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Rückschlag für Gezeitenkraftwerke: Open Hydro ist pleite

Open Hydro, führender Entwickler staudammloser Meeresturbinen, ist bankrott. Das stellt die Zukunft der Gezeitenkraftwerke in Frage.

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Turbine auf Lastkahn

Eine Open-Hydro-Turbine bei Fundamentarbeiten in Halifax, Neuschottland, Kanada

(Bild: Christopher Briand/Critical Exposure)

Mindestens 280 Millionen Euro Schulden hinterlässt die Open-Hydro-Firmengruppe, nachdem die Mutter Naval Energies Anfang des Monats den Geldhahn zugedreht hat. Open Hydro war der führende Entwickler und Betreiber riesiger Turbinen, die in Meerengen mit starken Gezeiten-Strömungen elektrischen Strom gewinnen können. Etwa 140 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze, Anschlusskonkurse unbezahlter Lieferanten werden insbesondere in Irland und Neuschottland befürchtet. Zu den Geprellten gehört aber etwa auch die Briese Schiffahrt aus Leer.

Der staudammlose Ansatz zur Stromproduktion aus Gezeitenkraft heißt auf Englisch In-Stream Tidal Power. Die starken Strömungen, davon mitgerissenes Geröll, konstante Sandbestrahlung und vor allem chaotische Wasserturbulenzen stellen extreme Anforderungen an das Material. Das zeigte sich besonders im Minas-Becken vor der Küste Neuschottlands, wo es ungewöhnlich starke Gezeitenströmungen gibt.

Kanada und dessen Provinz Neuschottland haben dort das Testzentrum FORCE eingerichtet, wo mehrere Betreiber Gezeitenkraft-Turbinen testen dürfen. Gelungen ist das bisher nur Cape Sharp Tidal, einem Joint Venture Open Hydros mit dem neuschottischen Energieunternehmen Emera. Anfang November 2016 hatte Cape Sharp Tidal dort eine Gezeitenkraft-Turbine mit bis zu zwei Megawatt Leistung und etwa tausend Tonnen Gewicht auf den Meeresboden gestellt.

Kurz darauf lief erstmals die Stromeinspeisung aus Gezeitenkraft in das regionale Netz an. Fünf Jahre ununterbrochener Testbetrieb waren geplant, geworden sind es nicht einmal fünf Monate. Im März 2017 ging die Turbine offline. Wasser dürfte in das Kontroll- und Umspannmodul eingedrungen sein. Es dauerte Monate, bis die Gezeitenkraft-Turbine geborgen und untersucht werden konnte.

Der Zeitraffer zeigt die Absenkung der ersten Turbine 2016 im Minas Becken vor der Küste Neuschottlands.

Damals kündigte Cape Sharp Tidal an, noch im selben Jahr eine zweite Turbine in Betrieb nehmen zu wollen. Doch die erheblichen Schäden an der ersten Turbine erforderten neue Entwicklungsarbeit, so dass die neue Turbine erst vor wenigen Wochen, am 22. Juli 2018, installiert wurde. Das neue Kontroll- und Umspannmodul war von Briese Schiffahrt aus Europa nach Kanada gebracht worden, die Rechnung von laut Medienberichten rund 600.000 Euro ist unbezahlt. Ab 24. Juli speiste die neue Turbine Gezeitenstrom ins neuschottische Netz.

Eine französische Gezeitenkraft-Turbine Open Hydros

(Bild: Open Hydro)

Doch wenige Tage darauf kam die Hiobsbotschaft der Pleite Open Hydros. Da die Mitarbeiter nun ohne Gehalt dastehen, überwachen sie die Turbine nicht länger, so dass die Anbindung ans Stromnetz getrennt werden musste. Die Turbine hat keine Bremse, dreht sich also weiter. Doch Einnahmen gibt es keine mehr, und auch die mitinstallierten Umweltsensoren sind nun offline. Das treibt die lokalen Fischer auf die Barrikaden.

Die Fischer stehen dem Gezeitenkraftprojekt seit jeher ablehnend gegenüber; mehrfache Beschädigung ihrer Hummer-Fallen durch Open-Hydro-Schiffe haben die Stimmung nicht verbessert. Auch sie fürchten jetzt um den Schadenersatz für die bei der jüngsten Turbineninstallation zerstörten Fallen. Die aufwändige Bergung der Anlage ist ebenfalls noch ungeklärt.

Minderheitspartner Emera hoffte auf gute Nachrichten des irischen Masseverwalters, etwa einen neuen Investor, und wartete noch knapp zwei Wochen. Doch am Montag hat auch Emera die Reißleine gezogen: "Von Beginn an haben wir gewusst, dass Open Hydros Gezeitenkrafttechnik ein Wegbereiter ist und Investitionen in ein nicht-kommerzielles Vorführprojekt zum Beweis der Tauglichkeit erfordert", hält Emera fest, "Ohne Unterstützung des Entwicklers Open Hydro für Betrieb und Wartung (…) glauben wir nicht, dass die Verfolgung dieses Projekts Wert für unser Geschäft hat."

Emera hat nach eigenen Angaben zwölf Millionen kanadische Dollar (etwa acht Millionen Euro) in die Zusammenarbeit mit Open Hydro investiert. Die Provinz Neuschottland muss wohl mindestens das Dreifache abschreiben, was bei weniger als einer Million Einwohner ein schmerzhafter Verlust ist. Die erhofften 22.000 Arbeitsplätzen durch blühende Exporte von Gezeitenkrafttechnik bleiben ein Traum. Projekte anderer Turbinenbetreiber sind in dem FORCE-Testgebiet nicht in Sicht.

Lynn R. Blodgett auf der Konferenz Marine Renewables Canada 2017 in Ottawa. Mit seiner Firma Big Moon Power verfolgt er einen unorthodoxen Ansatz zur Gezeitenkraft-Verstromung.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Einen funken Hoffnung macht das exzentrische Projekt des ehemaligen Xerox-Managers Lynn Blodgett. Er will auf der gegenüberliegenden Seite des Minas-Beckens einen [Update] Generator [/Update] platzieren – aber nicht nicht im Wasser, sondern an Land. Er soll durch ein Seil mit einem Kahn verbunden werden, der von der Meeresströmung die Küste entlanggetrieben wird, bei Flut in der einen Richtung, bei Ebbe in der anderen.

Diese Zugkraft soll den Generator antreiben, ohne dass empfindliche Technik direkt den Wasserkräften ausgesetzt ist. Das Projekt firmiert als Big Moon Power, Details verrät Blodgett bislang nicht.

In Schottland hatte Open Hydro schon seit 2006 mit verschiedenen Turbinen-Designs in kleinerer Ausführung experimentiert. In Frankreich wurden 2016 zwei große Turbinen in Betrieb genommen. Dort erwartete Open Hydro weitere Aufträge.

Doch der jüngste Energieplan der französischen Regierung enttäuschte diese Hoffnungen. Die bis 2028 geplanten 100 bis 150 MW Gezeitenkraft-Turbinen sind Naval Energies zu wenig. In Großbritannien müsste Open Hydro mit Offshore-Windkraft konkurrieren, was preislich nicht zu stemmen ist. Und auch in Neuschottland wären die hohen Einspeisetarife für Gezeitenkraft auf absehbare Zeit zurückgefahren worden.

260 Millionen Euro hat Naval nach eigenen Angaben über die Jahre in Open Hydro investiert, pro Woche würde eine Million Euro hinzukommen. Damit ist nun Schluss: "Der Abstand zwischen der Technik und der Marktnachfrage, und das Fehlen wirtschaftlicher Aussichten auf lange Sicht, zwingen Naval Energies dazu, die Entwicklung der Gezeitenkraft zu einem Ende zu bringen", sagt die französische Firma, die selbst Teil des Atomkraft- und Waffenkonzerns DCNS ist. Naval will sich nun auf schwimmende Windräder sowie Meereswärmekraft (Ocean Thermal Energy Conversion, OTEC) konzentrieren. Dabei werden Temperaturunterschiede des Wassers zur Stromgewinnung genutzt. (ds)

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