern im Vergleich zu anderen Systemen noch eingermaßen Spielraum, macht aber eine wesentliche Einschränkung: Bei iTunes gekaufte Musik ist nur auf Umwegen auf einen MP3-Player zu kriegen, der nicht von Apple ist.

FairPlay sei Apples Zugeständnis an das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis der Industrie und habe iTunes erst möglich gemacht, hatte Jobs das eigene System gerechtfertigt. Doch hat so ein geschlossenes System aus Hardware, Software und dem Vertrieb noch einen weiteren Vorteil für den Anbieter: Er profitiert an allen Ecken. Im Gegenzug erhält der Verbraucher ein ausgereiftes System, innerhalb dessen er sich komfortabel bewegen kann. Auch Microsoft schwebt mit dem Zune-Universum so ein geschlossener Kreislauf vor. Sollte sich der Trend zu DRM-freier Musik nach EMIs Paradigmenwechsel fortsetzen, dürfte Redmond damit allerdings etwas spät dran sein.

Und davon ist auszugehen. Denn nicht nur europäischen Verbraucherschützern sind die digitalen Fesseln, die DRM dem Konsumenten anlegt, zu viel des Guten. Die Kunden murren schon lange über die Bevormundung der Industrie und verlieren sich im Dickicht der verschiedenen Vorschriften. Kein Mensch weiß mehr genau, wie oft er seine online gekaufte Musik auf eine CD brennen darf – oder ob er das überhaupt kann. Der Konsument sucht nach einfachen Lösungen. Die findet er derzeit nur bei illegalen oder zumindest fragwürdigen Angeboten. Die bisherige Strategie der großen Musik-Labels ist einseitig: Filesharing und Anbieter wie der nicht legitimierte russische Musik-Discounter AllofMP3 werden mit allen Mitteln bekämpft, die Rechtsabteilung und PR aufbieten können. Das könnte sich als Holzweg erweisen. Die Klagewelle des US-Verbandes der Musikindustrie gegen einzelne angebliche Filesharer gerät gerade ins Stocken; der Ruf der Branche hat sich dramatisch verändert.

Mit EMIs Verzicht auf DRM versucht nun das erste Major Label, sich dem veränderten Markt und den Erwartungen der Konsumenten anzupassen, anstatt sich mit aller Gewalt dagegen zu stemmen. Spätestens seit Februar hatte EMI mit den Betreibern großer Online-Plattformen – darunter neben Apple auch Amazon oder Yahoo – um die Konditionen eines DRM-freien Vertriebs gerungen. Doch seien die Gespräche ergebnislos geblieben, weil sich die Vertreter der Online-Verkaufskanäle weigerten, die von EMI als Kompensation für mögliche Raubkopien geforderte substanzielle Vorauszahlung zu leisten. Zudem wurde der Plan durch die parallel laufenden Übernahmegespräche mit Warner Music erschwert. Der an einer Übernahme EMIs interessierte US-Major ist erklärter Befürworter des DRM. Unklar ist daher, welche Konsequenzen EMIs Abweichen vom DRM-Pfad für die mögliche Ehe mit Warner hat.

EMI hatte ausgerechnet am 1. April recht kurzfristig zu einer mysteriösen Presseveranstaltung eingeladen und ein "aufregendes, neues digitales Angebot" angekündigt. Angesichts der hochkarätigen Besetzung mit CEO Nicoli und Special Guest Steve Jobs schossen die Spekulationen sofort ins Kraut. Nicht alle dachten dabei sofort an den Kopierschutz. Apple würde die als Download bisher nicht erhältlichen Beatles in den iTunes-Store bringen, summte das spekulationsfreudige Medienumfeld des Apple-Konzerns und nahm damit Gerüchte vom vergangenen November wieder auf, die nach der Einigung Apples mit dem Beatles-Label Apple Corp. über Markenrechte im Februar neue Nahrung erhalten hatten. Und bei Jobs' Präsentation des iPhone gab es "Lovely Rita" zu hören, während in der Präsentation das Cover von "Sgt. Peppers" auf dem Handy-Display zu sehen war. Vielleicht hebt sich Jobs das für einen seiner künftigen Auftritte auf. (vbr)

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